Kultur

Ein Jahr, das man gerne bewusst erlebt hätte

Mal ehrlich: Schon mal was von einer Band namens The Warlocks gehört? Es gibt ein Bild von der Combo auf der Bühne, da sehen alle aus wie brave Jungs, nur dem Organisten Ron McKernan, Spitzname: Pigpen, sieht man den späteren Freakstatus bereits an. Nur ein Jahr später wirkt das Quintett schon wesentlich cooler. Der Ort, an dem Jerry Garcia, Bob Weir, Phil Lesh, Bill Kreuzmann und eben jener Pigpen sich für ein Porträt lässig um ein Verkehrsschild und eine Straßenlaterne gruppiert haben, könnte legendärer nicht sein. Es ist die Kreuzung zweier Gassen in San Francisco, der Haight und der Ashbury. Jeder Hippie, jeder Freak, jeder Acidhead kennt diese Ecke; sie steht symbolisch für die neue Musikszene in den Staaten und vieles, was mit ihr zusammenhängt: psychedelische Drogen, ausgelebte Sexualität, alternative Lebensweise und Weltanschauungen, die mit dem politischen Establishment nichts mehr gemein haben.

Wir schreiben das Jahr 1966. Es ist das Jahr, in dem sich The Warlocks in The Grateful Dead umbenennen. Es ist auch das Jahr , in dem die Beatles letztmalig öffentlich auftreten, in dem Bob Dylan sein legendäres Album Highway 61 herausbringt, (mit dem, laut der Musikzeitschrift Rolling Stone, besten Song aller Zeiten, na, wie heißt er wohl?), aber wegen des Einsatzes elektrischer Gitarren als "Judas" beschimpft wird, in dem die US-Luftwaffe vier Atomraketen über spanischem Territorium verliert, ohne dass die Weltpresse darüber berichtet, in dem zunächst friedlich vor dem Berliner Amerikahaus gegen den Vietnamkrieg protestiert wird und der Direktor der US-Einrichtung die Demonstranten zur Diskussion nach drinnen lädt, in dem die deutsche Elf das WM-Finale gegen Gastgeber England nach einer haarsträubenden Schiedsrichterentscheidung verliert und dennoch tadellose Haltung bewahrt. Und es ist das Jahr, in dem Frank Schäfer geboren wird.

Frank Schäfer ist der Autor von 1966. Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte. Um es gleich zu sagen: Es ist ein lesenswertes Buch. Schäfer gelingt es, die Zeit anzuhalten und den Betrachter sich in sie zurückversetzen zu lassen. Wie unschuldig alles noch war! Ein als Verräter wahrgenommener Held der modernen Folkmusik (der er nie war) darf bis auf den einen Zwischenruf ungestört weitersingen, eine kriegführende Großmacht überfliegt ein Nicht-NATO-Land (Spanien trat erst 1982 dem Bündnis bei) mit Atomwaffen, verliert vier und kommt damit weg. Ein Berliner Polizeisprecher bedankt sich bei den Teilnehmern für die eindrucksvolle Demonstration. Eine um den WM-Titel gebrachte Fußballmannschaft verlässt freundlich ins Publikum winkend den Platz.

1966 war in mehrfacher Hinsicht ein Umbruchsjahr. Doch ging es alles in allem recht gemütlich zu. Noch gab es keine Drogentoten (statt Heroin wurde hauptsächlich Haschisch, Marihuana und LSD konsumiert), noch kein Flächenbombardement in Vietnam, noch keine Invasion der Sowjetunion in der Tschechoslowakei, noch keine von deutschen Polizisten abgeknallte Demonstranten und von faschistoiden Amerikanern ermordete Bürgerrechtler, und auch noch kein Woodstockfestival, das sich Liebe und Frieden auf die Fahnen schrieb und nur einem einzigen Zweck diente, nämlich möglichst viel Kohle zu scheffeln.

Und dennoch möchte man auch von den folgenden Jahren lesen, von 1967, 1968, 1969. Gerne wieder von Frank Schäfer, der einen äußerst lebendigen (und manchmal merkwürdig aktuell anmutenden) Eindruck von 1966 vermittelt. Wie dämlich schon damals die Schlagzeiten der Bild waren! Was für Trällerliedchen sich in den Hitparaden tummelten (Pretty Flamingo/Manfred Mann, The Sun Ain’t Gonna Shine Any More/The Walker Brothers, The Ballad Of The Green Berets/Staff Sergeant Barry Sadler, letztere Gurke wurde von der deutschen Knalltütenversion Hundert Mann und ein Befehl fast noch an Niveau unterboten, aber Freddy Quinn singt besser)! Was für gute Lieder es andererseits in die Hitparaden schafften (manchmal irrt die Masse doch nicht, erfolgreichster Song 1966 war Nancy Sinatra mit dem von Lee Hazlewood geschriebenen These Boots Are Made for Walkin’). Wie cool manche Leute damals schon aussahen (Nancys Vater Frank leider nicht)! Und wie gut die Musik der Grateful Dead gewesen sein muss!

von Ralf Höller - 21. Januar 2017 - Short URL https://goo.gl/n1slcY

Kultur Musik Gesellschaft

1966 - Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte
Frank Schäfer

1966 - Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte


Residenz 2016
200 Seiten, broschiert
EAN 978-3701733811

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