Kultur

"Ich bin theoretisch ein Heiliger"

Wie so viele habe ich Hesse in meiner Pubertät gelesen. Und fand mich darin wieder. Vor Jahren wieder gelesen habe ich "Unter dem Rad" und auch damals fand ich mich darin wieder, doch als ich letzthin, es ist noch nicht so lange her, mich am Glasperlenspiel versuchte, kam ich nicht rein, blieb mir der Zugang verschlossen.

Hermann Hesse ist mir immer sympathisch gewesen, weniger als Schriftsteller (sprachlich überzeugte er mich häufig nicht), denn als Suchender und Denker, seine Weltsicht erlebte und erlebe ich als inspirierend.

Das Bild, das mir Heimo Schwilk in seiner ungemein anregenden, spannenden Biografie von Hesse vermittelt, zeigt mir einen sehr schwierigen und nicht besonders sympathischen Menschen. Eigensinnig ist er und dass er sich in "Demian" sagen lässt: "Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte", spricht mich an. Wie er hingegen mit seinen Ehefrauen umgeht (schon Kleinigkeiten wie ein falsch zurückgestelltes Buch oder eine verschimmelte Banane können zu Wutanfällen führen), stösst mich nicht nur ab, sondern macht mich fast schon wütend. Was für ein selbstbezogener Egoman! Nun gut, er weiss es selber: "Kurz, ich bin theoretisch ein Heiliger, der alle Menschen liebt, und praktisch ein Egoist, der nie gestört sein mag."

Erstaunt war ich, wie stark Hesse von vermögenden Gönnern abhängig gewesen ist, dass vieles (etwa seine selbstzerstörerischen Seiten) "grösstenteils gespielt, blosse Pose" war, dass er Kriegsgedichte geschrieben hat, er rastlos unterwegs und weit entfernt von Siddhartas Gelassenheit gewesen ist.

Schreiben ist für Hesse auch immer Therapie, seine Selbstanalyse schonungslos. So schreibt er im Mai 1918 seinem Vertrauten Walter Schädelin: "Meine Bücher mögen sein wie sie wollen, es ist jetzt nicht wichtig. Aber wenn sie auch alle guten Erkenntnisse der Welt enthielten, so bliebe doch das bestehen, dass Schreiben nicht Leben ist und dass man edle Psalmen dichten, dabei aber ein höchst ungerechter Kammermacher sein kann. Ich habe als Dichter Kelche geleert und Pillen gefressen, um die ich mich als Herr Hesse gedrückt habe. Daraus den Weg zu finden, der Krämpfe löst und weiterführt, das ist's. Die Askese, die mir vor Jahren einige Dienste tat, ist nicht mehr was mir dient, es muss schon synthetischer und erlösender zugehen."

Der zerrissene Hermann Hesse "hat dem Geist gedient, indem er als der Erzähler, der er ist, vom Widerspruch zwischen Geist und Leben und vom Streit des Geistes gegen sich selber erzählte. Eben dadurch hat er den hindernisreichen Weg wahrnehmbar gemacht, der zu einer neuen Ganzheit und Einheit führen kann", hat Martin Buber gesagt.

"Je älter Hesse wird, desto mehr zieht er sich in sich selbst zurück", schreibt Schwilk. Seine Verkrampfungen lösen sich auf, ein allmähliches Loslassenkönnen und Gelassenheit stellt sich ein. Das wirkt sich auch auf die Ehe zu seiner viele Jahre jüngeren, dritten Frau, Ninon, aus. "Die Fotos der späten Jahre strahlen Verbundenheit und gegenseitige Achtung aus." Hermann Hesse stirbt am Donnerstag, dem 9. August 1962 in Montagnola an einer Hirnblutung.

Heimo Schwilk schreibt wunderbar leicht und eingängig; er beschreibt, legt dar, zeigt auf, erzählt und dichtet dergestalt überzeugend das Leben Hesses nach. "Das Leben des Glasperlenspielers" gehört in die Reihe der mir wichtigen und wertvollen Bücher.

Hermann Hesse
Heimo Schwilk

Hermann Hesse


Das Leben des Glasperlenspielers
Piper 2012
432 Seiten, gebunden
EAN 978-3492053020

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