Kultur

Landesausstellung

Das Stuttgarter Linden-Museum feiert mit der Ausstellung "Weltsichten - Blick über den Tellerand" seinen 100. Geburtstag. Tatsächlich werden die Blicke in der großen Landesschau weiter als nur über den Tellerrand geführt. Ein eindrucksvolles Ausstellungskonzept führt dem Besucher im Kunstgebäude neue Sichtweisen auf die kulturelle Vielfalt der Welt vor Augen.

In der Tat könnte eine ethnologische Ausstellung ambitionierter nicht sein. Versucht sie doch den Spagat zwischen dem klassischen Anspruch eines Museums "Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln" und einem zeitgemäßen Konzept. Das Museum will nicht mehr als ein Tempel des Wissens verstanden werden, sondern Denkanstöße vermitteln. Hier werden keine absoluten Antworten geliefert, sondern "Wissen" kritisch hinterfragt. Partizipation lautet daher das große Wort. Alle Seiten, die Ausstellungskoordinatoren wie die Besucher, sind dazu aufgefordert, reflektiert und verantwortungsbewusst mit dem Präsentierten umzugehen.

Wie richtungsweisend dieses Konzept ist, verdeutlicht die Geschichte des Linden-Museums. Im Jahre 1882 gründet eine Gruppe von Wirtschaftsvertretern den "Württembergischen Verein für Handelsgeographie und Förderung Deutscher Interessen im Ausland e.V.". Hintergrund ist schlicht der Bedarf nach Informationen, wie neue Absatzmärkte im Ausland erschlossen werden können. Als 1889 Karl Graf von Linden den Vorsitz übernimmt, verschieben sich die Interessen des Vereins. Von Linden ist leidenschaftlicher, wenn auch autodidaktischer Völkerkundler. Ihm schwebt vor, ein Länder- und Völkerkundemuseum zu gründen. Diese Idee scheint seiner Zeit weit voraus zu sein. Denn während für den Großteil seiner Zeitgenossen die außereuropäische Welt lediglich als Expansionsphantasie interessant ist, erkennt von Linden die Notwendigkeit, dass die bedrohte kulturelle Vielfalt bewahrt werden muss und Vorurteilen entgegenzuwirken ist. Ein Jahr nach seinem Tod, nämlich 1911, wird das Museum eingeweiht und trägt von nun an seinen Namen in Ehren. Seither ist das Museum auf 160.000 Objekte angewachsen, etliche Vortragsreihen wurden abgehalten und von berühmten Forschern wie Sven Hodin oder Roald Amundsen beehrt.

Bei all dieser Größe leuchtet es ein, dass das Linden-Museum mit seiner ersten Landesschau in den weitläufigeren Räumen des Kunstgebäudes gastiert. In den 100 Jahren seines Bestehens hat das Haus keine Ausstellung von solchem Ausmaß erlebt. Es verwundert daher nicht, dass sich die Ausstellungsmacher unter der Ägide der Kuratorin Inés de Castro am Schlossplatz so richtig ausgetobt und eine neue Form der musealen Präsentation gewagt haben. Progressiv an diesem Konzept ist, dass man Kulturkreise zusammenführt anstatt sie, wie sonst üblich, zu trennen. Die sieben im Linden-Museum vertretenen Weltregionen - Nord- und Südamerika, Ozeanien, Süd- und Ostasien, Orient und Afrika - sind im Kunstgebäude zum ersten Mal geeint vorgestellt. Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten werden dadurch eklatanter. Universelle Fragen zum Gemeinschaftsleben sind in fünf große Themenblöcken unterteilt, die zum Vergleichen auffordern: Ästhetik und Kunst, Raum im Sinne von Ordnung und Verortung der Welt, Zeitvorstellung und der damit häufig verbundene Jenseitsglaube, Familie und Ahnenverehrung, schließlich Machtanspruch, -legitimation und -symbolik.

