Benjamin Idriz: Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?

Neue Zugänge zum Koran

Muslimische Menschen sind unsere Nachbarn, Bekannte, Kollegen und Freunde. Seit Jahrzehnten gehört der Islam – auch in einem ganz nüchternen, alltäglichen Sinne – zu Europa. Die Debatten und Diskurse über diese Weltreligion, oft politisch verzerrt und polemisch zugespitzt, mitunter hasserfüllt, sind reich an Missverständnissen. Mancherorts besteht das Feindbild Islam. Benjamin Idriz, der Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg und Vorsitzende des "Münchner Forums für Islam", leistet mit seinem wichtigen Buch einen Beitrag zur Aufklärung, sachlich fundiert, einfühlsam und anschaulich.

Begegnen Sie gläubigen Muslimen im Alltag? Wahrscheinlich gibt es niemanden, der diese Frage verneinen würde. Mit dem Koran hat sich vermutlich indessen kaum jemand näher beschäftigt. Freilich gibt es auch viele Christen, für die auf gewisse Weise die Bibel ein Buch mit sieben Siegeln ist und bleibt. Religiöse Schriften werden oft aus der Ferne wahrgenommen. Idriz fragt: "Fühlen sich die Menschen durch den Koran angesprochen? Hat dieses eintausendvierhundert Jahre alte Buch den Menschen in der heutigen Zeit noch etwas zu sagen?" Wie gehen Leser heute auf den Koran zu? Wie nehmen Hörer dieses Buch wahr? Idriz spricht von der Melodie des Korans. Wenn dieser rezitiert werde, würden die "Herzen der Zuhörenden" berührt. Er möchte "Grundgedanken" des Korans entfalten, "ohne dass ich je behaupten würde, mein Verständnis sei das allein gültige und richtige. Idriz schreibt weiter: "Der Koran stellt für mich die primäre Quelle für mein Islamverständnis dar. Er hat eine Korrekturfunktion für die Überlieferungen und die Interpretationen, die nach seiner Offenbarung aufkamen. Diese verdienen nur dann Beachtung, wenn sie mit dem Koran und seinem universellen Geist übereinstimmen. Keine Instanz kann über dem Koran stehen, nicht einmal die Sunna, die dem Propheten Muhammad zugeschriebene Überlieferung, geschweige denn die Interpretation der Gelehrten." Der Autor macht deutlich, dass der Koran instrumentalisiert und missbraucht werden kann für sehr weltliche Zwecke, etwa als Legitimation für Feindseligkeiten.

Der Koran "verpflichtet mich, nicht in einem Getto, abgeschottet, realitätsfern, am Rande der Gesellschaft, sondern im Zentrum und aufgeschlossen zu wirken"

Der Koran sei jedoch ein "leuchtendes und beleuchtendes Buch", das den Horizont erweitere und nicht einschränke: "Gott hat jedem Menschen Verstand und Herz gegeben, um dieses Licht zu sehen, zu spüren und ihm zu folgen. Jeder kann von Seinem Licht profitieren, so weit wie sein Herz sich öffnet und das Licht hineinlässt." Damit beschreibt Idriz eine allgemein religiöse, mystische Erfahrung, die sicherlich nicht auf den Koran begrenzt ist. Der Gläubige findet beim Lesen der Schriften Inspiration und eine geistige Weite, auf gewisse Weise wird er dann durchlässig und öffnet sich. Das Verb "profitieren" indessen klingt säkular. Profitiert ein Mensch von der Religion? Der Mystiker etwa profitiert gar nicht von der Erfahrung, die ihm geschenkt wird. Er wird dieser teilhaftig. Wir verstehen Idriz gewiss richtig, wenn er hier eine inwendige Bereicherung beschreibt, diese Erfahrungsräume kennzeichnet. Wer sich öffnet, empfängt das Licht. Wer – christlich gedacht – Gott in sein Leben hineinlässt, tritt ein in eine kaum beschreibbare, inwendig erfahrene Freude. Idriz wünscht sich, dass die Muslime ihr Verständnis vom Islam "vom Koran her entwickeln", mit Blick auf die eigene Identität in der modernen Welt, um "in einer pluralen Welt erfolgreich und – als Musliminnen und Muslime – anerkannt zu sein". Der Koran "verpflichtet mich, nicht in einem Getto, abgeschottet, realitätsfern, am Rande der Gesellschaft, sondern im Zentrum und aufgeschlossen zu wirken": "Die Gemeinschaft (der Muslime) hält sich von Extremen fern: von Assimilation ebenso wie von Isolation, von einer Religiosität, der Vernunft, Offenheit und Modernität fehlen, ebenso wie von einer Modernität, der religiöse Identität und Spiritualität fehlen."

