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Edward Snowden, Kay Greiners: Permanent Record

Der Nerd, der die Geheimdienste das Fürchten lehrte

Der 1983 in Elizabeth City, North Carolina geborene Edward Snowden wuchs in der Nähe des NSA-Hauptquartiers Fort Meade in Maryland auf, dem grössten Arbeitgeber weit und breit und so landete er auch dort, als Computerspezialist, denn Snowden ist ein 'Nerd' (ein von Computern Angefressener), der Aussagen macht, die eben nur einem 'Nerd' einfallen. "Alle Teenager sind Hacker. Das müssen sie sein, und sei es auch nur, weil sie unter unhaltbaren Umständen leben. Sie selbst halten sich für Erwachsene, aber die Erwachsenen halten sie für Kinder."

Hacker sind Regelbrecher. Doch um Regeln zu brechen, muss man diese zuerst einmal kennen. Mehr noch: man muss sie besser kennen als diejenigen, welche sie geschaffen haben. Snowden verbringt fast seine ganze Zeit im Internet, seinem Heiligtum. "Wäre es möglich gewesen, hätte ich nur noch sitzend gelebt (....) Meine Neugier war ebenso riesig wie das World Wide Web; ein grenzenloser Raum, der exponentiell wuchs."

Nach 9/11geht er zur Armee, verunfallt, wird entlassen, bewirbt sich bei der CIA, deren rigorose Background-Checks vor allem dazu dienen, dass künftige Mitarbeiter nicht erpresst werden können. Er ist 22, verliebt, wird eingestellt als Vertragsmitarbeiter (dass im US-Staatsdienst selbst die sensibelsten Systeme von Privaten und nicht von Staatsangestellten betrieben werden, wird mit Innovation schön geredet), wechselt in den Staatsdienst, nimmt dabei eine Gehaltskürzung in Kauf, und trägt nun bei zur weltweiten amerikanischen Zerstörungswut. "In Amerikas anschliessendem Rachefeldzug wurden mehr als eine Million Menschen getötet."

Im Staatsdienst lernt er unter anderem, "dass Botschaften vor allem als Stützpunkt für Spionage dienen." Und auch, dass er, der nicht nur über ein intaktes Gerechtigkeitsempfinden verfügt, sondern auch diesem entsprechend handelt, für die Bürokratie ungeeignet ist.

Er wird nach Genf geschickt, wo er einmal auch "einen gutgekleideten Mann aus dem Nahen Osten, der demonstrativ ein Schweizer Hemd (Was das wohl ist?) in Rosa mit Manschettenknöpfen trug" rekrutieren soll und ihm bewusst wird, "dass etwas, was für die breite Öffentlichkeit verheerende Folgen hat, für die Eliten gewinnbringend sein kann und häufig auch ist."

"Permanent Record" bietet überaus vielfältige Aufklärung: Über den Autor, der sich eine angeborene Streberhaftigkeit attestiert, wie auch über das Internet, das er als durch und durch amerikanisch bezeichnet (von der Infrastruktur, Software, Hardware, Chips, Modems und Routern bis zu den Webservices und -plattformen), was den Nachteil hat, dem amerikanischen Recht und damit der US-Politik zu unterliegen, was "der US-Regierung erlaubt, praktisch alle Männer, Frauen und Kinder zu überwachen, die jemals einen Computer berührt oder eine Telefontaste gedrückt haben."

Mit zum Aufschlussreichsten in diesem gut geschriebenen Buch gehören Snowdens Ausführungen zum Begriff "Massenüberwachung", unter der sich die meisten Leute vorstellen, es gehe darum, mit wem sie sich worüber austauschen. Nur eben: Dafür interessiert sich der Staat kaum. Interessiert ist er hingegen an den Metadaten, also die durch Daten erzeugten Daten. Sie sind die "Aufzeichnungen aller Dinge, die wir mit unseren elektronischen Geräten tun, und aller Dinge, die sie von selbst machen." Was wir also wann und wo und wie lange machen; an wen wir E-Mails verschicken, wer sie bekommt. "Sie liefern genau diejenigen Informationen, die die Partei, von der sie überwacht werden, als Ausgangspunkt benötigt."

Nicht nur die digitale Welt interessiert den jungen Edward Snowden, sondern auch die amerikanische Verfassung. "Ich las die Verfassung unter anderem deshalb so gern, weil sie grossartige Ideen enthält, aber auch, weil es gute Prosa ist; vor allem aber, weil es meine Kollegen wahnsinnig machte." Zunehmend wird ihm klar, dass die Geheimdienste systematisch die Verfassung brechen – er wird zum Whistleblower ("Ein Whistleblower ist nach meiner Definition eine Person, die durch bittere Erfahrungen zu dem Schluss gelangt ist, dass ihr Leben innerhalb einer Institution sich nicht mehr mit den Prinzipien verträgt, die sie in der Gesellschaft ausserhalb dieser Institution entwickelt hat.") und enthüllt das geheime Massenüberwachungssystem seines Landes

"Permanent Record" macht selten deutlich bewusst, dass die amerikanische Politik (unter Obama, wohlverstanden) zynisch und antidemokratisch war und dabei die hehren Werte, die sie zu vertreten vorgab (Freiheit etc.), in den Staub trat. Mit Trump scheint dies alles nur offensichtlicher geworden zu sein.


von Hans Durrer - 23. November 2019
Permanent Record
Edward Snowden
Kay Greiners

Permanent Record


Meine Geschichte
Fischer 2019
432 Seiten, gebunden
EAN 978-3103974829

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