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Dirk von Petersdorff: Wir Kinder der Leichtigkeit Ein deutscher Literat erzählt von früher

24. April 2026
von Thorsten Paprotny

„Früher war alles besser." Mit einem resignativ kolorierten Unbehagen äußern Vertreter jeder Generation, jeweils zu einer bestimmten Lebensphase, sich verdrießlich über Zeitumstände und denken mitunter nostalgisch an die sogenannte „gute alte Zeit" zurück, die bei näherem Hinsehen auch nicht so gut war, wie die wehmütigen Rückblicke nahelegen. Dirk von Petersdorff, Schriftsteller, Lyriker und Germanist, schaut auf die späten Siebzigerjahre und die nachfolgenden Jahrzehnte zurück und bedenkt gleichzeitig die Gegenwart. Das heute manchen Zeitgenossen ein wenig abhandengekommene Lebensgefühl der Leichtigkeit, das er in seiner autobiographisch getönten Betrachtung vorstellt, bringt aber wahrscheinlich nicht jeder Leser mit den Jahrzehnten, die hier dargestellt werden, in Verbindung.

In den ausgehenden Siebzigerjahren sind Fahndungsfotos von RAF-Terroristen präsent. In jedem Postamt – damals gab es noch Postämter – hingen kleine Plakate der Polizei. Wer Briefmarken kaufte, der sah düstere Gesichter. Darauf folgten in den Achtzigerjahren die Märsche der Friedensbewegung, und viele ihrer Anhänger sympathisierten mit dem Sowjetkommunismus, freilich in vollständiger, bürgerlich saturierter Ahnungslosigkeit. Die Mauer stand zwar keine hundert Jahre mehr, aber doch so fest, dass selbst zum Ende des Jahrzehnts noch jeder belächelt oder sogar ausgelacht wurde, der den Gedanken an die Wiedervereinigung noch nicht aufgegeben hatte. Petersdorff erinnert sich daran, dass von der „bedrohten Natur" schon die Rede war, etwa in der Schule oder auch in einschlägigen Magazinen und Illustrierten. Der Weltuntergang fand nicht statt, heute ist der Tonfall apokalyptischer und noch moralischer geworden, wenn über die Erderwärmung und den Klimawandel beständig etwas in den Medien berichtet wird.

Fand seinerzeit ein entspannterer Umgang mit den Themen, die heute breit diskutiert werden, statt? Petersdorff erwähnt Philosophen und Dichter, benennt den Verlust der „großen Erzählungen", und ja, der Glaube an den Fortschritt oder gar die Entwicklung des Menschengeschlechts hat an Überzeugung eingebüßt. Der französische Philosoph Jean-François Lyotard hatte auf mehr Sensibilität für die Unterschiede gehofft, für das, was viele heute Vielfalt oder Diversität nennen, aber eher wie ein politisches Programm von Moralaposteln statt als eine beschwingte Normalität der Zeit wirkt, mit vielen Lehrern und Bescheidwissern, die genau auf die Einhaltung der neuen Sprachregeln achten. Doch diskriminiert wirklich jemand andere Menschen, wenn er mehr auf die Grammatik achtet als auf die gendergerechte Sprache? Lyotard sah im ausgehenden 20. Jahrhundert statt leitender Überzeugungen mit Konformitätsdruck eine Welt ohne „angsteinflößende Autoritäten": „Wenn es keine einzig richtige Beschreibung der Zeitumstände und keine daraus hervorgehende wahre Lebensform mehr gibt, gerät die Gesellschaft zu einem Miteinander von Minderheiten. … Das Abweichende ist nicht sofort das Falsche, sondern das Neue und Interessante, auf das man zugehen kann." Diesen Optimismus teilt Petersdorff nur sehr bedingt. Möglicherweise ist heute, so mag mancher Leser denken, die Lehre von der Diversität zur einzig wahren Leitlinie geworden, der aber mehrheitlich auch nicht mehr Glauben geschenkt wird als allen anderen Weltanschauungen vor ihr.

Dirk von Petersdorffs Erinnerungen an den Schulunterricht in den 1980er Jahren zeigen, wie kümmerlich und realitätsfremd die deutsche Bildung war: „In der Schule kam die Sowjetunion auch vor, wir lernten einiges über die kommunistische Landwirtschaft und über den Unterschied zwischen Sowchosen und Kolchosen, das waren landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften." Angehörige von Petersdorffs Generation wissen genau, wovon er spricht – wochenlang wurden politische Systeme vorgestellt. Noch während die DDR unterging, konnten westdeutsche Schüler bei Klausuren durchfallen, weil sie nicht ganz genau darüber Bescheid wussten, wie Sowchosen und Kolchosen zu unterscheiden waren. Wer die Französische Revolution zudem als Massaker bezeichnete, erhielt einen grimmigen Ordnungsruf vom Geschichtslehrer und verfehlte, im wahrsten Sinne des Wortes, das Klassenziel, also das richtige, einzig wahre politische Bewusstsein. In der Schule lernten Schüler vor allem, dass man vieles nicht ernst nehmen konnte, anders gesagt: eine gewisse Leichtigkeit oder ein heiteres Darüberstehen war zwar kein Bildungsziel, aber eine unbestreitbare Lebenswirklichkeit.