Wer den Koran liest, dürfe sich nicht "von Vorurteilen leiten lassen", auch nicht von Skepsis, von bloßer Emotion oder kalter Rationalität. Es komme auch bei muslimischen Koranlesern vor, "dass sie bei der Lesung ihren Verstand aus- und ihr Herz verschließen, Verse aus der Gesamtheit des Korans wie auch aus dem Kontext seiner Offenbarung herausreißen und sie für die eigene Position oder für ideologische und politische Interessen missbrauchen". Idriz hofft auf ein "Gleichgewicht des Herzens mit dem Verstand" beim Lesen und Verstehen. Es gelte, den Koran dynamisch zu begreifen – und somit auch in neuen Kontexten heute zu lesen –, als "Gespräch zwischen Gott und Mensch in allen Zeiten". Zudem formuliert er: "Wenn die Vernunft aber aufhört, über den Sinn eines Textes nachzudenken, verliert der Text selbst seinen Wert."

"Wir sind als Menschen einander anvertraut. Wir dürfen nicht hinnehmen oder tatenlos zusehen, dass Bezeichnungen wie »Jude«, »Christ« oder »Moslem« zu Schimpfwörtern oder zu Beleidigungen abgewertet werden."

Eminent wichtig ist der Frieden. Wer sich mit dem Islam identifiziere, der begrenze sich nicht auf eine "persönliche Hingabe an Gott", sondern trage auch Verantwortung für den Frieden in der Welt: "Die Existenz Gottes anzuerkennen ist nicht nur eine Einstellung der Innerlichkeit, sondern äußert sich auch in der Praxis im Frieden mit Gott, mit sich selbst und mit allen Menschen zu leben." Entschieden wendet sich Benjamin Idriz gegen alle Formen der Diskriminierung und Bevormundung. Er fordert die "Gleichstellung der Geschlechter" in den Gebetshäusern. Es gebe keinen Bereich im Alltag, "in dem ein so großer Verbesserungsbedarf besteht, wie im Umgang der Männer mit den Frauen". Ebenso plädiert er für Frieden unter den Religionen: "Wir sind als Menschen einander anvertraut. Wir dürfen nicht hinnehmen oder tatenlos zusehen, dass Bezeichnungen wie »Jude«, »Christ« oder »Moslem« zu Schimpfwörtern oder zu Beleidigungen abgewertet werden. Juden, Christen und Muslime sind aufgefordert, gemeinsam ihre Stimme gegen Judenhass, gegen Christenhass und gegen Islamhass, wo auch immer sie sich zeigen, zu erheben."

Benjamin Idriz hat ein reichhaltiges, wissenschaftlich fundiertes, gut lesbares und lesenswertes Buch über den Koran und damit auch über den Islam verfasst, dem viele einsichtige Leser zu wünschen sind – ganz gleich, ob sie einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht. Kluge Bücher wie diese stehen gegen alle törichten Vorurteile und bösartigen Feindbilder, an denen es auch heute nicht mangelt.

Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?
Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?
Grundgedanken für einen Islam heute und hier
256 Seiten, gebunden
EAN 978-3579074498

Bischof Bätzing über Kirche, Theologie und Welt

Wer sich über die Lage der katholischen Kirche in Deutschland informieren möchte, wird vielleicht dieses Buch lesen, sich aber im Anschluss fragen: Warum wird in diesem freudlosen Band nicht über Gott und die Freude am Glauben geredet?

Rom ist kein Gegner

Kafkas Schlaflosigkeit als Bedingung seiner literarischen Arbeit

"Kafka träumt" zeigt, wie wichtig Träume für das literarische Schaffen des Schriftstellers waren.

Kafka träumt

Wege zu Caspar David Friedrich

Rathgeb begibt sich in einer behutsamen Annäherung auf Spurensuche, um den Lesern zu einem besseren Verständnis des Künstlers zu verhelfen.

Maler Friedrich

Über Antisemitismus

Kantisch geprägt wünscht sich der Autor die Abkehr so "vieler Musliminnen und Muslime" von einer "weinerlichen Opferhaltung" und den Ausgang jener aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit".

Die Juden im Koran

Leibfreundlichkeit

Ein Zeugnis für die christliche Anthropologie und ein sanftmütiges Plädoyer für Leibfreundlichkeit.

Theologie des Leibes in einer Stunde

Sich vergessen

Das kleine Büchlein mit einer sommerlichen Lyrik-Sammlung versammelt die Elite der deutschen Lyrik.

Sommergedichte