Kultur

Rom ist das Ziel

"Romanzo Criminale" wurde unter der Regie von Stefano Sollima produziert und von 2008 bis 2010 im italienischen Fernsehen ausgestrahlt. Die überaus erfolgreiche TV-Serie erzählt den Aufstieg einer Gruppe von Kleinkriminellen zu einer der stärksten und gefürchtetsten kriminellen Vereinigungen, die von 1970 bis Anfang 1990 Rom und Italien unsicher machte.

Die "Banda della Magliana" gab es tatsächlich. Magliana ist das Quartier im Südwesten Roms, wo die Bandenchefs ihre Wurzeln haben: "Il Libanese" (Francesco Montanari), "Freddo" (Vinicio Marchioni) und "Dandi" (Alessandro Roja), wobei der eigentliche Kopf der Libanese ist. Nach verhältnismässig harmlosen kirminellen Machenschaften landen sie ihre ersten wirklich grossen Coups wie beispielsweise die Entführung von Baron Massimiliano Grazioli Lante della Rovere, den sie - entgegen dem Plan - trotz Lösegeldzahlung ermorden. Das erbeutete Geld wird nicht etwa verjubelt, sondern in den Aufbau der Organisation und für die Durchführung weiterer Taten eingesetzt. Der Libanese will Grösseres erreichen und sich nicht länger auf den niederen Rängen rumschlagen. Rom ist seine Stadt und Rom ist das Ziel. Dank geschickter Organisation und Zusammenarbeit mit anderen Banden, Disziplin, Skrupellosigkeit und schlussendlich auch Verbindungen zur Mafia gelingt ein rasanter Aufstieg, der die bisher klar föderalistischen Machtverhältnisse der römischen Unterwelt umkrempelt.

Den Kriminellen auf den Versen ist Commissario Scialoja. Marco Bocci spielt den etwas melancholischen, aber seriösen Ermittler vorzüglich, dem wegen seiner Schwester, die im linken Aktivistenmilieu unterwegs ist, eine kommunistische Gesinnung nachgesagt wird. Die Figur erweckt in einem fast Mittleid. Scialoja kann nur ziemlich machtlos zusehen, wie die Kleinkriminellen von damals langsam aber sicher Macht über die gesamte römische Unterwelt erlangen. Ihre Finger haben sie schnell in allen kriminellen und halbkriminellen Geschäftszeigen. Ein Spiel zwischen den Welten spielt dabei die schöne Prostituierte Patrizia, von Dandi zu seiner Freundin erklärt, vom Libanesen als Schwachstelle und von Scialoja schnell als Schlüsselfigur erkannt, die aber auch dem Commissario den Kopf verdreht und stets ihre Unabhängigkeit zu sichern versucht.

Je mächtiger die Bande wird, desto gewalttätiger und gnadenloser werden die Auseinandersetzungen. Die Verstrickungen, auf die sie sich auf dem Weg nach oben einlassen oder einlassen müssen, nehmen unangenehme Formen an und führen zunehmend zu internen Spannungen. Neben Verbindungen zur Mafia werden unter anderem Beziehungen zum Geheimdienst (eher unfreiwillig) und zu der rechtsgerichteten Terroristengruppe "Nuclei Armati Rivoluzionari (NAR)" unterhalten, die unter anderem für den verherrenden Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologona 1980 verantwortlich gemacht wurde. Der ursprünglich auf Freundschaft, Vertrauen und flachen Hierarchien basierende Zusammenhalt bröckelt auf dem Höhepunkt der Macht. Der Libanese nimmt wahnartige Züge an und endet, wie nicht anders zu erwarten war, erschossen im Strassengraben. Mit dieser Szene endet die erste Staffel mit zwölf Folgen.

Die in Rom abgedrehte TV-Serie wurde zu Recht sowohl von Kritikern als auch vom Fernsehpublikum begeistert aufgenommen. Sie zeichnet ein authentisches Bild der damaligen Zeit, unterstützt durch gut gewählten Sound, ist überaus spannend, emotional, vermeidet dabei aber eine allzu einseitige Glorifizierung des Kriminellen. Die Authentizität ist auch der Buchvorlage des italienischen Staatsanwalts Giancarlo De Cataldo, der persönlich an der Bekämpfung der Bande beteiligt war, zu verdanken. Die Figuren wurden ideal besetzt. Sie bleiben - wie auch viele Dialoge und Szenen - nachhaltig in Erinnerung. Das gelingt nur wenigen TV-Serien.

Romanzo criminale
Stefano Sollima (Regie)

Romanzo criminale


Staffel 1
edel 2012
Spielzeit: 660 Minuten
EAN 4029759075967
4 DVDs

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