Geschichte

Coburg: Die nationalsozialistische Musterstadt

Der 30. Januar 1933 ist nicht nur als der Tag, an dem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, in die Geschichte eingegangen, die nationalsozialistische Propaganda stilisierte ihn vielmehr zum Tag der "Machtergreifung", welche die Initiative und Dynamik des Vorgangs herausstellen sollte. Bis heute wird ihm - zu Recht - eine besondere Rolle zugemessen, schließlich leitete der letzte mehr oder minder legale Regierungswechsel der von Wirtschafts- und Verfassungskrise bedrohten Weimarer Republik eine von einem großen Teil der Hauptakteure nicht oder vielmehr nicht so gewollten Diktatur ein. Wenn auch die Forschung mittlerweile die "Machtergreifung" als einen stetigen Prozess der Machteroberung und -sicherung betrachtet, so markiert der 30. Januar 1933 im öffentlichen Bewusstsein doch den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland.

Weniger bekannt ist heute, dass die Nationalsozialisten bereits vor 1933 Teilhabe an der Macht erlangen konnten: in Regierungen der Länder und in Kommunen. In Thüringen war Wilhelm Frick 1930-31 der erste nationalsozialistische Minister, im Mai 1932 brachten die Wähler des Freistaates Oldenburg die NSDAP in die Alleinregierung, ebenso in Anhalt und erneut in Thüringen. In einer Stadt gelang es den Nationalsozialisten bereits 1929 die absolute Mehrheit zu erringen und bald darauf den Bürgermeister zu stellen: Coburg.

In seiner 2004 an der Universität Bamberg angenommenen Dissertation untersucht Joachim Albrecht den Aufstieg der Coburger NSDAP aus dem rechtsradikalen Milieu bis an die Spitze der Stadt. Im Mittelpunkt steht ihr lokaler Exponent, der Ortsgruppenleiter und spätere Bürgermeister der Stadt, Franz Schwede. Dessen Buch "Kampf um Coburg", das 1939 erschien, und eine gute Überlieferung in den Archiven, die das selbstgeschaffene Bild Schwedes korrigieren helfen, bilden die Grundlage für eine äußerst lesenswerte Studie.

In einem ersten Teil skizziert Albrecht zunächst den bekannten Werdegang Hitlers in der Weimarer Republik bis zur Kanzlerschaft und überschreibt ihn als den "verschlungenen Weg zur Macht". Dem gegenüber stellt er im zweiten Teil den "graden Weg zur Macht", den die Coburger NSDAP genommen hatte.

Die oberfränkische Kleinstadt Coburg hatte nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution den Verlust der Funktion als Residenzstadt des vormaligen Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha zu verkraften. Die Basis für den Aufstieg der NSDAP - 1922 gründete sich die erste Ortsgruppe in Coburg - bildete wie überall das völkisch-nationalistische Milieu, das hier besonders stark präsentierte und zudem vom Herzog Carl Eduard protegiert wurde. Zu Beginn der Weimarer Republik war es noch zersplittert, zeichnete sich jedoch durch einen offensiv propagierten Antisemitismus aus, der in der Stadt durchaus Wirkung zeigte. Bereits bei der Landtagswahl 1924 erhielt der Völkische Block, die Ersatzpartei für die seit dem Hitlerputsch verbotene NSDAP, 53,1% der Stimmen und belegte, dass der Rechtsradikalismus in Coburg "mehrheitsfähig" war. Im selben Jahr zogen drei Nationalsozialisten in den Stadtrat ein. Albrecht macht deutlich, dass ihre parlamentarische Arbeit auf das Einbringen von populistischen Forderungen beschränkt blieb, die angesichts der Mehrheitsverhältnisse keine Aussicht auf Erfolg hatten. Stattdessen betrieb die Partei außerparlamentarische Opposition durch Gründung einer eigenen Zeitung, die fortan mit reißerischen Artikeln vermeintliche Skandale "aufdeckte", um das politische System der Republik zu destabilisieren.

