Kunst

Gustav Klimts Fakultätsbilder und der Beethoven-Fries

Dieser schöne Bildband ist in zwei Teile gegliedert: Der erste behandelt die für die neue Wiener Universität vorgesehenen Fakultätsbilder, der zweite den für die Beethoven-Ausstellung in den Räumen der Wiener Sezession gemalten Beethoven-Fries. Jeder dieser beiden Abschnitte enthält einen umfangreichen Tafelteil.

Die Kontroverse um Gustav Klimts Fakultätsbilder gleicht in ihren Argumenten heutigen Diskussionen, und doch sind mehr als 100 Jahre vergangen. Es ging und geht um die Frage, "wie frei öffentliche Kunst ist oder sein darf" (S. 11). "Es geht bei jeder Gelegenheit gegen die echte Kunst und gegen echte Künstler los. Protegiert wird immer nur das Schwache" (Klimt 1905, S. 178). Dabei erweist sich gerade der Beethoven-Fries nach der Auffassung Kojas als "ein Hauptwerk einer neuen künstlerischen Entwicklung. Denn Klimt sucht nach einer Erneuerung der Bildsprache, in der geistige Inhalte über das bedeutungstragende Ornament transportiert werden." (S. 10).

Aus heutiger Sicht kurios mutet an, dass während der beginnenden Auseinandersetzung um das erste der Fakultätsbilder ein Teil der Professorenschaft den Künstler vehement angriff, während die Regierung sich davon völlig unbeeindruckt zeigte und Klimt stützte. Der österreichische Unterrichtsminister von Hartel verkündete 1899, dass sich die Kunst frei von Reglementierungen entwickeln und ihr "frischer, kräftiger Zug" gefördert werden solle (S. 18). Beim zweiten Fakultätsbild allerdings wuchs die öffentliche Empörung derart, dass auch von Hartel vorsichtiger wurde. Carl E. Schorske konstatiert nun eine Wende im Werk Klimts, zunächst weg von dem organischen Stil und hin zu einer ebenso beeindruckenden "Kunst des Zorns und allegorisierter Aggression" (S. 21), wie sie sich im dritten Fakultätsbild ausdrückt. Danach verzichtete Klimt - leider - fast völlig auf die beeindruckende Darstellung philosophischer und allegorischer Themen in monumentalen Gemälden und schuf Frauenbildnisse, stellte heitere Landschaften und gepflegte Gärten in einer "statisch kristallinen Ornamentik" dar (S. 25).

Der Beethoven-Fries entstand in der Zeit dieser heftigen Auseinandersetzungen um die Fakultätsbilder und war wohl eine "persönliche Kampfansage" (S. 100) an seine Kritiker. Obwohl viele Künstlerkollegen begeistert waren, löste auch der Fries wieder ignorante und boshafte Kritik aus; die Enttäuschung darüber führte zu Klimts Rückzug ins Private und zum Verzicht auf weitere öffentliche Aufträge.

Eine alternative Interpretation des Werkes von Gustav Klimt bietet Franz A. J. Szabo an. Er weist auf dessen "organische Konzeption des Kosmos" hin, welche "die Integration des individuellen menschlichen Lebens in die große Kette des Seins betont und den kreativen, generativen, ›ewig weiblichen‹ Unterbau der menschlichen Existenz herausstreicht" (S. 151). Der Beethoven-Fries blieb durch privaten Ankauf zum Glück erhalten und zählt seit seiner Restaurierung 1975 bis 1985 heute zu den größten Attraktionen Wiens. Szabo erklärt die neue Popularität Klimts mit genau diesem "feminisierten Kosmos".

Abgerundet wird der höchst interessante Band durch einen Aufsatz zu Technik und Restauration des Beethoven-Frieses, einer Biographie Klimts, einer Dokumentation zur Kontroverse um den Künstler in Zeitdokumenten und ein Glossar mit Namensverzeichnis, das ausführliche Informationen zu relevanten Persönlichkeiten der Zeit enthält.

Gustav Klimt
Stephan Koja

Gustav Klimt


Der Beethoven-Fries und die Kontroverse um die Freiheit der Kunst
Prestel 2006
208 Seiten, gebunden
EAN 978-3791337562

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