Wer bist du? Wunderschön abgründig
Die Erzählerin Monika Helfer und Illustratorin Kat Menschik haben zusammen ein weiteres Buch gemacht. Natürlich stechen einem zuerst die schillernden Farben ins Auge. Es handelt sich nicht um einen klassischen Vierfarbdruck, wie Menschik erzählt, sondern um eine fünfte Farbe, das leuchtende Neongelb, das den Text dominiert.
Lügen haben kurze Beine, aber schöne Münder
Ebenso grell und schillernd und von knallgelbem Sonnenlicht durchflutet ist auch die Geschichte selbst, in der es um ein neunjähriges Mädchen geht. Dieses steht eines Tages einfach vor der Haustüre der Erzählerin und hält ihr einen 1000-Schilling-Schein entgegen. Ob dieser ihr gehört, fragt sie unschuldig und verwickelt die Hausbesitzerin schnell in ein Gespräch bei einer heißen Schokolade. Doch dann verschwindet das Mädchen vom Erdboden. 10 Jahre später steht eine junge Frau vor derselben Türe und behauptet, das Mädchen von damals zu sein. Die Besuchte ist ebenso misstrauisch wie damals, denn die Geschichte, die die junge Frau ihr erzählt, ist wenig glaubwürdig. Da sie aber schon lange alleinstehend lebt, zieht die junge Frau alsbald bei ihr ein und hilft ihr im Alltag. Aber sie hat irgendwie Angst vor ihr und weiß nicht warum. Liegt es an den Lügen? Aber es sind doch nur kleine Notlügen, gelogen wird doch meistens nur im Kleinen. Die Lebenslüge kommt doch nur in Romanen oder Predigten vor, resümiert sie. „Bei jeder kleinen Lüge kann der Lügner sagen: Na und?“ Und dann steht man da als kleinlich. Man ist gegenüber einem Lügner immer in der Defensive. „Du verlierst immer.“
Doch dann beginnt das Haus nach ihr zu riechen. Das Wohnzimmer. „Kein Duft von mir war mehr übrig. Ich kochte Kaiserschmarren gegen ihren Geruch. Nur einen Tag hielt der Kaiserschmarren, dann gab er auf." Da beschließt die Hausbewohnerin, dass sie selbst zu einer Lüge greifen muss, um die Lügnerin loszuwerden. Aber ob das gelingen wird? Oder wird die Lügnerin sie durchschauen? Ihre faule Ausrede für sich nutzen? Kat Menschik hat die beunruhigende und doch sehr verständliche Geschichte in irisierende Bilder getaucht. Hände und Gesichter verschmelzen zu entwirrendem Wollknäuel, der Strich ist klar, doch die Bewegung zwischen den Linien wird auf jeder illustrierten Seite sichtbar. „Ich war allein, das wohl, aber einsam war ich nicht“, sagt die Hausbewohnerin, und wenn sie wer besuchte, dachte sie immer: Der stiehlt mir meine Zeit, der nimmt mir meine Zeit weg. Die Zeit, die sie zum Beobachten braucht. Wer sich als Erster rührt, hat verloren? Welche der beiden Frauen wird den lauernden Tanz für sich entscheiden? Und wird die Erzählerin in die Geschichte der beiden Frauen eingreifen, oder kann sie sie nur beobachten?
Alle Rezensionen von Juergen Weber