Architektur

Kollhoffs Denken über Architektur

Das Unterfangen, eine Synthese aus dem Handeln und dem Sprechen herzustellen, ist mit Sicherheit keine einfache Angelegenheit. Ein Architekt, der sich grundsätzlichen Fragenstellungen annimmt und diese auf gedanklicher wie auf gebauter Ebene zu einem kohärenten Ganzen zu führen vermag, ist eine idealistische Wunschprojektion. Aber dieses Ziel zu verfolgen ist ein Ansatz, der für sich genommen gerade in der heutigen auf mediale Aufmerksamkeit setzende Zeit je länger je mehr notwendig wird. "Heute erscheint die Architektur zunehmend als Sparte der Unterhaltungsindustrie. Bei manchen Bauten kommt es nicht darauf an, einem Zweck zu dienen, sondern ein möglichst ausgefallenes Bild zu erzeugen", beschreibt Hans Kollhoff in einem Interview die aktuelle Situation. Man mag und darf über Hans Kollhoffs Haltung zur Architektur denken was man will, doch bevor man voreilige Schlüsse zieht, ist es interessant, einen Blick auf seine gedanklichen Formulierungen zu werfen, um aufgrund des Gelesenen seine eigenen Rückschlüsse und Wahrheiten zu kristallisieren. Darin liegt die grosse Stärke der vorliegenden Publikation. Sie liefert architekturtheoretische Bezugspunkte zur Unterstützung der kollhoffʼschen Praxis. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Fritz Neumeyer versehen, versammelt der Band 22 Texte und sechs Interviews, welche den Zeitraum von 1987 bis 2010 abdecken. Der Untertitel "Texte und Interviews" ist Programm, lediglich zur Auflockerung werden vereinzelt schwarz-weiss Fotografien der Bauten von Hans Kollhoff eingestreut. Der Spannungsbogen der behandelten Themen ist breit angesetzt.

Das essayistische Vorwort reflektiert über den Zusammenhang von Bauen und Schreiben. Was treibt einen Architekten an, theoretische Reflexionen zu verfassen und diese kundzutun? Sind es narzisstische Züge, sprich die Selbstdarstellung und damit eine Öffentlichkeitsarbeit im eigenen Interesse mit dem Ziel der Stilisierung seiner selbst? Oder gibt es tiefer liegende Beweggründe? Ist das Schreiben über die Architektur gar essentieller Bestandteil, wenn theoretisches und praktisches Wissen einander ergänzen sollen? Solche Thematiken werden aufgegriffen und auf interessante Art und Weise zu einem architektonischen Argument verdichtet. "Kollhoffs Architektur will weiterbauen, fortführen, verfeinern, vervollkommnen. Sie sucht diskursive Verbindlichkeit und betrachtet das geschichtlich Überlieferte als kulturell Erprobtes, das den Test der Zeit bestanden und sich bewährt hat. Weiterbauen bedeutet, sich diesen Erfahrungsreichtum anzueignen und neu zu interpretieren."

Die nachfolgenden Texte und Interviews von und mit Hans Kollhoff sind keine trockenen architekturtheoretischen Extrakte sondern stellen sich eloquent aktuellen wie auch praxisbezogenen Fragen der Architektur. Natürlich fehlt darin nicht die eine oder andere Spitze, was das Ganze für den architekturinteressierten Leser mit einer gewissen positiven Leichtigkeit ergänzt. Die ausgewählten Texte erlauben in ihrer Gesamtheit durch das Umkreisen von steten Themenbereichen wie die städtische Architektur, die gegenwärtige Baukultur, das Bild und der Bau oder die Tektonik, um nur einige zu nennen, einen bereichernden Zugang zum Architekturverständnis von Hans Kollhoff. Es bildet sich sozusagen ein Destillat aus der inhaltlichen Summe der Texte im Kopf des Lesers, welches die Grundzüge oder die Kernpunkte dieser Architekturauffassung enthält. Ob man diese Ansichten nun teilt oder bekämpft sei dahin gestellt, was zählt ist, dass man beim Stichwort Kollhoff auch dank dieser Publikation auf fundiertes Wissen aus erster Hand zurückgreifen kann.

Das architektonische Argument
Hans Kollhoff

Das architektonische Argument


Texte und Interviews
gta Verlag 2010
311 Seiten, gebunden
EAN 978-3856762728
Fritz Neumeyer (Hrsg.)

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