Literatur

Die Geschichte einer italienischen Sippe

Der Roman "Die Sonne der Scorta" von Laurent Gaude beginnt mit der irren Tat eines Wahnsinnigen, denn wer sonst würde wegen eines Liebesaktes den Tod in Kauf nehmen? "Luciano drang bei den Biscottis ein. Dies würde ihn das Leben kosten, das wusste er… Er wusste, dass man ihn wiedererkennen und dass man ihn töten würde. Seine Rückkehr hierher, in dieses Dorf, und sein Eindringen in dieses Haus bedeuteten den Tod." Seit 15 Jahren saß Luciano hinter Gittern und nur der Gedanke an Filomena hatte ihn am Leben gehalten. Doch seine Vorstellungen waren alles andere als romantisch-heldenhaft verklärt. "… er hatte sich geschworen, dass er dieses brutale Verlangen … nach seiner Entlassung stillen würde… Filomena Biscotti besitzen und sterben." Nach seiner Entlassung macht er sich sofort auf in sein heimatliches Dorf, um sein sich selbst gegebenes Versprechen einzulösen.

Nachdem er Filomena "besessen" hat, tritt er auf die Strasse hinaus, schließt dort unter den Augen der Nachbarsweiber dreist grinsend demonstrativ seinen Hosenschlitz und reitet fort. Doch am Ende der Dorfstrasse erwarten ihn die Männer und er wird gesteinigt. Fast wäre sein Wunsch in Erfüllung gegangen und "Luciano Mascalzone wäre glücklich gestorben. Mit einem Lächeln auf den Lippen, so wie ein des Sieges überdrüssiger Eroberer im Kampf fällt". Doch im letzten Moment geht der Dorfpfarrer Don Giorgio der dazwischen. Und so erlebte Luciano eine weitere Demütigung in seinem Leben, denn "er hatte Zeit zu hören, was er niemals hätte erfahren sollen." Eine der aufgebrachten Frauen schrie den im Todeskampf am Boden liegenden ins Gesicht "Immacolata ist die letzte Frau, der du Gewalt angetan hast."

Luciano stirbt in den Armen des Pfarrers, doch sein Geschlecht stirbt nicht mit ihm, denn er hat Immacolata geschwängert. Rocco nennt sie ihren Sohn; dann stirbt sie im Wochenbett. Niemand im Dorf will das Kind aufnehmen, ja man berät bereits darüber, wie man es wieder "mit seiner Mutter vereinen kann." Doch der Pfarrer nimmt sich des Knaben an und bringt ihn im Nachbarort bei barmherzigen Menschen unter. Doch auf Rocco scheint ein Fluch zu liegen. War sein Vater noch ein kleiner Tagedieb, wird aus Rocco Scorta Mascalzone ein gefürchteter Mörder, Brandstifter und Frauenschänder.

Harter Überlebenskampf

Schon in den Anfangsseiten wird das Dilemma der Gaudeschen Figuren deutlich. Sie kämpfen vehement und mit allen verfügbaren Kräften gegen ihr Schicksal an, doch letztendlich liegt es außerhalb ihrer Möglichkeiten, diesem "eine Nase zu drehen." Aber Beharrlichkeit ist eine der Tugenden der Scorta und was die eine Generation nicht verwirklichen kann, bleibt als Hoffnungsfunke der nächsten erhalten und wird, wenn auch zunächst nur mit trockenem Reisig, genährt. Dabei treten sowohl männliche als auch weibliche Figuren gleichberechtigt nebeneinander auf und vermitteln so ein homogenes Bild der italienischen Familie. Gleichzeitig vermag Gaude mittels seiner einfühlsamen und mediterranen Sprache einen plastischen Eindruck der Rolle zu vermitteln, die das karge Umfeld im Leben der Scorta spielt. Doch es scheint, dass die Scorta mit einem Fluch belastet sind, denn Glück ist ihnen nie beschieden. Dieses Damoklesschwert glaubt man als Hörer fast greifbar über dem Text schweben zu sehen. Dabei ist es nicht so, als ob Gaude eine dunkle, trostlose oder verhängnisvolle Stimmung beschwört. Es ist nicht das, was er schreibt, sondern seine Worte scheinen sich wie von Geisterhand bewegt zu einem geheimnisvollen Kontext zusammen zu setzen, dessen Tenor lautet "Ich bin ein Scorta und ich spucke auf das Schicksal." Doch das Schicksal kennt keinen Humor und spuckt zurück.

Gesprochen wird das Hörbuch von Angelika und Robert Atzorn, wobei Robert Atzorn den überwiegenden Teil des Hörbuches vorträgt. Einzig die Passagen, in denen eine zunächst unbenannt bleibende Ich-Erzählerin eine Art Beichte einem Geistlichen gegenüber ablegt, spricht Angelika Atzorn. Dabei spricht sie eher leise, demütigt, um Vergebung bittend, ja teils flehend und artikuliert dadurch exakt die Gefühle, die eine alte Frau, tief verwurzelt im römisch-katholischen Glauben, ihrem Beichtvater gegenüber an den Tag legen würde. Robert Atzorns Diktion hingegen klingt wesentlich aggressiver, herausfordernder und trotzig, ja teils kämpferisch-stolz und vermittelt dem Hörer absolut perfekt die Ambivalenz der Scorta zwischen Unbeugsamkeit, Überlebenswillen und Hass gegen "die Anderen" im Dorf und doch versuchen sie, sich der Dorfgemeinschaft anzupassen, um endlich aus ihrem unverschuldeten Unglück heraus zu kommen. Gelungen ist dem Hörverlag damit eine hervorragende Umsetzung einer zu Recht preisgekrönten italienischen Familienchronik, die Hörbuchliebhaber jeder Provenienz restlos überzeugen wird, zumal es sich um eine ungekürzte Lesung handelt.

Fazit: Brillant erzählte Familiengeschichte, deren Gründung bereits unter keinem guten Stern stand. Doch Gaude hängt nicht plump einen Schicksalsschlag an den nächsten, sondern in ruhigem Erzählfluss berichtet er von fast logisch erscheinenden Konsequenzen aus manchmal weit zurück liegenden Ereignissen. Die Hörbuch-Umsetzung gelingt außerordentlich gut, da Robert und Angelika Atzorn perfekt den Ton treffen, welcher vom Autor unterschwellig vorgegeben wird. Ein Hörbuch der absoluten Spitzenklasse.

Die Sonne der Scorta
Laurent Gaude
Angelika Atzorn (Sprecher)
Robert Atzorn (Sprecher)

Die Sonne der Scorta


Hörbuch Hamburg 2006
5 Audio-CDs
EAN 978-3899032383
gesprochen von Angelika und Robert Atzorn

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