Kunst

Bilder des Zusammenbruchs

Die Wirtschafts- und Finanzkrise treibt nicht nur die Gemüter der Wirtschafts- und Finanzexperten weltweit um, sondern auch den kleinen Mann von nebenan. Zwar ist die Krise noch nicht mit aller Kraft über Europa und Deutschland hereingebrochen, doch sie wird kommen. Wie ein über das Meer heranziehendes Gewitter sind schon die Ausläufer zu spüren. Der Wind des Ungemachs weht schon durch die Straßen.

Es ist die Angst vor dem Ungewissen, die Experten wie Bürger beschäftigt. Wie sieht es bei uns aus, wenn die Krise zuschlägt und wie erst, wenn sie vorüber ist? Der Fotoband "Avenue Patrice Lumumba" zeigt die Ruinen der kollabierten politischen Systeme des postkolonialen Afrika und erzählt von den Überbleibseln einer gescheiterten gesellschaftlichen Fiktion. Dafür hat Tillim den afrikanischen Kontinent bereist und die in Beton gegossenen Visionen der panafrikanischen Befreiungsbewegung festgehalten. So dokumentiert er die zahlreichen, dem tropischen Verfall anheim gegebenen postkolonialen Paläste der Macht im subsaharischen Afrika. Er hält diese scharfkantige Architektur ebenso fest wie die romantisierenden und heroisierenden Statuen der afrikanischen Befreiungsfiguren, die in manchen Fällen bereits mehr als einen Putsch überlebt haben.

Guy Tillim gehört zu den angesagtesten zeitgenössischen Fotografen des afrikanischen Kontinents. Mit seinen Arbeiten wirft er einen selten differenzierten Blick auf die afrikanischen Gesellschaften. Stand am Anfang seiner Karriere noch die Auftragsfotografie, rückte er mit der Zeit mehr und mehr von der bloßen Dokumentation ab und begann, fotografisch aufzuklären. Ob in Angola oder in Eritrea, Sierra Leone, Kongo oder seiner Heimat Südafrika - Tillim legt nicht nur offen, sondern blickt mit seinen Bildern hinter die Kulissen und deckt auf. 2007 tat er dies mit seinen entlarvenden Bildern von den scheinbar demokratischen Präsidentschaftswahlen im Kongo auf der Dokumenta in Kassel.

Auf seinen doppelseitigen Bildern in "Avenue Patrice Lumumba" fängt Tillim die unbarmherzigen Lebensbedingungen unter der gleißenden Sonne des afrikanischen Kontinents ein. Die abgelichteten Bauten wirken wie die verzweifelten Versuche, der drückenden Hitze mit geradezu brutaler Betonarchitektur begegnen zu können. Tillim präsentiert keinen romantischen indo-europäischen Kolonialstil, sondern eine panafrikanische Kampfansage an die ehemaligen Kolonialherren in Form radikaler Zweckbauten in Stahlbeton. Dabei erinnert die Architektur an die Tristesse so mancher französischer Vorstadt. Trabantenstadtnihilismus allerorten, heruntergewirtschaftet, abgewohnt, geplündert! Doch wie so oft, wohnt auch dieser Form der Sinnlosigkeit die Faszination des Gigantismus inne, der dieser aggressiven Architektur auch eine unerklärliche Anziehungskraft verleiht.

Guy Tillim macht deutlich, dass die meisten dieser Gebäude als Festungen der Ignoranz und Angst entworfen waren, als hätten ihre Bauherren von Beginn an gewusst, dass es in den Folgejahren eher auf Rückzug und Schutz als auf Mut und Miteinander ankommt. Stand hinter all dem überhaupt einmal die Hoffnung auf Öffnung und Koexistenz? Tillims schonungslose Bilder lassen daran Zweifeln. Die Hoffnung auf Besserung ist in den vergangenen Jahren unter den unterschiedlichsten Regimen, der Gewalt und dem Nepotismus der zahlreichen Diktatoren und selbsternannten Retter verschütt gegangen.

Inzwischen wirken die Gebäude nur noch wie traurige Kulissen in einem skurrilen Film, denn ihrem einstigen Zweck entsprechen sie schon lange nicht mehr. In ehemaligen Banken hängt nun die Wäsche zum Trocknen, Schulen sind zum Marktplatz umfunktioniert und Gärten und Hinterhöfe dienen als Sammelstelle für die Bildnisse der alten Systeme. Wohnhäuser wirken wie dystopische Trutzburgen, Büroräume wie notdürftige Abstellkammern, Straßen und Wege wie ein Hindernisparcours.

So ist Tillims Dokumentation wie "ein Spaziergang entlang einstiger Traumalleen", wie er selbst in seinem Vorwort schreibt. Diese Traumstraßen erzählen vom Scheitern der Befreiung und Selbstverwaltung des afrikanischen Kontinents. Aus jedem Bild schlagen dem Betrachter Verfall und Fäulnis entgegen. Jedes Bild ist ein neues Dokument eines andersartigen Zusammenbruchs. Mit jeder Seite wächst die Überzeugung, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist.

Und so geht es dem Betrachter dieser Bilder wie dem Zeugen der aktuellen Krise, der mit jedem Tag eine neue Katastrophenmeldung präsentiert bekommt und dessen Einsicht mit jedem Zeitungsartikel steigt, dass das Ende der Misere noch nicht erreicht ist.

Avenue Patrice Lumumba
Guy Tillim

Avenue Patrice Lumumba


Prestel 2009
128 Seiten, gebunden
EAN 978-3791340661

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