Kultur

Schuld ist das Weib

Einer der Attentäter des 11.September, soll in seinem Testament ausdrücklich festgehalten haben, dass sein Leichnam von keinen Frauen angefasst werden dürfe. Dass von ihm genauso wenig erhalten bleiben würde wie von seinen sterblichen Überresten, dürfte den misogynen Terroristen wenig gekümmert haben. Gemeinsam mit anderen Szenaristen des Weltuntergangs hatte er sicherlich die Vorstellung, dass am Verfall der menschlichen Sitten das "sündhafte Weib" schuld sei und derlei Schuldzuschreibung lässt immer Rückschlüsse auf das eigene Verhältnis zur Sexualität oder zum anderen Geschlecht zu. Die Verquickung von Frauen- und Lustfeindlichkeit und deren Instrumentalisierung für den Krieg gegen andere Kulturen und Länder hat schon so manchem Staat zu mehr Potenz verholfen, wenn auch seine Untertanen dieselbe dafür verloren.

Die Ödigkeit der dekadenten Existenz

"Heute drohen reine Zweckmäßigkeit der Familie einerseits und niedere Geschlechtsliebe andererseits die wahre Erotik zu verschlingen." Dieses Zitat aus dem Jahre 1929 von Edgar J. Jung lässt schon vermuten, dass die Furcht vor ungehemmten Sexualverkehr schon vor mehr als 100 Jahren existierte. Die "ungeheure Dirnengefahr" sahen Kulturkritiker schon während des Ersten Weltkrieges als größere Gefahr an, "als die Russen, die noch im Lande seien" wie ein Beobachter von Henschel zitiert wird. "Unsere Soldaten haben sofort aus dem Kriegsruf den Bußruf herausgehört; daher war ihr erster Gang zur Beichte" und "der zweite ins Bordell", wie Gerhard Henschel süffisant hinzufügt. "Vergnügen, Putz, Abwechslungen, Sensationen" hätten dazu beigetragen, dass die Gedankengänge des anderen Geschlechts "ärmer" geworden sei als je. Ohne Männer gäbe es aber wohl kaum Prostituierte, dennoch sollten die Unzüchtigen die Frauen bleiben, denn sie verführten ja. "Aus dem ohnmächtigen Zorn auf die Unzüchtigen erwuchs der Wunsch nach ihrer Züchtigung.", schreibt Henschel und Anfang des Jahrhunderts führte auch das in einen mörderischen Weltkrieg, damit der "Ödigkeit der dekadenten Existenz" endlich ein Inhalt eingehaucht würde.

Lust auf Krieg

"Der junge Mann bildet sich sehr häufig ein, der Geschlechtsverkehr sei die höchste Betätigung der Persönlichkeit. Tatsächlich ist der aber die Folge der Unterjochung der Persönlichkeit unter einen ihr ganz fremden Zweck", schrieb der Bakteriologe (!) Max Gruber zu Beginn des Jahrhunderts in Wien. Gerhard Henschel macht aber hier nicht halt, sondern geht immer weiter zurück durch die Jahrhunderte und weist die sinnesverachtende Tradition, die Verachtung gegen den "Schlamm sinnlicher Lust" (Basilius) der westlichen Kultur bis ins 4. Jahrhundert nach. Und am Ende diese Kapitels steht dann der Satz, der alles wieder aufhebt: "Nach Meinung der Forscher ist Monogamie ein Evolutionsvorteil, da die Männer mehr Zeit in ihren Nachwuchs investieren statt in Konkurrenzkämpfe". Und wozu dann all die Kriege?

Von derbem Teig geknetet

In seinem Kapitel "Die Germanen und der Giftbecher des Südens" beschreibt Henschel die nationalsozialistische Propaganda, die die "Sündenkloake Rom" mit der keuschen Leben der Germanen verglich, um deren Kulturüberlegenheit hervorzuheben. Dass diese außer Ästen und Fibeln aber kaum etwas hervorgebracht hatten, wollten die Nationalsozialisten natürlich nicht wahrhaben. Weder Kolloseum, Aquädukte, Triumphbögen oder Paläste wollten diese als kulturelle Leistungen der Römer anerkennen und schließlich sei Rom vor allem wegen der "Rassenvermischung" und der damit verbundenen Promiskuität untergegangen. Die ideale Germanin wurde von einem Historiker des 19. Jahrhunderts, also noch vor dem Nationalsozialismus, so beschrieben: "Sie (die Germanin) war eben kein zartes Püppchen, das seine Lebensaufgabe nur darin fand, den Männern zu gefallen, sondern von derbem Teig geknetet, besaß sie alle Eigenschaften, wilden Kriegern Achtung zu gebieten. Hochgewachsen und von gewaltiger Kraft, scheute sie nicht davor zurück auch einmal in eine Rauferei mit wuchtigen Hieben einzugreifen (…)". Gott behüte, vor solchen Walküren, wie sie Otto Seeck 1894 beschrieb.

Großstadt und Sündenbabel

Mit viel (teilweise unangebrachter) Ironie beschreibt Gerhard Henschel in seinem Buch wie schon sehr früh in der abendländischen Geschichte Sexualfeindlichkeit instrumentalisiert und für bestimmte Zwecke eingesetzt wurde. Der Hass auf die kulturelle Überlegenheit der Romanen führte bald zu den nationalsozialistischen Vorläufern des 19 Jahrhunderts, die bald den Juden alle Schuld geben sollten und "den Rochus auf die Großstadt mit dem Glauben an eine jüdische Weltverschwörung verquickten", wie Henschel schreibt. In vielen dieser "Traktate" ortet Henschel "die Geburt der Pornographie aus dem Geiste des neidischen Moralisierens". Die Großstadt wird zum Sündenpfuhl stilisiert, wo Prostitution und Sittenverfall vorherrschen, sich Völker vermischen und nur mehr das eine im Sinne hätten. Aber was wäre die Welt, ohne den Trost der Hochhäuser? (Robert Gernhardt)

Von Wasserpredigern und Weintrinkern

In weiteren Kapiteln widmet sich Henschel Oswald Spengler, Günther Anders, der Bild-Zeitung, Rolf Dieter Brinkman und schließlich dem "schwarz gurgelnden Ende der Welt". Die "Parade der Unheilverkünder aus 3000 Jahren" wird ergänzt durch zahlreiche zeitgenössische Zitate noch lebender Schriftsteller oder Künstler. Die Klagen über den Verfall der guten Sitten, die wohl so alt sind wie die Menschheitsgeschichte, werden von Henschel in ein Kompendium, Sammelsurium gar, verwandelt, das das Muster der Verführung durch die weibliche Sinnlichkeit verwendet, um die lustfeindlichen Endzeitpropheten zu konterkarieren. Oder wie es Henschel galant ausdrückt: solche die es redlicher und Gott wohlgefälliger fänden, einen Massenmord zu begehen als einen Seitensprung, denen geht es an den Kragen. Dabei wäre es vielleicht interessant gewesen auch zu erfahren, wie jene die Wasser predigten es mit dem Wein hielten. Von Hitler hätte man ja damals schon gewusst, dass er "Onanist" sei, interessant wäre es auch gewesen zu erfahren, wie konsequent es andere mit ihren Moralpredigten nahmen.

Menetekel
Gerhard Henschel

Menetekel


3000 Jahre Untergang des Abendlandes
Eichborn 2010
350 Seiten, gebunden
EAN 978-3821862101

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