Wie die Nocht noch jung wor

Ein bestechend verschwörerisches und verzauberndes Werk

12 Streiche haben uns der Wiener Lied Interpret und seine Ansa Panier dieses Mal aus den unterirdischen oder zugeschüttteten Rinnsalen der Donau im Wiener Prater mitgebracht. Denn der Prater ist zweifellos die eigentliche seelische Heimat des aus Tulln stammenden Wahlwieners Voodoo Jürgens: seine Schaubuden, seine Hochschaubahnen, seine Zirkuszelte, seine Geisterbahnen und auch die Gruselkabinette werden von ihm besungen.

Liebe, Tod und Clowns im Zirkus

Voodoo Jürgens macht mit seiner Band Die Ansa Panier Musik für die Ausgegrenzten, Ausgesteuerten, Arbeitslosen, Zockerinnen und Strizzis, kurz für die Verlierer unserer Gesellschaft. Quasi als Anti-These zum großgoscherten Falco, Gott hab ihn selig, zeigt Voodoo Jürgens mit einem dicken, geschwollenen Zeigefinger auf die Abgründe unserer Gesellschaft, aber auch der Existenz an und für sich. Mal schlüpft er in die Rolle einer Prostituierten ("Stöckelschuach", Track 10), ein andermal lädt er mit "diese male pumpaness" in die Manege ein, sein Zirkuszelt der Attraktionen, wo er seine wilden Tiere und Clowns, Artisten und Feuerschlucker über den Sandboden jagt ("Hoiber Preis", Track 3). Aber auch die aktuelle Wiener Wohnungsmisere wird - trotz des sozialen Wohnbaus - in "Lassalle Strossn", Track 6, thematisiert. In Track 7, "Zuckerbäcker", erzählt der gelernte Konditor auch ein Stück seiner eigenen Biografie. Von einem faulen Bäckergesellen, der bis zum Meistertitel immer das tut, was von ihm erwartet wird, aber eigentlich lieber gesungen hätte und stattdessen nun, 20 Jahre später, mit den Lehrbuben schreit, ist hier die Rede. "Wo ma hinkumman tät waun des jeder tuan tät, wo ma hinkumman war waunn des jeder tun dat" lautet der gefällige Refrain, der gleichzeitig sagt: hätte ich mich doch anders entschieden. Midlife crisis par excellence. Gott und den Zuckerbäckern sei's gedankt, dass der junge Öllerer sich damals für's Singen entschieden hat, ganz ohne Reue für die Zuckertorten ("3 Johr am Oarsch da Wöd fohrn, am obend daunn wieda ham"). Dem Ressentiment und dem Remorse wird auch in "Beses End", Track 8, gehuldigt: "waunnst ned boid was machst/nimmts a beses end", einem Text der so gut getroffen ist, dass er direkt aus dem Leben gegriffen scheint.  Aber sicherlich nicht aus dem eigenen. In ein ähnliches Kerbholz der Puffn schlägt auch die Ästhetik des Videos zu "Federkleid", Track 4, wo mit Bildern nach Caravaggio die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe gezeigt wird: "des Obst wird imma siaßa/ bis es owefallt vom Staumm". Gänsehaut inklusive. Ein Lied so traurig und schön, bittersüß und melancholisch, dass man danach glatt ein paar Punschkrapfen vertilgen möchte.

Manege frei für das neue Wiener Lied

Neben der Stimme von David Öllerer (Voodoo Jürgens) spielt aber auch die Instrumentation dieser Schallplatte eine tragende Rolle, um die Traumkulisse eines gelungenen Zirkusabends auferstehen zu lassen. Da kommt auf "Twist" und "Odessa" (der einzige Instrumentaltrack) ein Saxophon zum Einsatz, Voodoo spielt Harmonium und Orgel und auch Trompete, Tuba, Klavier, Violine und Bass, Synth sowie Zeigl kommen von den anderen Bandmitgliedern gespielt zur Geltung. "Äzoh ma dei Lebensgschicht, i werd da zuhearn" meint die Prostituierte in "Stöckelschuach" so zärtlich und herzzerreißend und reißt damit ein Thema auf, dass sich im Grunde genommen wie ein roter Faden durch die ganze Platte zieht: Versöhnung. Der Schlußtrack mit dem Titel "Loss mas bleibn" kann insofern geradezu als programmatisch interpretiert werden: "samma weida guad und loss mas bleibn". Da spricht die Wiener Seel', die weiß dass alles irdische Streben ohnehin sinnlos ist und insgeheim weiß es ja auch der Rest der Welt und vor allem der liebe Gott. "Geh los mi ned steh do gaunz allanich im Regen", singt der Verlassene in dem Liebes- und Abschiedslied, dem letzten Track auf "Wie die Nocht noch jung wor", der dritten LP von Voodoo Jürgens & Die Ansa Panier. Die Melodie dieses Refrains ist so eingängig wie jener einst besungene "Ohrwaschlkräuler" und beinahe kann man all die Zirkusfiguren, die Voodoo in seiner Manege auferstehen ließ, auf dem Sandboden zum Chor vereint, singen hören: die Strizzis und Schmarotzer:innen, Zocker:innen und Verlierer:innen, die Nutten und Zuhälter, die Schnapstrankler und Branntweiner, die Clowns mit und die ohne Schminke und nicht zuletzt ganz im Mittelpunkt mit hoher Falsettstimme: die Artisten.

Voodoo Jürgens & Die Ansa Panier legen mit "Wie die Nocht noch jung wor" ein bestechend verschwörerisches und verzauberndes Werk vor, das an die Nachtclubs und Kaschemmen der Zwanziger Jahre erinnert, das Jahrzehnt in dem alles möglich war und dennoch alles unterging. Das ist kein Austro-Pop und das ist auch keine "Zigeunermusik", sondern die konsequente Weiterführung des Wiener Lieds in das 21. Jahrhundert. Welche Zwanziger nu'? Die des 21. oder die des 20. Jahrhunderts?

Voodoo Jürgens & Die Ansa Panier Tournee Termine in der Schweiz:
01/02/23 Bern ISC Switzerland
02/02/23 Basel Kaserne Switzerland
03/02/23 Zürich Rote Fabrik, Switzerland
04/02/23 St.Gallen Palace Switzerland
Wie die Nocht noch jung wor
Wie die Nocht noch jung wor
Voodoo Jürgens & Die Ansa Panier
12 Tracks, Hidden Track, Booklet
EAN 978-6587554211

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