1929 gelang es der NSDAP vorgezogene Kommunalwahlen herbeizuführen, bei denen sie 13 von 25 Sitzen gewann und damit die bestimmende Kraft im Stadtrat wurde. In Coburg spielte sich nun die "Machtergreifung" vor Ort ab, die ein Vorbote von dem war, was 1933 alle Kommunen in Deutschland erleben sollten. Mit Zähigkeit verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel der Ablösung der Bürgermeister. 1930 erhielt Schwede das Amt des Dritten Bürgermeisters, im April 1931 das des Zweiten und im Oktober das des Ersten Bürgermeisters. Das Hissen der Parteifahne auf dem Rathaus, die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Hitler, all das spielte sich in Coburg schon vor 1933 ab. Rasch bekam die NSDAP die Polizei in die Hand, gegen die politischen Gegner wurde gewalttätig vorgegangen, die Konservativen bemühten sich um Anschluss. Eine konstruktive Kommunalpolitik fand unter den Nationalsozialisten nicht statt: der Stadtrat war lediglich die Bühne für Propagandaveranstaltungen, die katastrophale Haushaltslage der Stadt wurde als Instrument gegen den gesamten Staat umfunktioniert. Der im ganzen Reich eingeführte Freiwillige Arbeitsdienst erhielt in Coburg eine besondere Ausprägung: wie als Vorwegnahme des späteren Reichsarbeitsdienstes diente er nicht nur der Beschäftigung junger Arbeitslose, sondern sollte durch strenge Kasernierung und ideologische Erziehung zur "Stätte einer wahren Volksgemeinschaft" werden. Durch die drohende Streichung von Sozialleistungen war die Freiwilligkeit eine Farce. Die Propaganda der Nationalsozialisten stellte indes dieses System als Erfolg heraus, so dass Arbeitslose um Aufnahme baten und viele Kommunen aus ganz Deutschland sich für das Coburger Modell interessierten.

Der Stimmenanteil der NSDAP in der Stadt lag bei den Reichstagswahlen 1932 deutlich über 50%, gleichzeitig benutzte die Partei Coburg mit Schwede an der Spitze überregional als "Wahlkampfschlager". Albrecht zeigt auf, wie genau die Münchner Parteizentrale die Coburger Ereignisse beobachtete und in welchem engem Kontakt sich die lokale Führung und die Reichsleitung in den entscheidenden Phasen befanden. München unterstützte und lenkte Schwede vor Ort. Im entscheidenden Moment, 1929, weilte Hitler in der Stadt und überzeugte sich selbst vom siegreichen Wahlausgang. Das Coburger Modell schien ihm einen alternativen Ansatz zu bieten, selbst zur Macht zu gelangen: über die Schaffung einer breiten Basis in den Kommunen und ihre Instrumentalisierung gegen das Reich. Allerdings beschritt die Partei diesen Weg erst 1932 und eher zögerlich, denn sie hätte dann die Verantwortung für die zerrütteten Finanzen vieler Kommunen übernehmen müssen. Doch nicht konstruktive Kommunalpolitik, sondern der Umsturz der staatlichen Ordnung war das Ziel. Albrecht betont, dass Schwedes Herrschaft ohne Zukunft gewesen sei, wenn der 30. Januar 1933 nicht die Kanzlerschaft Hitlers gebracht hätte. Dessen "Drittes Reich" sollte aber ebenso ohne Zukunft sein.

Die Studie liefert einen wichtigen Beitrag sowohl zur Coburger Stadtgeschichte als auch zur Forschung über das Phänomen des Nationalsozialismus. Es ist Albrecht gelungen, detailliert und anschaulich die Ereignisse vor Ort darzustellen. Ebenso deutlich vermag er die Interdependenzen zwischen dem lokalen Geschehen und dem auf Reichsebene herauszuarbeiten. Dem Thema "Machtergreifung" hat er so eine weitere Facette hinzugefügt.

Die Avantgarde des "Dritten Reiches"
Joachim Albrecht

Die Avantgarde des "Dritten Reiches"


Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933
Peter Lang 2005
243 Seiten, broschiert
EAN 978-3631537510

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