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Bad Leadership

Schlechte Führung erkennen, Good Leadership implementieren

Führung ist allgegenwärtig und bedeutsam, d. h. in nahezu allen denkbaren sozialen und gesellschaftlichen Bezügen begegnet sie uns in Wirtschaft, Politik, Schule, Familie, Militär, Sport, Kirche, etc. und bestimmt für ihren speziellen Geltungsbereich in beträchtlichen Maßen mit über das Wohl und Wehe der Geführten. Es kann deshalb kaum verwundern, dass sich eine Vielzahl von Publikationen mit der Frage beschäftigt "Was ist eigentlich das Wesen der Führung?" Im Mittelpunkt des Interesses der sog. "Leadership Industrie" standen dabei der Führungserfolg und – da stets gesetzt war, dass Führung nur erfolgreich sein kann, wenn der Führende "gut ist und Gutes tut – die Ansätze bzw. Konzepte zum Good Leadership. Hingegen war das Thema "Bad Leadership" bis vor Kurzem eine Art No-Go.

Dieser Fokus auf die Annahme einer Unverbrüchlichkeit von Erfolg und Ethik im Führungskontext und die fast schon rosarote und heroisierende Sicht auf Führungsaspekte – von der renommierten Harvard-Politologin und Führungsforscherin Barbara Kellermann schon in den 1980er Jahren als "Light Sight of Leadership" charakterisiert – endete in etwa um die Jahrtausendwende. "Ein zentraler Grund hierfür kann in der aufkommenden Diskussion über Wirtschafts- und Unternehmensethik gesehen werden, die sich ihrerseits ja wesentlich aus aufsehenerregenden Unternehmens- und Führungsskandalen speist. Auf globaler Ebene sei hier auf die Pleiten von Enron, WorldCom oder Lehmann Brothers verwiesen, auf nationaler Ebene auf die Skandale rund um Arcandor, Siemens, Volkswagen oder Deutsche Bank. Und viele dieser Bad Management-Praktiken haben dabei ihre eigenen Bad Leadership-Protagonisten, so etwa Jeffrey Skilling und Kenneth Lay von Enron (die sich laut eigener Aussagen überall als 'the smartest guys in the room' wähnten), Bernard 'Kettensäge' Ebbers von WorldCom, oder eben – hierzulande bekannter – Thomas Middelhoff, Martin Winterkorn oder Josef Ackermann."

Analog zur schlechten Führung von Unternehmen wird zunehmend auch eine schlechte Führung in Unternehmen, d. h. eine schlechte Mitarbeiterführung, konstatiert. Hinzu kommt, dass "Bad Leadership" nicht nur im wirtschaftlichen Umfeld, sondern auch in der Politik, in kirchlichen Organisationen und NGOs sowie nicht zuletzt auch im Bereich des Sports mit seinen allzu häufig korruptionsanfälligen Institutionen und seinem Führungspersonal offensichtlich im Vormarsch ist.

Bei "Bad Leadership" geht es um Verhaltensweisen, etwa Inkompetenz, Unbeweglichkeit, Maßlosigkeit, Gefühlslosigkeit, Korruption, Engstirnigkeit und Bösartigkeit, deren Ursprung in schlechten Eigenschaften und Charakteren (z. B. Gier und Narzissmus) der Führenden begründet ist. Des Weiteren ist zu beobachten, dass die Geführten hierbei mitwirken, sei es durch Tolerieren oder gar durch aktive Unterstützung eines derartigen Treibens. Im einleitenden Kapitel wird auf weitere Ansätze der schlechten Führung verwiesen, u. a.: "Toxic Leadership" (Giftige Führung), "Destructive Leadership" (Destruktive Führung), "Abusive Supervision" (Feindseliges Führungsverhalten), "Pressure to Behave Unethically" (PBU; Druck zu unethischen Verhaltensweisen), "Exploitative Leadership" (Ausbeuterische Führung), "Leader Bullying" (Mitarbeiter-Mobbing durch Vorgesetzte), "Petty Tyranny" (herrsch-/rachsüchtige Verhaltensweisen des Führenden) oder auch "Supervisor Undermining" (Führende, welche  die sozialen Beziehungen, Arbeitserfolge sowie das Ansehen ihrer Mitarbeiter gezielt unterminieren).

