Zora Del Buono: Gotthard

Leben um den Tunnel

Bücher geht man voreingenommen an. Jedenfalls ist es bei mir so. Und deswegen auch gleich vorneweg: Ich mag Zora del Buonos Schreiben sehr. Und bin mir gewiss, dass ich auch diese Novelle mögen werde. Der Sprache, des Tones, des Rhythmus wegen. Zudem: Ich habe einen starken Bezug zur Gegend, in der "Gotthard" spielt. Seit ich vor Jahren während vieler Monate durch diesen langen Tunnel gependelt bin, stellen sich bei mir bei Leventina, Faido und Biasca sofort ganz viele Bilder im Kopf ein, Wehmuts- und Sehnsuchtsbilder.

Fritz Bergundthal, fünfzig, Steuerfachmann, Junggeselle und Eisenbahn-Fan, begibt sich von Berlin ins Tessin, um dort Fotos von aus dem Berg auftauchenden Lokomotiven zu machen. " ... um diesen einen kurzen Moment ging es wohl ... die Lok vor sich und den Tunnelbogen gleichförmig dahinter ... das perfekte Bild."

Doch zuvor besucht Bergundthal noch seinen Eisenbahn-Freund Hanspeter in Zürich. Hinreissend, wie Zora del Buono diesen Hanspeter zeichnet - als vergnügt spielendes Kind in seiner selbst gebastelten Welt. "Frühmorgens wurde Bergundthal dann von einem eigentümlich wischenden Geräusch geweckt, er zog seine Pantoffeln an, schlich zum Ende des Flurs, öffnete die angelehnte Tür zum Hallenbad und sah Hanspeter, im Trainingsanzug und mit aufgesetzten Kopfhörern, wie er auf einem Sportgerät sitzend ruderte, mitten im wasserleeren Becken, um ihn herum eine Berglandschaft mit Kühen und Bauernhöfen, mit Schienen, Ampeln, Viadukten und Tunneln, eine Spur-Z-Anlage, so gross, wie Bergundthal sie in einem Privathaushalt noch nie gesehen hatte. Er schloss leise die Tür und ging duschen. An jenem Morgen verstand er, Hanspeter war ein glücklicher Mensch."

Auf dem Tessiner Campingplatz trifft Bergundthal auf die Lastwagenfahrerin Flavia. Und später auf deren Mutter, Dora Polli-Müller, die einmal von Hollywood träumte und aus der Deutschschweiz ins Tessin gezogen ist, und ihren Vater, den rasenden Motorradfahrer Aldo Polli, der kein Hotelier geworden ist.

Und dann gibt's da noch Robert Filz, 29, den ehemaligen Kleinstadtbäcker aus dem Aargau, der jetzt "Baustellenlokführer im längsten Tunnel der Welt" und Puffgänger ist, und in einer Hitze arbeitet, von der Aussenstehende so ziemlich gar keine Ahnung haben. Und Tonino (di Torino), der früher gesoffen hat und jetzt nicht mehr. "Im Tessin nüchtern zu bleiben, war nahezu unmöglich, insofern konnte er stolz auf sich sein." Und Thomas Oberholzer aus der ehemaligen DDR. Und Mônica aus Brasilien. Und alle sind sie miteinander verhangen ...

Die geschilderten Geschichten ereignen sich im Laufe eines Tages, was die einzelnen Stränge zusammenhält, ist der im Bau befindliche Gotthardbasistunnel, über den man so nebenbei einiges lernt. Was diese Novelle für mich speziell macht, ist Zora del Buonos scharfer Blick, ihre smarten Bemerkungen über scheinbar Nebensächliches, die mich immer wieder an den Satz von Maezumi Roshi denken lassen: "Kleinigkeiten sind nicht klein".

Hier ein Beispiel (ohne Rücksicht auf Zusammenhänge - die respektiere ich eh nur, wenn es mir passt): "Er schaute auf sein Handydisplay, es war Luciana, die anrief. Tonino steckte das Gerät in seine Hosentasche zurück, ein wenig Autonomie." Wunderbar, toll, das gehört in die Liga eines Satzes wie "Sie war eine von denen, die wegen eines klingelnden Telefons nun wirklich nichts weglegten" von J. D. Salinger.

Ich finde Zora del Buonos Schreiben gescheit, unterhaltend, lehrreich und witzig. "Beim Schrankenhäuschen grüsste sie Sabrina, über die sie entschieden zu viel wusste, dass sie sich das blondierte Schamhaar in doppelter Streifenform rasierte zum Beispiel ...". Mit "Gotthard" ist ihr ein differenzierter, anregender und höchst spannender (gekonnt streut sie Hinweise auf ein bevorstehendes Drama ...) Text gelungen.

Gotthard
Gotthard
Novelle
144 Seiten, gebunden
C.H.Beck 2015
EAN 978-3406681844

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