Die Führung durch die Ausstellung vermittelt den Eindruck an einer Initiation teilzuhaben. Schon der Zugang zur Ausstellung gestaltet sich wie eine Einladung zu einer Reise ins Unbekannte. Von einer kolossalen Tribüne blicken anthropomorphe Großplastiken und Masken auf den Besucher hinunter und hinterfragen die "europäische Definitionshoheit in Sachen Kunst - und Ästhetik". Diese geht von einer Idealvorstellung größtmöglicher Annäherung an die Natur, bis hin zur Auffassung "l’art pour l’art" - die Kunst existiert um der Kunst willen. Es gibt jedoch auch einen mystisch-religiös motivierten Zugang zur Kunst. Erst im rituellen Kontext erfüllt so manches Kunstwerk seine eigentliche Funktion und verankert sich als Sinnbild im kulturellen Gedächtnis. Ihre immanente Bedeutung erschließt sich dem Betrachter also nur durch die Kenntnis spezifischer Eigenheiten des jeweiligen Kulturkreises.

Nach dem Durchschreiten der Tribüne passieren die Besucher den verglasten Verbindungsbau um schließlich ins Herzstück zu gelangen. Hier erschließt sich die gesamte Raffinesse der Konzeption. Vom Zentrum des weiten Raumes aus bieten sich Einblicke in die einzelnen Fragestellungen der Schau. Und während man auf einer der großzügigen Sitzgelegenheiten schon einmal übt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, stillen integrierte Medienstationen im Sitzmöbel zusätzlich die Wissbegierde.

Mit dem Rundgang durch die Ausstellung beginnt man am besten links vom Eingang. Eröffnet wird mit dem Titel "Auszeichnung und Ansehen: keine Macht herrscht alleine". Rang- und Statusunterschiede sind universelle Phänomene. Selbst in so genannten egalitären Gesellschaften sind soziale Differenzen spürbar. Der Unterschied liegt darin, wie und nach welchen Vorstellungen Macht legitimiert und manifestiert wird. Dieses Ausstellungsmodul fokussiert Lateinamerika, wo Schmuck und Kleidung Zeichen für Autorität sowie Manifestation des Herrschaftsanspruchs war. Glanzstück der Präsentation ist ein Gewand eines Mitglieds der politisch-religiösen Elite der Nasca-Kultur, gewebt vor ca. 2000 Jahren. Die Symbole auf dem Tuch stellen Fruchtbarkeit spendende Gottheiten dar. Wasser war und ist in den Anden kostbar und nur über die Berge zu beziehen. Daher erhielten diese Darstellungen nicht nur im religiösen Kontext einen hohen Stellenwert, sondern legitimierten auch die Macht derjenigen Person, die Regen- und Fruchtbarkeitsrituale ausführte.

Auch die Installation mit der Überschrift "Schutz und Behauptung: was Männer im Schilde führen" widmet sich der Demonstration von Macht. Spiritueller Schutz, Schutz gegen Angriffswaffen, Abschreckung und Verwirrung der Feinde, Statussymbol, so vielfältig stellt sich die Funktion der ausgestellten Schilde dar. Im Krieg und im Frieden drücken sie die Stärke ihres Trägers aus.

Unter dem Oberbegriff "Raum" soll in dem Abschnitt "Kultivieren und Achten: Macht euch die Erde untertan"? der Frage nach der Aneignung von Land und die Nutzung von natürlichen Ressourcen nachgegangen werden. Während in Japan der Reisanbau dem Schutz einer Feldgottheit überantwortet wird, erklärt sich die enge Umweltverbundenheit der Aborigines durch ihren Schöpfungsglauben. Schöpferwesen einer vergangenen Traumzeit haben das Land in seiner realen Gestalt geschaffen und sie von Generation zu Generation den Aborigines in Verantwortung übergeben. Aus diesem Verständnis heraus werden die Konflikte bei der Landvergabe in Australien nachvollziehbar. Oftmals vermitteln die Muster der Kunstwerke der Aborigines ein geheimes Wissen über die Landnutzung und dienen damit dem Initiierten als Orientierung.