Der erste Teil des Buches setzt sich mit der Frage auseinander, woran ein "Bad Leadership" grundsätzlich zu erkennen ist. Dieses erschöpft sich nicht nur in einem schlechten Führungsverhalten, sondern kann ebenso durch die Verfolgung schlechter Führungsziele bedingt sein. Dabei ist festzustellen, dass "Bad Leadership" selten eindeutig bestimmbar, sondern immer auch eine Frage des Standpunktes sowie auch des Zeitpunktes der Betrachtung ist. Im zweiten Teil wird untersucht, weshalb schlechte Führung entsteht. Es zeigt sich, dass "Bad Leadership" ein sehr komplexes Phänomen ist, das in seinem Zustandekommen und Fortbestehen von unterschiedlichen Einflüssen und Entwicklungen bestimmt wird. Dabei geht es um Themen wie etwa die "dunkle Triade" (oder: Der Siegeszug narzisstischer, machiavellistischer und psychopathischer Führer), die dunkle Seite des Erfolgs (oder: Wenn gute Führer schlecht werden), von den Bad Apples zu den Bad Barrels (oder: Wie die Situation die Führung schlecht werden lässt) und gar um Bad Apples der anderen Art (oder: Wie die Geführten selbst zur schlechten Führung beitragen). Schließlich gilt es auch, einem "Bad Leadership" zu begegnen. Damit befasst sich der dritte Teil, der sich zuerst den traditionellen Aktivitäten des Personalmanagements und der Organisationsentwicklung widmet. Diese Ansätze sind nach Ansicht der Verfasser durchaus sinnvoll und sollten verfolgt werden; dennoch gilt, dass es weiterer größerer Anstrengungen bedarf, um guter Führung den Weg zu bereiten. So gilt es, dem Glauben an die Gleichungen "moralisch vorbildlich = erfolgreich" und "moralisch verwerflich = erfolglos" erst einmal abzuschwören und anzuerkennen: "Wer ohne Moral agiert, kann trotzdem überaus erfolgreich sein!" Wie aber geht man dann mit dem "Winning Asshole-Problem" um?

Den beiden Autoren und Experten für Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Führungsethik sowie der Mitarbeiterführung Thomas Kuhn und Jürgen Weibler, Akademischer Oberrat bzw. Professor an der FernUniversität in Hagen, ist eine brillante Auseinandersetzung mit der dunklen Seite der Macht gelungen. Anhand von vielen wissenschaftlichen Studien bzw. Forschungsergebnissen und zahlreichen Beispielen, insbesondere aus der Wirtschaftspraxis, wird das Phänomen der schlechten Führung messerscharf analysiert sowie spannend und anschaulich referiert. Die Verfasser belegen eindrucksvoll, dass schlechte Führung oftmals gut getarnt und kaum zu erkennen ist, nicht selten Beifall erntet und dabei immensen Schaden für viele und großen Nutzen für wenige mit sich bringen kann. Der kompakt abgefasste Band eignet sich nicht nur zum besseren Erkennen und Verstehen von "Bad Leadership", sondern versteht sich auch als ein Anstoß zur Verbesserung der Führungswelt und kann nicht zuletzt als Ratgeber für den Weg in Richtung der "Good Leadership" genutzt werden.

Die Lektüre dieses Bandes kann nicht nur seiner primären Zielgruppe – Führungskräfte und Führungs-Coaches – sondern allen, die sich kritisch mit Fragen der Führung in der Berufswelt aber auch mit der Gestaltung sozialer Beziehungen im gesamten Alltag befassen wollen, bestens empfohlen werden.


von Bernd W. Müller-Hedrich - 20. März 2020
Bad Leadership
Thomas Kuhn
Jürgen Weibler

Bad Leadership


Von Narzissten & Egomanen, Vermessenen & Verführten
Franz Vahlen 2020
156 Seiten, broschiert
EAN 978-3800662500