Gesellschaft

Wundervolles Japan

Der 1957 in Oberösterreich geborene Leopold Federmair lebt seit elf Jahren in Japan, seit sieben in Hiroshima, wo am 6. August 1945 die erste Atombombe der Menschheitsgeschichte explodierte und vor wenigen Jahren Federmairs Tochter geboren wurde. In dem mit "Der 6. August 1945" betitelten Essay findet sich auch diese Bemerkung über eine einundachtzig Jahre alte Frau, die den Atombombenabwurf miterlebt, doch sich bisher dazu nicht öffentlich geäussert hat, und auch im privaten Kreis nur sehr wenig: "Dieses gelassene Schweigen ist bezeichnend für eine bestimmte japanische Art und Weise, mit der eigenen Betroffenheit umzugehen. Es erinnert aber auch an die Scham, die die Opfer von Erniedrigungen überall in der Welt oft jahrzehntelang am Sprechen hindert, bis das Erlebte sich dann doch noch einen verbalen Ausdruck verschafft."

Es ist diese Mischung von Persönlichem, geschichtlich Überliefertem, genau Beobachtetem und philosophischem Räsonieren, die diesen Essayband auszeichnet. Und zu einer anregenden Lektüre macht.

Rainer Fabians "Das Rauschen der Welt" (2003 bei Klett-Cotta erschienen) kommt mir in den Sinn: "Wenn einer zu dir sagt, 'ich will nach Japan, weil ich dort noch nie war’, dann ist das eine Lüge, denn er war natürlich schon in Japan, sonst wüsste er ja nicht, dass er dorthin will. Er war in Japan, weil er Bilder von Japan kennt, und er will zu den Bildern reisen, die er kennt." So sehr ich diesen Gedanken mag, Leopold Federmairs Buch ist etwas anderes: da geht einer voller Sympathie und Zuneigung durchs Land und beobachtet, wundert sich, staunt, macht sich so seine Gedanken und bringt einige davon dann auch zu Papier, was ja bekanntlich noch einmal was anderes ist, als einfach so Gedanken zu haben.

Der erste Essay ist mit "Was ich in Japan sah und hörte" überschrieben und so recht eigentlich trifft das auch auf alle anderen in diesem Band versammelten Essays zu. Hinzuzufügen wäre höchstens: Und was ich mir so dabei gedacht habe. "Was geschehen wird, will man vorausplanen", lese ich da und frage mich, ob das in der Schweiz nicht auch so ist. Nun ja, vielleicht nicht gerade in diesem Ausmass, denn in Japan werden offenbar Plätze in Zügen und Hotels bereits ein halbes Jahr vor der Reise reserviert. Zudem scheint es weniger laut zu und her zu gehen als etwa in Europa, vermutlich ist das in Asien generell so. Mir geht jedenfalls sofort eine Situation in Bangkok durch den Kopf: ich sass mit einer thailändischen Freundin beim Mittagsmahl, als sie sich über das laute französische Reden an einem der Nachbartische aufregte. Bei Federmair war es so, dass er beim Besuch eines Freundes, der in Italien wohnt, über dessen Lautstärke erschrak. Kein Wunder bei jemandem, der sich den italienischen Lärmpegel gewohnt war!

Vor allem gefallen hat mir, was für Fragen sich der Autor stellt. Und die Antworten, die er darauf findet. Wie kommt es eigentlich, dass er trotz der dichten Besiedlung den Eindruck hat, es sei genug Platz vorhanden? Weil man in japanischen Städten fast nirgendwo am Strassenrand parken darf. Oder: wie stark oder schwach ist "der nach militärischer Stärke lechzende Nationalismus in Japan wirklich?" Doch das ist dann eher eine rhetorische Frage, jedenfalls keine, die man wirklich beantworten kann.

In einer Umgebung, die einem nicht von Kindesbeinen an vertraut ist, macht man Entdeckungen, die man sonst kaum machen würde. Als ich von Federmairs Kinotag las, fühlte ich mich sofort in meine Bangkoker Zeit zurückversetzt, in der ich mein eigenes Kinoritual hatte. Überhaupt hat mich "Die grossen und die kleinen Brüder" oft daran erinnert, wie ich selber, Jahre ist es her, die thailändische Hauptstadt entdeckt habe. Nicht etwa, weil Tokyo oder Hiroshima damit zu vergleichen wären, vielmehr in dem Sinne, dass mir die Fragen des Leopold Federmair angesichts seiner neuen Umgebung nicht unvertraut vorkamen.

Aufschlussreich fand ich unter anderem dies: Beim Tanzen denkt der Japaner offenbar an Sport und nicht etwa an Kommunikation mit dem Partner oder an einen spontanen Körperausdruck. Oder was der Autor zum Matsuoka-Museum (Seijiro Matsuoka, geboren 1894, galt als einer der reichsten Männer Japans) bemerkt: "Natürlich ist alles falsch, schliesslich sind wir in Japan, das ganze Museum - das ganze Land? - ein einziges, gewolltes Imitat ...". Oder: Als er auf einem Flug einen Blick nach unten werfen will, wird er von der Stewardess darauf hingewiesen, dass sich der Fujisan auf der anderen Seite befinde. "Dass ein Passagier etwas anderes sehen will als den heiligen Berg, ist offenbar unüblich. Japaner sehen nur das, was 'berühmt' ist."

Dieses Buch handelt auf ganz vielfältige und sehr unterschiedliche Arten vom Leben in Japan, gleichzeitig ist Japan dem Autor aber auch einfach Anlass, um über das Leben an und für sich nachzudenken. Etwa anhand der Desillusionierungskunst Dazais, dem nicht Hoffnung, sondern fröhliche Hoffnungslosigkeit vorschwebte: "Es ist alles egal, also tun wir etwas, zumindest Bücher schreiben, Bilder malen, Karikaturen zeichnen, Take Pictures".

von Hans Durrer - 12. November 2013 - Short URL https://goo.gl/ub8qPC

Gesellschaft Kultur Reisen Japan

Die großen und die kleinen Brüder
Leopold Federmair

Die großen und die kleinen Brüder


Japanische Betrachtungen
klever 2013
232 Seiten, broschiert
EAN 978-3902665645

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