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Das Exotenland gleich nebenan

Albaner leben in der Schweiz, in Deutschland, in den USA, im Vereinten Königreich. Das ist die jüngste Generation, die der Secondos oder Einwanderer. Nicht seit Jahrzehnten, sondern seit Jahrhunderten siedeln Albaner in Italien, in Griechenland, in Nordmazedonien. Einen eigenen Staat haben sie erst seit 1912.

Die späte internationale Anerkennung ist einer der Gründe, warum das Land, trotz einer fast 500 Kilometer langen Küste, aus Sicht der Europäer der große Unbekannte geblieben ist. Ein weiterer ist die schwere Zugänglichkeit der bergigen Gegenden, die nicht ans Meer reichen. Ein dritter liegt in der Historie des Landes.

Albanien war die Region, aus der sich die Herrscher des Osmanischen Reichs am liebsten bedienten. Vor allem humane Ressourcen waren gefragt. Die Methoden, diese zu rekrutieren, waren freilich alles andere als human. Die Türken raubten noblen albanischen Familien die Kinder, um sie in Militärinternaten fern der Heimat zu erziehen und erstklassige Krieger aus ihnen zu machen. Arnauten wurden sie genannt und sicherten der Hohen Pforte ihre Vorherrschaft über ganz Südosteuropa. Erst die Niederlagen in den Kriegen gegen Russland seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts ließ diese Dominanz bröckeln und ermöglichten ein weiteres Jahrhundert später das Aufkommen der Nationalstaaten auf dem Balkan. Letzter in der Reihe war Albanien.

Endlich unabhängig, wurde Albanien ein Königreich. Wieder drängten fremde Herrscher hinein, eine Zeitlang auch ein unfähiger deutscher Platzhaltermonarch namens Wilhelm Friedrich Heinrich Prinz zu Wied. Die einheimischen Adligen, die später folgten, waren auch nicht besser. Unter ihnen stach ein spinnerter Kroneträger in Fantasieuniform hervor, der Politik mit Schauspiel verwechselte und die Kunst, einen Staat zu führen, auf der Operettenbühne inszenierte. Während Ahmet Zogu I., umschmeichelt von europäischen Mächten, von einem Großalbanien träumte und zur besseren Repräsentanz mit Vorliebe in erlesenen Hotels logierte, ging es daheim wirtschaftlich den Bach herunter. Man warf sich Italien an den Hals, um bald in ein anderes erträumtes Großreich eingegliedert zu werden: das des Faschisten Benito Mussolini. Später okkupierten die Deutschen das Land und hausten ähnlich barbarisch wie in Jugoslawien und Griechenland, mit zahlreichen Massakern an der Zivilbevölkerung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg - albanische Kommunisten hatten das Land aus eigener Kraft befreit - herrschte nur eine Partei: die KP unter ihrem langjährigen Führer Enver Hoxha. Wie günstig, dass Albanien keine gemeinsame Grenze zur Sowjetunion besaß! So blieb der Staat zwar lange Mitglied des Warschauer Pakts (de facto seit dem Bruch mit KP-Chef Nikita Chruschtschow 1961, der offizielle Austritt erfolgte im Spätsommer 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings), konnte aber eigenständig seine Politik gestalten. Dies führte bisweilen zu bizarren Blüten.

Von imaginierten und realen Feinden umzingelt (im Norden Jugoslawien unter dem Reformkommunisten Tito, im Süden das kapitalistische Griechenland, durch die Adria getrennt von den ehemaligen italienischen Invasoren), schottete Hoxha den Staat komplett ab. Bis Mitte der 1970er Jahre gab es noch Wirtschaftshilfe aus China, danach war das Land komplett auf sich allein gestellt. Ein Wunder, das es nicht zusammenbrach.

Vielleicht machten die Albaner auch einiges richtig. Aus der Distanz war dies schwer zu beurteilen. Zumindest im Vergleich zu Zogu, der im Ausland die Opposition repräsentierte, kam Hoxha in der westlichen Betrachtung als seriöser Politiker rüber. Bequemer tat man sich damit, dem Land das Etikett "Europas Nordkorea" zu verpassen und es ansonsten in Ruhe zu lassen – von einigen dilettantischen Umsturzversuchen westlicher Geheimdienste abgesehen. Sie wurden allesamt von einem Maulwurf im britischen MI 5 hintertrieben. Kim Philby begründete seine Sympathie für Hoxha in seiner Biografie mit der würdelosen Kasperhaftigkeit Zogus.

