Rebecca Green: Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet

Über Freundschaft und Sensibilität – Ein Kinderbuch für Jung und Alt

Zugegeben, der Titel von Rebecca Greens kleiner Erzählung ist schon ein wenig wunderlich: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, sich mit einem Gespenst zu befreunden? Wahrscheinlich nicht. An Gruselgeschichten aus der Kindheit, mehr noch an wirklich schauderhafte Begebenheiten, haben einige furchtsame Menschen auch in späteren Jahren noch Erinnerungen. In Zeiten wie diesen aber – in der Corona-Pandemie – ängstigen wir uns vor dem Unsichtbaren in Gestalt eines Virus. Soziale Distanz, so wird uns gesagt, sei die neue Form der Nähe. Vielleicht ist das die richtige Stunde für eine freundliche Gespenstergeschichte? Die Autorin und Illustratorin Rebecca Green, geboren 1986, schreibt für Kinder und für alle, die Freude an Kindergeschichten haben. Vielleicht kennen Sie das selbst vom Vorlesen und Erzählen: Wir lesen vor, schauen uns gemeinsam Bilder an und entdecken eine putzige, nachdenklich machende Geschichte.

Spuk und Horror sind in unseren Alltag eingezeichnet. Böse Geister treiben sich um, aber freundliche Gespenster sind nicht in Sicht. Vielleicht verstecken sie sich? Möglicherweise fürchten die kleinen, luftigen Wesen sich auch vor uns? Das Gespenst, von dem die Autorin erzählt, ist alles andere als unheimlich. Kinder ängstigen sich leicht, Erwachsene aber auch. Angst und Sorge bestimmen unseren Alltag. Dazu gehört auch die Furcht vor dem Fremden. Niemand würde bestreiten, dass schaurige Geschichten und eine noch traurigere Wirklichkeit medial sehr präsent sind. Es geht nicht märchenhaft zu in unserer Welt, die gute Nachrichten und auch schöne Geschichten so sehr nötig hat. Wir brauchen echte Freundschaften, mehr als wir denken. Der Philosoph Immanuel Kant bezeichnete den Menschen einmal als das Wesen "ungeselliger Geselligkeit". In Gesellschaft zu leben, das ist nicht oder nicht immer einfach. Diese Erfahrung machen wir 2020 auf ganz besondere Weise. Wir haben zwar Freigang, für die nötigen Besorgungen. Auch dürfen wir Spaziergänge unternehmen. Aber wie viele haben sich auf eine Reise zu Ostern, auf einen Ausflug mit Freunden oder zu den Großeltern gefreut? Nicht einmal unsere Freunde dürfen wir treffen. Mit wem könnten wir heute Freundschaft schließen? Rebecca Green beschreibt außerordentlich verborgene Wesen. Sie erzählt von Fantasiegeschöpfen, die scheu, liebevoll, zärtlich und sympathisch sind: "Glaub mir, Gespenster sind süße Wesen, die auch Freunde brauchen – und wer könnte sich besser mit ihnen befreunden als du?"

Humorvoll macht die Autorin uns mit einem kleinen ABC der Geisterkunde vertraut. Manches Gespenst ist gar keines, sondern nur ein verkleidetes Kind. Ein freundliches, luftiges Wesen ganz in Weiß lässt sich wissenschaftlich nicht aufspüren. Wer mit großem Eifer also einen guten, aber etwas scheuen Geist sucht, der wird nicht fündig werden: "Bist du aber lieb und freundlich und hast ein gutes Herz, dann kann es sein, dass ein Geist ganz von allein erscheint und dich findet." Was also brauchen wir wirklich? Ein gutes, fühlendes Herz, Freundlichkeit und Güte – und ein Gespür für das, was meist übersehen wird. Ein musischer Mensch etwa hört auf die Zwischentöne. Er mag auch Beethovens "Ode an die Freude" betörend oder ergreifend finden, aber vielleicht beginnt er bei "Spiegel im Spiegel" von Arvo Pärt zu lächeln, ganz leise und auch traurig. Rebecca Green erzählt ihre Geschichte behutsam. Sie sagt, es gebe ein Phantombild für das Gespenst. Es habe "rosa Bäckchen", sei etwa 50 Zentimeter groß – also nicht bedrohlich. Es habe einen durchsichtigen, leicht schimmernden Körper. Wer einem Gespenst begegne, solle nicht fortlaufen: "Gespenster sind sehr sensible Wesen." Sie möchten niemandem Angst machen, sie suchen Freundschaft, Güte und Verständnis. Ein freundlicher Mensch lächle, einladend, wohlwollend, manchmal auch schüchtern: "Wenn das Gespenst merkt, dass du ihm freundlich gesinnt bist, wird es dir höchstwahrscheinlich folgen." Freundlichkeit lädt ein. Aber Vorsicht, niemand solle ein Gespenst berühren oder kitzeln. Ja, nett zueinander zu sein, das ist wichtig, auch unter Menschen, aber das heißt eben auch, nicht aufdringlich zu werden.

Was Gespenster lieben, das weiß die Autorin. Manchmal möchte der gute Geist sich gruseln, manchmal Witze hören: "Geister kichern gerne!" Ein Gespenst ist also offenbar immer für einen freundlichen Spaß zu haben. Im Gegensatz zu Menschen lieben Geister auch Albträume. Sollte der scheue Gast im Haushalt leben, seien Verstecke nötig. Manche Menschen könnten sich vor Gespenstern doch fürchten. Ganz leicht verschwindet ein kleiner Geist in einer Papiertücherbox, beispielsweise. Wer arbeiten müsse, solle sein Gespenst nicht vernachlässigen. Es brauche Aufmerksamkeit. Auch wer eine Familie gründet, wird sehen, dass der freundliche Hausgeist Kinder liebt. Das nette Gespenst bleibt ein treuer Begleiter. Vielleicht könnten wir es sogar als einen Engel ansehen? Rebecca Green ist weder Theologin noch Philosophin. Sie liebt es, zu erzählen, und sie erzählt märchenhaft.

Diese kleine, hübsch illustrierte Gespenstergeschichte macht niemandem Angst. Die Autorin kennt den Ernst des Lebens und weiß, wie wichtig, wie unersetzlich Freundschaft ist. Sie macht auch Mut. Wir müssen uns voreinander nicht fürchten. Dies ist eine gute Geschichte, mit viel Fantasie gestaltet, hübsch illustriert. "Auch Gespenster brauchen Freunde", sagt die Autorin. Ja, so wie wir alle – und das nicht nur in ernsten Zeiten wie diesen.

Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet
Anna Cramer-Klett (Übersetzung)
Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet
40 Seiten, gebunden
Diogenes 2019
EAN 978-3257012507

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