Literatur

Jenseits aller Unschuld

Einhundert Tage dauerte der Völkermord in Ruanda, der im April 1994 seinen Anfang nahm und bis zum Juli mindestens 800.000 Menschen das Leben kostete. Der ruandische Genozid ist letztlich nur eines der vielen Beispiele für den scheinbar nie enden wollenden Kampf zwischen sesshaften Bauern und nomadischen Viehzüchtern, der eine Vielzahl der afrikanischen und arabischen Bürgerkriege bestimmt. Die Angehörigen der vorwiegend bäuerlichen Hutu-Mehrheit töteten in einem Blutrausch fast dreiviertel der in Ruanda nomadisch lebenden Tutsi-Minderheit. Hutu-Angehörige, die sich nicht an den Massakern beteiligten oder gar gegen diese einzuschreiten versuchten, wurden als Kollaborateure der als "Kakerlaken" bezeichneten Tutsi umgebracht. Neben den militärischen Regierungsträgern beteiligten sich insbesondere bewaffnete Hutu-Milizen an den Massenmorden, unterstützt von der Hass-Propaganda des Radiosenders Mille Collines.

Auslöser für das afrikanische Blutbad östlich des Kivu-Sees war der Abschuss der Präsidentenmaschine am 6. April 1994 über Kigali, bei dem der aus der Bevölkerungsgruppe der Hutu stammende Präsident Habyarimana ums Leben kam. Wer für dessen Tod verantwortlich ist, ist bis heute nicht geklärt. Unzweifelhaft ist aber, dass sich der Anschlag gegen den von Habyarimana unterzeichneten Friedensvertrag von Arusha richtete, der die jahrzehntelangen Kämpfe zwischen den ethnischen Parteien in Ruanda beenden sollte. So können sowohl die Extremisten der Hutu-Power-Bewegung den Tod des Präsidenten verursacht haben als auch Mitglieder der Tutsi-Rebellengruppen.

Hutu und Tutsi standen sich in Ruanda seit der Unabhängigkeit 1962 feindlich gegenüber. Seitdem führten die Hutus das Land, während die Tutsi von den höheren Positionen ausgeschlossen blieben. Hutu und Tutsi, Kurze und Lange, breite Nasen und schmale Nasen - die Verwendung sozialdarwinistischer Kategorien zur In- und Exklusion wurde in Ruanda von den belgischen Kolonialherren übernommen, die diese mehr oder minder willkürlich einführten. "Wer mehr als zehn Kühe besaß, war ein Langer, weniger bedeuteten, dass man zu den Kurzen zählte." Das Zeichen der Verdammnis in den von Lukas Bärfuss verarbeiteten Hundert Tagen befand sich auf der Identitätskarte, die unübersehbar zeigte, was der Besitzer war und nicht war. Lukas Bärfuss beschreibt in seinem Debütroman die einhundert Tage des ruandischen Mordens aus der Sicht des Schweizer Entwicklungshelfers David Hohl, der für die eidgenössische Direktion für Entwicklungszusammenarbeit in Kigali tätig ist. Indem Bärfuss die Erfahrungen und Begebenheiten der vier Dienstjahre vor Davids inneren Auge ablaufen lässt, spannt der Autor ein Panorama, das die Atmosphäre in Ruanda und die herrschenden Lebensumstände vor dem Ausbruch des Völkermords eindrucksvoll beschreibt.


Der erst 37-jährige Schweizer Dramaturg Lukas Bärfuss gehört zu einer neuen Generation reflektierter und engagierter junger Literaten. Für seine international erfolgreichen Theaterstücke wie "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" sowie "Der Bus" erhielt er nicht nur Lobeshymnen, sondern auch zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Sein Romandebüt gehörte sogleich zu den zwanzig besten Büchern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Schweizer Sonntagszeitung huldigte den widerspenstigen Dramaturgen einst mit der Zeile "Wo Bärfuss draufsteht, ist allemal Aufruhr drin". Und diesem Urteil wird Bärfuss auch in seinem neuen Roman gerecht. In "Hundert Tage" rechnet er mit der internationalen und insbesondere der Schweizer Entwicklungshilfe ab und hält der Welt den Spiegel der Scheinheiligkeit vor.

Dieser Roman ist anklagend, empörend, erschreckend und nicht zuletzt Augen öffnend. Kaum Fiktion, viel gnadenlose Realität. Darauf weist schon der Autorenhinweis "Die historischen Tatsachen in diesem Buch sind verbürgt, die handelnden Personen erfunden" hin. Dabei ist "Hundert Tage" kein Ereignisroman, wie dies Gil Courtemanche’s Ruandaroman "Ein Sonntag am Pool in Kigali" war. Der Kanadier beschrieb 2000 in seinem Bestseller aus der Perspektive des alternden Journalisten Valcourt die Vorbereitungen des Genozids: Das Errichten erster Straßensperren, die gewaltsamen Tode der erster Freunde und vor allem das vergebliche Hoffen auf internationale Hilfe. Bärfuss’ Roman ist hingegen ein Tatsachenbericht, der das Handeln der Schweizer Entwicklungshilfedirektion in den Zusammenhang mit den Vorgängen in Ruanda setzt. Bärfuss beschreibt darin die persönlichen Fehltritte und Versäumnisse einzelner Entwicklungshelfer, die in ihrer heiligen Samariterhaltung oft in das Gebaren der europäischen Kolonialherren zurückfallen. Sein Romanheld David ist davon keineswegs ausgenommen. Nahezu aristokratisch gibt er das Gartenland der Direktion zum Gemüseanbau an die Reinigungskraft her. Seine sexuellen Phantasien lebt er hemmungs- und skrupellos mit der unnahbaren Agathe aus, während diese den Hutu-Terror auf der Straße begeistert anfeuert.