Westlicher und östlicher Interventionismus (auch der KGB war in Albanien aktiv) leisteten dem Isolationismus weiter Vorschub. Nur gelegentlich wagte sich Hoxha etwas aus der Deckung, etwa als er den für den Einmarsch in die Tschechoslowakei verantwortlichen Nachfolger Chruschtschows als "Komödianten" bezeichnete, mit dem Zusatz, dies betreffe nur dessen Augenbrauen, ansonsten sei Leonid Breschnew ein äußerst mediokrer Politiker. Wer konnte es schon wagen, so mit dem zweitmächtigsten Mann der Welt zu reden? Zugegeben, solche Chuzpe war auch der großen Distanz zwischen Tirana und Moskau geschuldet, die Existenz einiger Pufferstatten eingeschlossen.

Albaniens Sonderstellung - immerhin brachte sie dem Land einen vom bayerischen Kommunistenfresser Franzjosef Strauß eingefädelten Milliardenkredit ein - änderte sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kommunismus. Das durch seine strikte Autarkie technologisch wie auch zivilgesellschaftlich immer rückständiger gewordene Land brauchte lange, um sich von den Altlasten zu befreien und einen bescheidenen Aufschwung zu bewerkstelligen. Immerhin hatten die kommunistischen Machthaber erkannt, wie wichtig eine gute Ausbildung für die Bevölkerung war und diese ihr auch zukommen lassen. Doch was nutzen Mediziner, Ingenieure und Naturwissenschaftler, wenn es keine adäquaten Arbeitsplätze gibt? Viele Albaner gingen nach der Wende ins Ausland. Einige kehrten zurück und halfen daheim beim Aufbau.

Wie weit der Fortschritt gediehen ist? Schwer zu beurteilen. Einen recht guten Einblick in Geschehnisse und Geschicke des Landes hat die Historikerin Christiane Jaenicke. Sie lebte bereits in der Hoxhaära in der Hauptstadt Tirana und hat eine durchaus zwiespältige, aber auch von Sympathie geprägte Beziehung zum Land entwickelt. Ihr Länderporträt fußt auf fundiertem Wissen und erfasst auch die ökonomischen, politischen und andere gesellschaftsrelevanten Zusammenhänge: Wie war es möglich, dass die Geschichte Albaniens einen solchen Verlauf genommen hat, und in welcher Form wird er sich künftig fortsetzen?

Wer das Leben und Überleben eines Volks in einer klaustrophoben Gesellschaft, zeitweise von Mangel, vor allem aber von Improvisationskunst geprägt, gefolgt von einer chaotischen Phase ungebremsten Kapitalismus mit zusammenbrechenden Pyramidensystemen und resultierender Massenauswanderung nachvollziehen möchte, dem sei diese Länderkunde wärmstens empfohlen. Erstaunlich auch, zu welch recht hohem Niveau die Demokratie in Albanien sich inzwischen aufgeschwungen hat. Besonders Ministerpräsident Edi Rama, seit 1913 im Amt, kommt bei Jaenicke gut weg. Nach kommunistischer Isolation, kapitalistischem Laissez faire & Laisser mourir und neoliberalem Hazard vor allem unter Ramas Vorgänger Sali Berisha strebt das Land Richtung Westen und in die EU. Auch die Reiseveranstalter haben es mittlerweile für sich und ihre Kunden entdeckt.

Vor zehn Jahren ist ein zweiter albanischer Staat auf der europäischen Landkarte aufgetaucht, das Kosovo, mit einer albanischen Bevölkerungsmehrheit von 90 Prozent. Natürlich gibt es wieder Träumer, die von einem Großalbanien schwadronieren. Erstaunlich ist die Besonnenheit der meisten albanischen Politiker, die eine solche Lösung ablehnen und mit dem status quo der zwei Staaten auch ganz gut fahren. Der Versuch eines Nachfahren Zogus, in Albanien per Volksabstimmung die Monarchie wiedereinzuführen, wurde vom aufgeklärten Demos abgeschmettert, so dass sich die Tradition albanischer Könige weiterhin in der Ordnungszahl eins erschöpft.

Dies hindert die Albaner im Mutterland wie im Kosovo als auch in der Diaspora nicht, sich als ein Volk zu fühlen und die besonderen Momente der jüngsten Geschichte zu genießen: etwa, als die Nationalmannschaft der Schweiz bei der letzten Fußballmannschaft den favorisierten Brasilianern ein 1:1 abtrotzte und anders als der große Nachbar Deutschland glorreich ins Achtelfinale einzog. Mit dabei, wohlgemerkt in der Startaufstellung, waren vier Spieler mit albanischen Wurzeln: Valon Behrami, Blerim Dzemaili, Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka.


von Ralf Höller - 06. Oktober 2019
Albanien
Christiane Jaenicke

Albanien


Ein Länderporträt
Christoph Links 2019
240 Seiten, broschiert
EAN 978-3962890438