Der Sektor "Weite und Wege: von A nach B" widmet sich der Mobilität. Neben diversen Fortbewegungsmitteln werden auch Orientierungshilfen präsentiert, wie etwa die auf den Marschall-Inseln angewendeten Stabkarten. Aber der Mensch unternahm von je her lange Reisen nicht nur um seine Existenz zu sichern und Handel zu treiben, sondern auch um Informationen auszutauschen. Hierzu wendeten beispielsweise die Inka, in Ermangelung einer Schrift, ein ausgeklügeltes Knotensystem an.

Wie unterschiedlich die Begriffe "Innen", "Außen" oder "Privat" in den verschiedenen Kulturkreisen definiert werden, zeigt der Abschnitt "Abgrenzen und Einladen". In Mittelasien wirken Häuser auf ihrer der Straße zugewandten Seite abweisend und anonym. Im Inneren dagegen findet ein ausgeprägtes nachbarschaftliches Gemeinschaftsleben statt. An der Schnittstelle zwischen der Darstellung von Nomadentum und sesshaftem Leben präsentiert sich eines der Attraktionen der Ausstellung: eine im Durchmesser sechs Meter zählende kasachische Jurte. Sie ist Ausdruck mobilen Lebens- und zugleich sozialer Raum. Das Dachkreuz des Filzhauses wird stets an den jüngsten Sohn vererbt und verweist somit auf die Familienzugehörigkeit und Tradition.

Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse werden unter dem Titel "Geschlechter und Beziehungen: allerhand Verbindungen" beleuchtet. Die Definition von verwandtschaftlicher Beziehung ist kulturell geprägt und meint nicht immer zwingend eine biologische Einordnung. Heirat aber auch Tod wirken sich auf das soziale Gefüge aus. Das Linden-Museum fokussiert zu diesem Thema die Besonderheiten einer indischen Hochzeit. Wie divergierend die Bewertung des Begriffes Sexualität aufgefasst wird, zeigen Beispiele aus Indien und Japan.

Entstehen und Vergehen sind im Wesentlichen die einzigen Aspekte, die sich universell auf den Begriff "Zeit" anwenden lassen. Ansonsten wird "Zeit" nicht nur kulturell sondern auch individuell verschieden wahrgenommen. Die Abteilung "Kreislauf und Unendlichkeit: Die Zeit läuft..." beleuchtet dieses abstrakte Phänomen. Wer wissen will, ob seine Geburt unter einem guten Stern steht oder der Termin für einen Umzug besser verlegt werden soll, kann den interaktiven Maya-Kalender konsultieren. Genaue Zeitberechnung ist für die exakte Ausführung von Gebeten im Islam unabdingbar. Die islamische Zeitrechnung verdeutlicht dagegen sehr eindrücklich, wie variabel dieser Begriff ist. Eins nur ist gewiss, die eigene Lebenszeit verrinnt und endet mit unserem Tod. Oder? In einigen Kulturen endet diese "Zeit" nicht mit dem Tod sondern wird als ein Übergang in eine andere Daseinsform angesehen.

Dieser Standpunkt führt zur nächsten Station "Erinnerung und Wiederkehr: was bedeutet Tod?" Eine Vorstellung vom weiterführenden Leben im Jenseits oder als einem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt ist vielen Kulturen eigen. In Mexiko "leben" die Verstorbenen im Kreise der Hinterbliebenen. Am Tag der Toten, dem dia de los muertos, kehren sie gar wieder um gemeinsam mit den Lebenden zu feiern. Aufwendige Gabenaltäre, die ofrendas, bieten dem Gast aus dem Jenseits reichhaltig Speis und Trank an. Es gibt jedoch Kulturkreise, wo das Vergessen zum festen Bestandteil der Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten ist.