Bärfuss geht über die individuelle Verantwortung aber noch hinaus. Rücksichtslos zählt er die massiven Fehler auf, die die internationale Gemeinschaft der Friedenskräfte und Entwicklungshilfe sowie insbesondere die Schweizer Direktion bereits im Vorfeld und erst Recht während der hundert blutigen Tage gemacht haben. Er beschreibt den absurden Wettlauf der Hilfsorganisationen um die sinnlosesten Projekte, während an den eigentlichen Brennpunkten menschlichen Leids nur selten Hilfe auftaucht. "Wenn diesen selbstlosen Helfern das menschliche Wohl am Herzen liegt, warum packen nicht einige ihre Sachen und fahren hinüber nach Katanga [Provinz im Südosten Kongos, T.H.]? Ich war dort, und ich kann ihnen sagen: Es ist die Hölle. […] Man findet den Tod an jeder Ecke, Krankheit in jedem Winkel, Verderbnis und Hoffnungslosigkeit in jedem Gesicht, aber Entwicklungshelfer kriegt man dort keine zu sehen." Die internationale Entwicklungshilfe hat in Ruanda massive Fehler begangen und somit aktiv zur Genesis des Völkermords beigetragen. Die westliche Welt ist auf diese Weise viel stärker in eines der dunkelsten Kapitel der afrikanischen Geschichte verstrickt, als sie es wahrhaben will. So zweifelt David stellvertretend für die vielen westlichen Helfer an dem selbstzufriedenen, naiven Agieren seiner Schweizer Direktion in den Jahren vor dem Genozid: "Gut, es war nicht unsere Absicht gewesen, die Völkermörder das Handwerk zu lehren. Es war gewiss nicht unsere Schuld, wenn sie das Radio zu einem Mordinstrument machten, aber irgendwie werde ich trotzdem nie das Gefühl los, einem sehr erfolgreichen Projekt der Direktion zu lauschen." Es war letztlich die Naivität der Helfer, die die technische und organisatorische Vorbereitung des Massenmords abgesichert hat. Die anfänglichen Gräueltaten der ruandischen Machthaber wurden nach dem Motto größerer Hilfszahlungen bei steigenden Schwierigkeiten belohnt und die zusätzlich fließenden Gelder wurden von der Regierung und den Milizen umgehend wieder in die ethnischen Säuberungspolitik investiert.

Der Entwicklungshelfer David Hohl ist gewiss kein Moralist, kein Bessermensch und auch kein aufopferungsvoller Samariter, der die Welt retten will. Doch zumindest will er sie ein wenig besser machen, sie verändern und die Mittel, die ihm dafür zu Verfügung stehen, nutzen. Doch auch der ambitionierte junge Lazarus tappt schnell in die Helferfalle. Er muss als Schreibtischtäter eine Geldgeberpolitik betreiben, die sich nur selten an den Maßstäben der Vernunft und der Notwendigkeit orientiert. Geld wird demnach nicht nach Bedürfnissen und Dringlichkeit vergeben, sondern nach politischen und medialen Interessen. Nur so ist es auch zu erklären, dass sich die Aufmerksamkeit der Hilfsorganisationen nach dem Völkermord auf die vor den Tutsi-Rebellen fliehenden Hutu-Schlächter konzentrierte, die zu Hunderttausenden ins benachbarte Ausland flohen und dort in gut finanzierten Flüchtlingslagern ankamen. Sie hatten das Glück, wie Bärfuss in "Hundert Tage" schreibt, "vor den Augen der Welt zu krepieren, und ein Tod vor laufender Kamera ist mehr Wert als hundert ungesehene Tode."

Zu glauben, die afrikanischen Bürgerkriege seien Exzesse grausamer Unmenschen widerlegt Bärfuss eindrucksvoll. Vielmehr sind auch sie das Ergebnis der effizienten Akkuratesse, die die westlichen Aufbauhelfer ihren afrikanischen Schülern noch heute fleißig einpauken. Es ist der korrekte Vollzug, der das Böse zum Ungeheuerlichen und zum grausam Systematischen macht. "Ich weiß jetzt, dass jeder Völkermord nur in einem geregelten Staatswesen möglich ist, in dem jeder seinen Platz kennt", resigniert David am Ende des Romans, als er feststellt, dass er zu denjenigen gehörte, die den Ruandern jahrelang die Dringlichkeit eines klar definierten Staates nahe gebracht haben. Als Angestellter der Schweizer Direktion für Entwicklungszusammenarbeit ist er damit zwar nicht gleich aktiver Täter, aber seine Hände sind beschmutzt mit dem Blut tausender Ruander. "Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben und nicht in der roten Soße unterzugehen."

von Thomas Hummitzsch - 28. November 2008 - Short URL https://goo.gl/wsGCf

Literatur Roman Krieg Schweiz

Hundert Tage
Lukas Bärfuss

Hundert Tage


Wallstein 2008
197 Seiten, gebunden
EAN 978-3835302716

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