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Gefahren aus dem Osten

Erst die Spaltung der christlichen Kirche bewirkte, dass das europäische Abendland auf seinen westlichen, katholischen Teil verengt wurde, denn dieses grenzte sich zunehmend vom oströmischen Reich ab. Dennoch gab es keinen Antagonismus zwischen dem katholischen Abendland und dem orthodoxen Osten; dem muslimischen Morgenland gegenüber jedoch schon. Trotz der Türkenangst, die seit dem 14. Jahrhundert "tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hinterlassen" hat (S. 31) existierte hier - im Gegensatz zu England und Frankreich - bis ins 19. Jahrhundert auch ein teilweise romantisches, auf jeden Fall positives Orientbild, z.B. bei Mozart oder Goethe.

Verantwortlich für die Türkenangst ist nach der Darstellung Wippermanns der "Propagandaapparat" der katholischen Kirche, der sie mit Gebeten, Geldsammlungen, Prozessionen und dem Geläut von Türken-Glocken schürte. Die Türkenangst wurde später auf die Russen übertragen. Immer taucht dabei eine Metapher von bedrohlichen "Fluten" aus dem Osten und dagegen zu errichtenden "Dämmen" auf. Die ethnische Zusammensetzung dieser Fluten aus dem Osten änderte sich jedoch: zunächst Hunnen, Wenden und Mongolen; dann Türken, Russen und Slawen in der Neuzeit; schließlich Juden im ausgehenden 19. und Kommunisten im 20. Jahrhundert. Den vorläufigen Abschluss bildet nach Wippermanns Darstellung die ebenfalls häufig aus dem Osten kommende "Asylanten-Flut" sowie die neue Angst vor dem Islam.

Als nächstes zeichnet Wippermann die Entstehung und spätere Verwendung des Schlagwortes "Ostkolonisation" nach, die es historisch nie gab. Als in Westeuropa auch verbesserte landwirtschaftliche Methoden die steigende Bevölkerungszahl nicht mehr zu ernähren vermochten, wanderten Menschen ab dem 12. Jahrhundert von hier in die Territorien des historischen Mittel- und Ostdeutschland, wo es noch völlig unbebautes oder schlecht bewirtschaftetes Land gab. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die "deutsche Ostkolonisation" von Historikern "erfunden" und zu einem Mythos gemacht; der Geograph Friedrich Ratzel erfand schließlich den Begriff "Geopolitik", wonach Völker irgendwohin "drängten", um "Lebensraum" zu gewinnen. Diese geopolitischen Lehren griff endlich Adolf Hitler auf und verband sie mit der Ideologie vom "deutschen Drang nach Osten", um seine ostimperialistischen Ansprüche zu legitimieren.

Ein interessantes Kapitel ist die antikommunistische Propaganda, die oft in Verbindung mit Antisemitismus auftrat und die auch in der frühen Bundesrepublik Deutschland noch Anklänge dieses jüdisch-bolschewistischen Feindbildes erkennen lässt und damit eine gewisse Kontinuität über den Zweiten Weltkrieg hinaus aufweist. Dies gilt auch für die angeblich wissenschaftliche "Ostforschung", die ursprünglich "die Legitimationswissenschaft des nationalsozialistischen Ostimperialismus gewesen war" und die der Autor mit einigen Zitaten aus den 1950er Jahren bloßstellt.

Heftige Kontroversen löste 1996 Samuel Huntington mit seiner Ankündigung eines bevorstehenden "clash of civilizations" aus. "Ein Ende der Geschichte des Geostereotyps "Osten" ist nicht abzusehen. Mentalitätsmäßig haben sich "die Deutschen" aus dem geostereotypischen Gefängnis "Osten" noch keineswegs befreit." (S. 126)


von Eva Lacour - 17. April 2007
Die Deutschen und der Osten
Wolfgang Wippermann

Die Deutschen und der Osten


Feindbild und Traumland
Primus 2007
158 Seiten, gebunden
EAN 978-3896783431