Literatur

Die Torheit eines Amerikaners - eine positive Überraschung

Nathan Glass ist der Name des Protagonisten in Paul Austers neuestem Roman "Die Brooklyn Revue". Gleich zu Beginn erzählt er, wie er sein Krebsleiden überlebt, seinen Job verliert, ihn seine Frau verläßt und er nach Brooklyn zieht. Nun ist er depressiv, tatenlos, antriebslos und besinnt sich eines Tages auf seine Ambitionen als junger Mann, als er ein Buch schreiben wollte. Nun hat er dazu die Zeit und Muße und beginnt sein Werk mit dem Titel "Das Buch der menschlichen Torheiten". Dies alles erzählt Auster nicht mitleiderregend, mitleidheischend oder bemitleidenswert tragisch, sondern in dem beiläufigen, leicht ungläubigen Ton, den man so, oder so ähnlich, aus zahlreichen TV-Dokumentationen oder Selbsterfahrungsberichten kennt.

Auster hält sich nicht lange an Glass' Lebensbericht auf, sondern benutzt diesen nur als Einstieg in die episodenhafte, mehr oder weniger ausführliche Schilderung der verschiedensten Personen und Begebenheiten, die irgendwie alle in einem Zusammenhang stehen, deren Beziehungen untereinander wie in einem Reigen sich neu formieren, wieder zerfallen, sich anders orientieren, bis am Ende des Buches, kurz vor dem Anschlag auf das World Trade Center, alles erstaunlich positiv zusammenpasst, gerade so, als ob im Würfelspiel der Götter das Schicksal einen Pasch erzielt hätte.

Kaputte Existenzen und Randgruppen-Ästhetik

Auster beschreibt im Buch keine typisch amerikanische Familie, sondern eine von Randexistenzen bevölkerte Gruppe. Doch trotz allen Unglücks, Krankheit, Wahnsinn und Wut kämpfen alle, um nicht gänzlich zu versinken und helfen sich gegenseitig, um gemeinsam ein Stück weiter zu kommen. Dies klingt wie ein amerikanischer Gründungsmythos, als viele gesellschaftlich Ausgestoßene von der Alten in die Neue Welt aussiedelten, um ihr Glück zu machen und eine neue, bessere Welt zu gründen. Das ganze ist aber zu konstruiert. Zu offensichtlich das Bemühen um realistische Fiktion, zu künstlich die Lebensläufe, die entscheidenden Zufälle, die das Leben schreibt und von dem jedes Buch lebt - oder mit dem jedes Buch stirbt - je nachdem.

Dabei enthält "Brooklyn Follies", so der Originaltitel, alles, was man von Auster erwarten kann. Nur will es hier nicht richtig zusammenpassen. Beginnend bei dem misslungenen Versuch, aus Glass' "Buch der menschlichen Torheiten" eine Analogie auf Erasmus von Rotterdams "Das Lob der Torheit" zu konstruieren bis hin zur Dekonstruktion der Fiktion durch den Anschlag auf das World Trade Center als Kontrapunkt zum versöhnlichen Ende des Romans, ist nichts wirklich stimmig oder wirkt überambitioniert. Nach den beiden avantgardistischen und exzellenten Romanen "Buch der Illusionen" und "Nacht des Orakels", in denen Auster mit Schein und Wirklichkeit ein bravouröses Verwirrspiel betrieb, geht Auster einige Schritte zurück und legt statt eines postmodernistischen Labyrinths einen geradlinigen, pseudo-realistischen amerikanischen Familienroman vor, aufgepeppt mit gesellschaftspolitisch umstrittenen Themen wie Homosexualität, Travestie, Fettsucht und, völlig unamerikanisch, Schwelgen im eigenen Untergang und Unvermögen.

Die Rettung liegt in der Sprache

Was das Buch vor dem völligen Vergessen bewahrt, sind die von Paul Auster glänzend erzählten, wenn auch überkonstruierten, Lebensläufe und Episoden. Die ganze Ausdruckskraft und Bildhaftigkeit der Prosa bringt uns Jan Josef Liefers in der vollständigen Lesung zu Gehör, die jetzt im Argon Verlag erschienen ist. Dabei lässt uns der Sprecher ausreichend Zeit, uns mit der Figur des Erzählers Nathan Glass vertraut zu machen und drängt sich nicht in den Vordergrund oder dominiert mit seiner Präsenz das Gehörte. Erst nach und nach wird dem Hörer bewusst, wie sich Jan Josef Liefers immer mehr zu einem Sprachrohr der Ausgestoßenen macht und die von dem Autor beschriebenen Lebensläufe mit findigen Kleinigkeiten belebt, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Besonders im Gedächtnis bleibt dabei die Wiedergabe der statistischen Vorlieben von Rachel, die im Stuhl sitzt und 12 Stunden lang gebetsmühlenartig immer wieder den selben Text herunter betet wie ein katholischer Geistlicher die kirchliche Liturgie.

Fazit: Austers Versuch der klassischen amerikanischen Familiengeschichte überzeugt nicht wirklich. Die Hörbuchfassung hat gegenüber der reinen Papierfassung den Vorteil, dass der Sprecher mit seinem schauspielerischen Talent den Hörer über die im Roman vorhandenen Untiefen führt und zu einem akustischen Vergnügen macht. Leser und Hörer, die bisher wegen seines Avantgardismus um Paul Auster einen Bogen gemacht haben, jedoch zeitgenössische amerikanische Literatur zu ihren Vorlieben zählen, werden mit Sicherheit positiv überrascht.

von Wolfgang Haan - 04. April 2006 - Short URL https://goo.gl/dI4M3

Literatur Roman USA

Die Brooklyn-Revue
Paul Auster
Jan Josef Liefers (Sprecher)

Die Brooklyn-Revue


Argon 2006
9 Audio-CDs
EAN 978-3870244385

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