Der ganze Stolz der ethnologischen Sammlung sind die kunstvollen malanggan. Sie stammen aus Neuirland, einer zu Papua-Neuguinea gehörenden Inselgruppe. Ausgestellt sind sie in der letzten Abteilung "Vergessen und Erinnern: Oma, Opa und ich". Diese Meisterwerke aus Lindenholz verkörpern einen hoch komplexen Totenritus, der neben religiösen auch soziale Bedeutungen beinhaltet. In den Bildwerken wird die Lebensleistung des Verstorbenen visualisiert. Gemeint sind damit weniger individuelle Züge, sondern die Stellung des Verstorbenen innerhalb der Gesellschaft. Die malanggan-Feiern haben neben dem Erinnern auch das Vergessen des Toten zum Ziel. Übersetzt heißt malanggan so viel wie "den Toten beenden". Nach nur wenige Tage dauernder Ausstellung der malanggan, überlässt man die Objekte dem Verfall, die Trauerzeit wird für beendet erklärt. Die Kraft des Toten bleibt jedoch in und Teil der Gemeinschaft.

Für die Kuratorin Inés de Castro ist es von großer Wichtigkeit, schon die Jüngsten für die Flexibilität der Kulturen zu sensibilisieren. Daher taucht hier und dort mal der Museumskobold "Karle" auf. Zusammen mit einem Entdeckerbuch machen sich Kinder mit dem guten Geist auf eine Weltreise und rätseln, malen und tasten sich durch die Ausstellung.

Das Begleitprogramm sieht vor, sich an drei Wochenenden den Themen Familienbande, "Toten-Tage" in Mexiko und "Die Welt vor Ort" (mit anschließendem Jurten-Fest) zu widmen. Kuratorenführungen vertiefen den Zugang in die Ausstellung. An drei Abenden sind zusätzlich Special Guests eingeladen und landestypische Snacks erweitern die Eindrücke um eine weitere Sinneswahrnehmung. Originell ist die Idee für das Mitmachprojekt "Ein Ding aus meiner Welt". Via Internet sind alle dazu eingeladen, ihre eigenen Sammelobjekte in einer Art virtuellem Museum zu präsentieren. Es ist erstaunlich, wie sich Geschichten, Anschauungen und kulturelle Hintergründe in diesen persönlichen Dingen spiegeln. Unter der Adresse www.meineweltblog.de kann man seinen Beitrag zur Erweiterung des Sammelbestandes im Linden-Museum leisten. Die Filmgalerie 451 zeigt in Zusammenarbeit mit der Ausstellung eine siebenteilige Filmreihe unter dem Titel Weltsichten-Kino. Auch das Lockstoff! Theater wagt ein Experiment und hat mit sechs verschiedenen Regisseuren an sechs verschiedenen Orten "Prometheus Reloaded 6.0" produziert. Thematisiert wird der Held aus der Antike, denn erst mit dem Raub des göttlichen Feuers war die Entwicklung einer menschlichen Kultur überhaupt möglich.

Mit dieser Landesschau wird also allerhand unternommen, um das Selbstverständnis, mit der wir unsere Welt sehen, gründlich in Frage zu stellen. Am Ende wird und soll deutlich werden, dass wir nicht in der besten aller möglichen Welten leben, sondern nur in einer von vielen möglichen. Von Zeit zu Zeit ist es daher notwendig, seinen Standpunkt zu verändern, um alternativen Lebensmöglichkeiten mehr Verständnis entgegen bringen zu können.

Linden-Museum Stuttgart Weltsichten - Blick über den Tellerrand! 17. September 2011 bis 08. Januar 2012
Weltsichten
Ines de Castro
Ulrich Menter

Weltsichten


Blick über den Tellerrand!
Zabern 2011
336 Seiten, gebunden
EAN 978-3805343664

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