Geschichte

Wir treffen uns nach dem Krieg

Dutzende Kriegsgeschichten wurden in den letzten Jahren in Comicform adaptiert. Art Spiegelmans "Maus" hat die Form der graphischen Novelle berühmt gemacht und einen wahren Boom ausgelöst. Zwei Jahre nach der Verleihung des Pulitzerpreises an Spiegelman (1992) veröffentlichte der Zeichner Mark van Oppen (Marvano) einen Comic mit dem Titel "Berlin. Die sieben Zwerge" eine historisch verankerte Erzählung. Ende der 90er nimmt sein Verlag Dupuis den Titel aus dem Programm. Dennoch entschied sich der belgische Zeichner, seine Geschichte fortzusetzen. Der Dargaud-Verlag hat diese Wiederaufnahme der Geschichte nun belohnt und in sein Programm aufgenommen. Seit 2005 haben Zeichner und Verlag die Neuauflage und Fortsetzung der Berlin-Geschichte geplant und im Sommer 2007 kamen die ersten beiden Bände in den französischen Buchhandel. Im Februar nächsten Jahres soll ein dritter Band Marvanos Novelle abschließen.

Der erste Teil der Marvano-Trilogie wurde auch in Deutschland bekannt. Unter dem Titel "Die sieben Zwerge" ist er 1995 im Tilsner-Verlag unter der Rubrik SPEED Comics erschienen. Dieser erste Teil der Berlin-Trilogie erzählt gnadenlos offen die Geschichte des 19-jährigen britischen Luftwaffepiloten David Auberson im Kampf gegen die Deutschen 1943. Die siebenköpfige Besatzung des Fliegers "Schneewittchen" stellen die "sieben Zwerge", die todesmutig die Flakgeschütze in Norddeutschland überfliegen müssen, um die Hauptstadt des Dritten Reiches anzugreifen. Marvano schildert auf eindrucksvolle Weise die tägliche Todesangst der noch so jungen Piloten, die patriotisch ihren Dienst - oft der erste und letzte zugleich - tun. Er gibt Einblick in das Leben als Pilot im Kriegseinsatz und legt dabei die Intensität dieses Daseins zwischen Leben und Tod offen. Die immer gleichen Witze vor dem Abflug ("Wenn der Fallschirm nicht funktioniert, bring ich ihn dir zurück, Schätzchen."), die immer gleiche Sehnsucht nach einem Mädchen in der Heimat oder auf dem Stützpunkt, das immer gleiche Chaos im Kampf, der immer gleiche Abschied von umgekommenen Freunden und Kameraden - und immer die Furcht im Nacken, als Nächster erwischt zu werden. Die wirkungsvollen und abwechslungsreichen Seitenkonstruktionen unterstützen die vermittelten Fakten glanzvoll.

Doch dies ist kein Klagelied eines Piloten, sondern vielmehr Plädoyer gegen den Krieg, in dem Existenzen ausgelöscht werden und die Barbarei die Oberhand über die Menschlichkeit gewinnt. Leidtragender, auch das macht Marvano deutlich, ist immer der Mensch. "Berlin oder London, was macht das schon für einen Unterschied für diejenigen, auf die die Bomben niedergehen?" Und was treibt einen Piloten wie David Auberson, 19 Jahre jung, unerfahrenen und voller Lebenslust, an, den Tod vor Augen jede Nacht in die Luft zu steigen und in den Kampf zu fliegen? "Wir treffen uns nach dem Krieg. Im "Grey House’ um acht Uhr!", schreibt er an seine Geliebten in einem Brief. Allein dieser Brief, den dieser Comic bildhaft rezitiert, kann dem Leser die Geschichte des Piloten Auberson übermitteln. David Auberson, der in der Nacht vom 17. zum 18. August abgeschossen und später in Holland von der Gestapo verhaftet wurde. Seitdem ist er verschwunden. Auch keiner der anderen sechs verbleibenden "Zwerge" der "Schneewittchen" hat den Krieg überlebt. Alle der Möglichkeit beraubt, alt zu werden, wie so viele junge Männer, die der Krieg verschlungen hat.

