Kultur

Von Herzen, die (zer-)springen

"Ich bin niemandem verpflichtet... Nur der Idee", sagt Captain America am Ende dieses Daredevil-Comics, bei dem er einen überraschenden Cameo-Auftritt hat. Der Patriot Captain America rettet Daredevil vor einem Nationalisten namens Nuke, ein vom Kingpin angeheuerter, verrückt gewordener und Pillen schmeißender Söldner, der sich mit einer Stars-and-Stripes-Tätowierung im Gesicht auf Daredevil stürzt. Aber Kingpin lässt noch eine Reihe anderer Anschläge auf das Leben Matt Murdocks, des blinden Anwalts, der durch Radioaktivität zu Daredevil wurde, los. Er hetzt einen Psychopathen im Daredevil-Kostüm auf Matt Murdock, der sich gerade erst langsam vom letzten Anschlag Kingpins bei einer Nonne, die seine Mutter ist, zu erholen beginnt. Denn Kingpin weiß, wie man einen Menschen vernichtet: er nimmt ihm sein Leben, ohne ihn zu töten.

Geräuschloser Schnee

"Der Schnee dämpft jedes Geräusch." Matt Murdock hat seine Wohnung, seine Anwaltslizenz und seine Freunde sowie seinen Anwaltskollegen Foggy verloren. Auch seine Ex Karen hat ihn verraten und Glori im Stich gelassen. In biblisch betitelten Kapiteln wie etwa "Armageddon" oder eben "Auferstehung" macht sich Frank Miller an die Demontage des amerikanischen Traums, denn hier haben nicht die Gerechten und Tapferen gewonnen ("Land of the Free, Home of the Brave"), sondern die rücksichtslosen Verbrecher, die "Freien", wie etwa der Kingpin, der sich selbst als Unternehmer sieht: "Ich bin kein Gauner, mein Sohn, nur ein Unternehmer ... im Konglomerat Amerika". Natürlich schimpft auch Kingpin auf die Presse, denn tatsächlich ist es letztendlich dem furchtlosen Journalisten Ben Urich des Daily Bugle zu verdanken, dass die Machenschaften des "Unternehmers" aufgedeckt werden. Er hat die Nachbarschaft Murdocks, "Hell’s Kitchen", fest im Griff. "Guter Ort zum Sterben. Bin hier geboren.", sagt Matt über seine Heimat, die sich im Würgegriff Kingpins befindet. Haben nicht genau solche "Unternehmer" wie Kingpin dieses "Land of the Free" so zu Grunde gerichtet und seine Ideale ausgehöhlt, sodass nur mehr die Idee übrig blieb, von der Captain America eingangs spricht?

Verräterischer Herzschlag

"Ein Herzschlag verrät so manches. Ihrer springt. Sie lügt.", denkt sich Matt bei der Nonne, die ihn von seinen Verletzungen heilt. Die Nonne ist seine Mutter. Sie glaubt an ihn, denn sie weiß, dass er "ein Blitz in Gottes Hand sein wird". Matt Murdock kann am Herzschlag erkennen, ob jemand lügt. Seine Sinne wurden durch die Radioaktivität geschärft, auch wenn er nichts mehr sieht, weiß er doch mehr als die anderen und ist auch viel schneller als sie. Durch seine Verletzung ist er zu dem Mann geworden, der er heute ist: ein Mann ohne Hoffnung und ein solcher Mann ist auch ohne Furcht. "Zeig mir einen einzigen Menschen, der mich nicht verraten hat", denkt sich der ausgemergelte Matt Murdock zu Beginn dieses Daredevil-Epos, das vor allem durch seine Authentizität glänzt. Denn der Daredevil von Frank Miller ist kein geradliniger Held, sondern er leidet und hat Probleme, so wie alle anderen Helden auch. Frank Miller hat mit "Auferstehung", 1986 erstmals in den USA erschienen, nicht nur einen totgeglaubten Marvel-Helden auferstehen lassen, sondern ein ganzes Genre. Denn gerade sein authentischer Stil machte aus Superhelden wie Elektra, Batman oder Daredevil Menschen wie wir. Denn auch wir sind Helden. Helden des Alltags. Mit einem verräterischen Herzschlag.

Die 2015 überarbeitete Fassung mit exklusivem Bonusmaterial ist bei Panini-Comics in einer limitierten Hardcover-Fassung oder als Softcover jetzt wieder erhältlich.

Daredevil: Auferstehung
Frank Miller
David Mazzucchelli (Illustration)

Daredevil: Auferstehung


Panini Comics 2015
228 Seiten, broschiert
EAN 978-3957983909

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