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Der Mann mit den goldenen Händen

"It’s the Devil’s music", sagt der Nachbarsjunge zu dem jungen Jerry Lee als sie heimlich durch ein Fenster einer afroamerikanischen Bluesparty zusehen. Damals – in den Fünfzigern - war die amerikanische Gesellschaft noch streng segregiert, aber der Rock’n’Roll trug sicherlich wesentlich dazu bei, dass der Rassismus endlich aufbrach. Jerry Lee Lewis macht keinen Hehl daraus, dass er bei seinen schwarzen amerikanischen Mitbürgern und Freunden geklaut hat, aber er war ja auch kein Rassist. Allerdings hatte er ein wesentlich größeres Problem: er heiratete seine 13-jährige Cousine 2. Grades.

Lolita als Verhängnis

Memphis, Tennessee 1956: "I got a ferocious godgiven talent on me", meint Jerry zu Myra (Winona Ryder), seiner Cousine 2. Grades, die er später heiraten wird. Beide mit bubble gum im Mund ergeben sie die klassische Vorstellung von Amerikanern dieser Zeit. Aber in dieser Zeit, den Fünfzigern, erschien auch Nabokovs Skandalroman "Lolita" (The Olympia Press, 1955) und sicherlich wurde das gesellschaftliche Klima dadurch noch mehr aufgeheizt, als es ohnehin schon durch den Sieg im Zweiten Weltkrieg war. Andererseits: wenn es legal war, eine 13-jährige zu heiraten, worin besteht dann der Skandal? Natürlich ist es aus moralischer Sicht absolut inakzeptabel, aber Jerry verstieß gegen kein Gesetz. Die moralische Empörung war damals aber sogar so groß, dass seine gesamte England-Tournee gecancelt wurde und er reumütig in die USA zurückkehrte, ohne dort am Flughafen von fanatischen Fans empfangen zu werden. Sein kometenhafter Aufstieg fand nach nur 18 Monaten ein abruptes Ende. Seine Liebe zu seiner 13-jährigen Cousine wurde ihm zum Verhängnis.

Das Brennende Piano

Das Piano war damals gerade out und Gitarre in. Auch kam es Jerry Lee Lewis gelegen, dass vom 1.10.1958 bis zum 5.3.1959 Elvis Presley in Deutschland stationiert wurde, denn der Regisseur stellt die beiden gerne als Konkurrenten gegenüber. Auch sein Cousin, der Priester, dargestellt von Alec Baldwin ist ein Gegenspieler von Lewis, denn der ermahnt ihn immer wieder, sich für Gott und gegen den Teufel zu entscheiden und Rock’n’Roll ist der Teufel, siehe oben. Mit seinen ersten 40'000 Dollar kauft er zwei Autos und schenkt eines dem Priester, das andere dem Mann seiner Cousine. Sam "bigger fish to fry" Philips von SUN Records versucht immer wieder, zwischen dem Vater von Myra, der in Jerrys Band spielt, zu kalmieren. Auf der Bühne zündet Jerry einmal sein Piano an und ein Groupie wirft sich ihm mit den denkwürdigen Worten "I want you to play me like you played that piano" an den Hals. Gekonnt zeigt der Regisseur in der Nacht der Entjungferung, dass Jerry Lee sich selbst als verkappter Moralist entpuppt: "Where did you learn to move like that?" "Ah, you know, it’s in the music...", antwortet Myra unschuldig.

Alle Songs neu eingespielt

Dennis Quaid legt seine Rolle als Jerry Lee Lewis grimassierend wie
John Lydon an, mit manisch-verrücktem Blick stolziert er wie ein Gockel auf die Bühne und ist empört über einen Kinderwagen, der auf die Bühne geschoben wird. "I shine like Gold when I play this piano", ruft er verzweifelt, der für immer "The Wild One" bleiben wird. Als seine Tochter 1959 geboren wird ist alles wieder gut.


von Juergen Weber - 19. Oktober 2018
Great Balls of Fire
Jim McBride (Regie)

Great Balls of Fire


STUDIOCANAL 2018
Laufzeit: ca. 107 Minuten
EAN 4006680088266

USA