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rezensionen.ch

Wiederkehr der Säkularisierung? Warum von Gott die Rede sein sollte

23. Mai 2026
von Thorsten Paprotny

Martin Walsers alles andere als besinnliche Betrachtungen über Rechtfertigung in der Welt von heute verdankt sich dieser instruktive Band über Dimensionen des christlichen Glaubens in der religionslos anmutenden europäischen Postmoderne. Der Schriftsteller hatte sich zum Mangel bekannt, dazu, dass Gott ihm fehle – und regte damit besonders die vielfach rezipierte Studie des Utrechter Pastoraltheologen Jan Loffeld Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt aus dem Jahr 2024 an. In dem von Jan-Heiner Tück herausgegebenen Buch wird über eine Revision der Säkularisierungsthese nachgedacht, mehr noch aber über die Frage nach Gott.

Die letzten Jahrzehnte waren reich an empirischer Sozialforschung, in der Religionswissenschaft, auch in den Theologien. Mit immer wieder neuen Erhebungen wurde ein Schwund der Kirchenmitgliedschaft und des Glaubens an den dreifaltigen Gott festgestellt, neben dem ohnehin rückläufigen Kirchgang. Wurde insbesondere Deutschland im Zuge der 1968er-Bewegung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche von einer Säkularisierungswelle erfasst? Löste sich der christliche Glaube, zuvor doch im Milieu Volkskirche verankert, zunehmend auf? Wer darüber nachsinnt, darf nicht vergessen, dass auch philosophische Wasser in den Wein der Theologie geflossen sind, so sind etwa irrlichternde Theorien des Konstruktivismus affirmativ rezipiert und mit fundamentaler Entschlossenheit vertreten worden. Auch solches trug nicht zur Unterscheidung, sondern zur Verwirrung der Geister bei.

Doch die Klage über die Theologielosigkeit der Theologie ist nicht neu, denn es war bereits der Kirchenlehrer Bonaventura im Mittelalter, der Klage darüber führte, dass die Theologie zu oft philosophisch verwässert würde. Über dieses säkulare Räsonnement hinaus steht aber, und die Autoren dieses Bandes weisen deutlich darauf hin, dass die Sehnsucht nach Spiritualität, nach Gott, besonders auch bei jungen Menschen, im Horizont der täglichen Erfahrung sichtbar und greifbar wird. Dass die Kirchen eher die eigene Säkularisierung bezeugen, wenn in der Verkündigung und in Bittgebeten die Angst vor dem menschengemachten Klimawandel die Sorge um das Heil der Seele verdrängt, lässt sich heute beobachten. Über den Hunger nach dem Brot des Lebens also berichten etliche Autoren, so auch Jan Loffeld, doch jede menschliche Erfahrung bestätigt, dass die Darbietung von Steinen niemanden sättigt.

Nun gilt es freilich zu bedenken, dass diese kenntnisreich wie engagiert geführte Debatte über den christlichen Glauben in der Welt von heute auch zu Zeiten der vermeintlich so robusten Volkskirche schon gegenwärtig war. Erinnert werden muss darum nur an die Versammlung der katholischen Bischöfe Deutschlands, die sich nach der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. darüber austauschten, wovon auf der Kirchenversammlung eigentlich die Rede sein sollte. Der greise Regensburger Erzbischof Michael Buchberger brachte vor etwas mehr als 65 Jahren seine Mitbrüder mit einer knappen Bemerkung zum Schweigen, als er sagte: „Von Gott." Daraus lässt sich ersehen, dass in der Kirche – und heute mutmaßlich noch öfter als seinerzeit – über alles Mögliche gesprochen wird, aber dass die Botschaft des Glaubens nahezu außen vor bleibt oder wie entstellt dargeboten wird, etwa in einem konstruktivistischen Wirrwarr der philosophisch kolorierten Beliebigkeit.

Hans Joas denkt über die vermeintlich unaufhaltsame Säkularisierung nach, erkennt aber „religiöse Revitalisierungen" und warnt somit vor einem absoluten Glauben an die eigenen wissenschaftlichen Theorien. Es gebe zahlreiche „Menschen in einer religiösen Suchbewegung", weitaus mehr als „entschiedene Atheisten". Jan-Heiner Tück verweist auf den „Erinnerungsraum der Kirche", der „Ressourcen" berge, möglicherweise – vor solchen Wendungen sollte sich kein religiös musikalischer Mensch scheuen – die Atmosphäre des Heiligen, die sich schwer in Worte fassen lässt, aber doch, etwa in katholischen Kirchen, durch den Tabernakel sichtbar wird. Tück indessen beschreibt auch eine „neue Form der Gleichgültigkeit gegenüber der Gottesfrage". Doch sind die indifferent erscheinenden Zeitgenossen wirklich rigoros gleichgültig? Schließen sie kategorisch aus, dass der Horizont, vor dem auch sie sich in dieser Welt bewegen, sehr viel weiter reichen könnte, als sie zu denken wagen?

Immer wieder regen die Beiträge in diesem Band zu Fragen an, die offen bleiben und vielfältige Antworten finden können. Eine „wartende Theologie", wie Ulrich H.-J. Körtner sie beschreibt, könnte vielleicht Resonanzen, bloße Antwortversuche dazu finden oder sich auch der Gemeinschaft der Sehnsüchtigen beigesellen, eine Theologie, die nicht als kategorische Schulmeisterin, sondern als Weggefährtin auftritt. Inspirierend sind die Bemerkungen von Christian Geyer: „Muss man sich denn für den Glauben interessieren? Ich glaube nicht. Ist ein erfülltes Leben möglich, in dem Gott keine Rolle spielt? Ich glaube ja. Warum glaube ich dann? Die Wahrheit ist: Genau weiß ich es auch nicht." Geyer berichtet von einem Verkehrsunfall in Frankfurt, den er bezeugte. Ein acht Jahre alter Junge kam zu Tode. Er schreibt: „Seit damals bin ich mir sicher, an die Auferstehung der Toten zu glauben. Warum? Ich weiß es nicht genau."

Dieser herausragende Band enthält noch sehr viele weitere bedenkenswerte, anregende, herausfordernde und manchmal auch im besten Sinne provokative Beiträge über den christlichen Glauben heute. Der gläubige Leser mag ahnen, dass die Frage nach Gott sehr viel präsenter ist, als manche Wissenschaftler und manche öffentlichen Bekundungen in den Medien glauben machen wollen, und dass viele religiös Indifferente nicht unbedingt religiös unmusikalisch sind. Der ungläubige Leser könnte nach der Lektüre hinsichtlich seines eigenen Unglaubens etwas stärker verunsichert sein als zuvor. Dieses unbedingt lesenswerte Buch zeigt auch deutlich die Gegenwärtigkeit des dringenden Wunsches von Erzbischof Buchberger – und zwar, dass ungeachtet aller Theorien und Phänomene der Zeit in Kirche und Theologie von Gott die Rede sein sollte.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Buchcover von Wiederkehr der Säkularisierung?
Jan-Heiner Tück (Hrsg.)
Wiederkehr der Säkularisierung?
Der Streit um die religiöse Indifferenz
192 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-45102551-8
Herder 2026