Der zweite Teil der Trilogie spielt zu Beginn des Kalten Krieges in den Trümmern Berlins. Zwischen den einstig alliierten Mächten hat sich ein Kampf um Macht und Einfluss entwickelt, der dort 1948 in der Notwendigkeit der Luftbrücke gipfelt. Hier nimmt der zweite Band die vorherige Geschichte auf. Nicht alle der "sieben Zwerge" sind im Krieg umgekommen, sondern Leroy Spencer Stuart ist noch am Leben und nun zur Versorgung der Westsektoren im Einsatz. Er hatte den Abschuss seiner Maschine nicht miterlebt, da er in der Unglücksnacht krank auf dem Luftwaffenstützpunkt geblieben ist. Stuart verkörpert den als "Schokoladenbomber" berühmt gewordenen Flieger Gail Halvorsen.

Marvano entspinnt hier eine Geschichte um den Wettlauf der Siegermächte nach wertvollen Dokumenten und Unterlagen deutscher Wissenschaftler und führender Nazis. Dabei strickt er das mysteriöse Verschwinden des Generals der Waffen-SS Hans Kammler ein, der im Dritten Reich für die Raketenprogramme verantwortlich zeichnete. Kammler verschwand in der Nachkriegszeit. Sein Verschwinden sorgte immer wieder für Spekulationen, die in Verbindung mit dem Schmuggel von Konstruktionsunterlagen standen. In Marvanos Geschichte ist es ein Sohn Hans Kammlers, Reinhard, der im Besitz wichtiger Dokumente ist und diese vor den Sowjets in Sicherheit bringen will. Stuart ist in diesem Wettlauf um Informationen nur ein kleines Fähnchen im Wind, der sich davon seinen persönlichen Vorteil verspricht. Reinhard überredet ihn, eine Kiste, die angeblich mit Gold gefüllt ist, nach Westdeutschland auszufliegen. In der Hoffnung, den Jungen überlisten zu können, sagt er zu. Doch es kommt alles ganz anders.

Marvano gelingt hier fast ein Thriller. Er strickt dabei viele Details ein, die das individuelle Elend dieser Zeit deutlich machen. So beschreibt er die ihr Leben lang nationalsozialistisch indoktrinierten Kriegswaisen, die sozial vernachlässigt zu extremer Gewaltbereitschaft neigen. Reinhard steht für diese scheinbar verloren gegangene Generation. Um sich scharrt er eine Gang gewaltbereiter und höriger Jugendlicher, die ihr Umfeld terrorisieren und immer noch die einst vermittelten Werte hochhalten. Gnadenlos macht Marvano auch deutlich, dass in einer Zeit des Übergangs jeder sich selbst am nächsten steht. Loyalität, Ehre und Verpflichtung wiegen in solchen Zeiten gering. Marvano sieht hier auch nicht den Krieg beendet, sondern allenfalls im Übergang zum nächsten Kampf. "Ein Krieg ist nicht beendet, wenn die Kanonen schweigen. Dann gibt es weniger, als während des Krieges. Weniger Nahrungsmittel, weniger Kohle, weniger Kleidung, Weniger von allem. Weniger Glaube, Hoffnung und Liebe."

In historischen Einschüben auf einer abgesetzten Ebene werden in beiden Bänden historische und biografische Hintergründe präsentiert, die die Erzählung so einordnen und ein tieferes Verständnis möglich machen. Die klaren Linien und dezenten Farben machen die Treue zur belgischen Schule deutlich. So ist es nicht verwunderlich, dass der Stil an E.P. Jacobs Welterfolg "Blake and Mortimer" denken lässt. Marvano ist ein hervorragender Comic gelungen, der die Zeit bis zum nächsten Band lang erscheinen lässt.

Diese Buchbesprechung ist ursprünglich beim Titel-Magazin erschienen.
Berlin
Marvano
Claude Legris

Berlin


Les sept nains (Band 1), Reinhard le goupil (Band 2)
Dargaud 2007
56 / 64 Seiten, broschiert

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