Der Student, der Dirk von Petersdorff dann wurde, hegte Sympathien für die „Behauptungen und Metaphern der Dekonstruktion". Sein „Verständnis für das Randständige" nahm zu. Tatsächlich waren französische Theorien, etwa von Michel Foucault, wirkmächtig, aber deswegen auch nicht unbedingt wirklichkeitsorientiert: „Wir lernten, dass Texte kein Zentrum besitzen, dass wir das Normale in Zweifel ziehen sollen, indem wir danach fragen, wie es zum Normalen gemacht wurde." Alles durfte bezweifelt werden, aber nicht die absolute Gültigkeit dieser Theorien. Der Autor kommt auch auf den Wahrheitsbegriff zu sprechen und referiert gängige Lehrmeinungen, dass nur Beschreibungen möglich seien, nicht aber die Erkenntnis von Wahrheit: „Es gibt keine Wahrheit irgendwo da draußen, und wenn es sie geben sollte, ist sie für uns nicht greifbar und fixierbar." An Theorien mangelte es nicht, aber das gebrochene Bein blieb immer noch gebrochen – damit also die Wahrheit des Knochens, der operiert werden musste –, auch wenn kein Konstruktivist daran glauben wollte. Über alles konnte philosophiert werden, ohne jeden erkennbaren Erkenntniszuwachs, und niemand, der die Wahrheit noch so virtuos und wortmächtig zu bestreiten wusste, kam im Letzten an ihr vorbei. Für Petersdorff bietet Umberto Eco einen Ausweg für Skeptiker an, denn jeder, der die „wahre Ordnung der Dinge" nicht kenne, brauche doch im Leben „Ordnungsmuster" – und Gedanken wie diese klingen so alltagstauglich wie bieder.

Referiert werden sodann Ereignisse des 21. Jahrhunderts, vom islamistischen Angriff auf das World Trade Center bis hin zur Corona-Pandemie, doch die Surrealität etwa der „obligatorischen Gesichtsmaske" wird nicht wahrgenommen, ebenso werden Ambivalenzen der Maßnahmen nur sehr behutsam angedeutet und nicht diskutiert: „Weil Menschen in Alten- und Pflegeheimen besonders gefährdet waren, wurden diese ganz für Besucher geschlossen. Das war sinnvoll begründet, führte aber dazu, dass viele Menschen vereinsamten oder in Verwirrung versanken, weil sie nicht verstehen konnten, was geschah, und viele starben, ohne dass ihre Angehörigen am Ende bei ihnen sein konnten. Wie andere Maßnahmen war auch diese gleichzeitig richtig und falsch." Petersdorff bietet also ein Spektrum an Denkmöglichkeiten an, benennt aber nicht, dass hier einfach auch Ängste geschürt wurden, ob in bester Absicht oder nicht, man denke nur an den Mindestabstand bei zufälligen Begegnungen unter freiem Himmel. Petersdorff schreibt weiter: „Schließlich brachten die Impfungen uns Schritt für Schritt ins richtige Leben zurück, doch die mentalen Schäden dieser Zeit mussten erst ausheilen, bis man andere nicht mehr so ansah, als seien sie vor allem ansteckend, bis das innere Ordnungsamt wieder früher Feierabend machte und die Heiterkeit sich etwas erholt hatte."

Dirk von Petersdorff erzählt seine Geschichte der letzten Jahrzehnte, versehen mit Exkursen in die Zeitumstände, ein leicht zu lesendes Buch, mit essayistischen Passagen und einer Handvoll Lebensweisheiten. Die politischen und philosophischen Erkundungen, die er unternimmt, hätten eine kritische Reflexion verdient. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als flösse das Leben dessen, der sich erinnert, im Rückblick sanft bewegt noch einmal vor dem inneren Auge vorüber, nicht mehr und nicht weniger.

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Buchcover von Wir Kinder der Leichtigkeit
Dirk von Petersdorff
Wir Kinder der Leichtigkeit
Unsere Geschichte seit den Siebzigern
176 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-40684492-8
C.H.Beck 2026