Politik

Als 13 Minuten fehlten, um Hitler zu töten

"Was wäre, wenn …?" ist eine Frage, mit der sich Historiker nicht befassen. Sie haben genug damit zu tun, die Welt zu beschreiben, wie sie ist. Das Rad der Geschichte, argumentieren sie, lässt sich nicht zurückdrehen. Manchmal lohnt es sich aber, es festzuhalten. Ein geeigneter Zeitpunkt wäre der 8. November 1939.

An diesem Tag, um 21 Uhr 20, geht in München eine Bombe hoch. Tatort ist der Bürgerbräukeller, in dem sich wie jedes Jahr führende Nationalsozialisten versammelt haben. Die Explosion ist gewaltig. Sie hat im großen Saal des Gebäudes eine Säule zerborsten, ein Loch in die Decke gerissen und den Teil, der sich über dem Rednerpult befand, zum Einsturz gebracht. Auch der Kronleuchter ist abgestürzt. Unter den Trümmern liegen drei Tote und 21 Schwerverletzte, von denen vier in den nächsten Stunden sterben und einer die folgende Woche nicht überleben wird. Weitere 47 Gäste kommen mit leichteren Blessuren davon.

Weder unter den Toten noch unter den Verletzten ist derjenige, dem der Anschlag offensichtlich gegolten hat. Adolf Hitler hat vor wenigen Minuten seine Ansprache beendet und mit seiner Entourage den Bürgerbräukeller verlassen. Das war so nicht geplant. Das schlechte Wetter zwang Hitler, eine halbe Stunde vorher zu beginnen und eine Stunde früher als ursprünglich beabsichtigt aufzuhören. Statt des Fliegers musste der Führer den Zug Richtung Berlin nehmen.

Der Bombenleger war Einzeltäter. Der Antifaschist Georg Elser hatte nur ein Ziel: den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Als er mit den Vorbereitungen zum Attentat begann, herrschte noch ein trügerischer Frieden. Dass er nicht halten würde, war Elser spätestens nach dem Verrat des Westens an der Tschechoslowakei und dem Bruch des Münchner Abkommens durch Nazideutschland klar.

Elser zog Anfang August nach München. Tagsüber bemühte er sich, nicht aufzufallen. Abends pflegte er im Bürgerbräukeller zu speisen. Nachts ließ Elser sich einschließen. Nach Bezahlen seines Verzehrs ging er durch den Garderobenraum über eine hintere Treppe auf die Galerie und versteckte sich in einem Abstellraum. Dort wartete er, bis die Gaststätte abgeschlossen war. Da kein Wachmann die Runde machte, konnte Elser bis morgens um sieben, als Saal und Gaststätte wieder geöffnet wurden, in Ruhe arbeiten. Am 6. November war er fertig. Die große Säule neben der Rednertribüne hatte er mit einem Handbohrer ausgehöhlt und mit Dynamit gefüllt. Den Zeitzünder stellte er auf den 8. November, 21 Uhr 20.

Elser wurde beim Versuch, die Schweizer Grenze zu überqueren, verhaftet. Er landete in Gestapo-Haft und nach monatelangen Verhören im KZ Dachau. Dort wurde er am 9. April 1945 ermordet. Einen Elser-Gedenktag gibt es für den Hitler-Widersacher der ersten Stunde nicht. Wohl aber wird jeden 20. Juli an Stauffenberg und die Offiziere erinnert, die lange Zeit Hitlers Parteigänger waren und sich erst gegen ihren Führer erhoben, als sich Deutschlands Niederlage im Krieg abzeichnete.

Wer sich für Elsers Geschichte interessiert und nicht viel Zeit hat, dem sei der Spielfilm Einer aus Deutschland des österreichischen Regisseurs (und Hauptdarstellers) Klaus Maria Brandauer empfohlen. Wer anschließend bedauert, dass er nicht doch mehr Zeit auf das Thema verwendet hat, sollte sich Helmut Haasis' Elsner-Biographie zulegen. Es lohnt sich.

"Den Hitler jag' ich in die Luft"
Hellmut G. Haasis

"Den Hitler jag' ich in die Luft"


Der Attentäter Georg Elser - Eine Biografie
Rowohlt 2001
281 Seiten, broschiert
EAN 978-3499611308

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