„Überlebensnotwendige“ Fragen nach dem Sinn der Welt
Gibt es nicht schon überreichlich viele Schriften, die in die Philosophie einführen? Mit unterschiedlichen Schwerpunkten – mal historisch, mal auf bestimmte Philosophen bezogen, mal auf verschiedene Disziplinen und Hauptströmungen. Nun hat auch Ulrich Steinvorth in seinem neuen Buch den Versuch unternommen, uns die Geschichte der Philosophie näherzubringen und der „überlebensnotwendigen“ Frage nachzugehen, was der Sinn der Welt ist. Sein Vorschlag: Wenn wir autotel handeln, können wir unserem Leben und der Welt so etwas wie Sinn geben. Autotelie ist demnach die Bedingung für die Sinnklärung und -gebung, nicht aber der Sinn selbst.
Ein wenig Nostalgie ist auch dabei: Das schmale gelbe Reclam-Bändchen umfasst gerade mal 112 Seiten, einschließlich einer recht umfangreichen Liste mit Hinweisen auf Bücher namhafter Autoren. Steinvorth entfaltet seine „kurze historische Einführung“ anhand von zwei fundamentalen Fragen der Philosophie: Was bedeutet das alles? Und: Was ist wirklich und keine Illusion? Die erste Frage nennt er die Sinnfrage und die zweite die Seinsfrage, die in die Wissenschaft führe. Das heißt: Ihre Beantwortung – das, was in der Welt der Fall ist – sei seit dem 17. Jahrhundert mehr und mehr und dann bis heute hauptsächlich Aufgabe der Wissenschaft geworden.
„Trotzdem starb die Philosophie nicht aus“, so der Autor. „Denn die Wissenschaft konnte die Seinsfrage und der Glaube die Sinnfrage nicht vollständig beantworten.“ Vielmehr gibt es nach Steinvorth Seinsfragen, die weiterhin Teil der metaphysischen Analyse und damit Teil der Philosophie sind. So habe sich die Wissenschaft bisher als unfähig erwiesen, „eine zentrale Seinsfrage zu entscheiden, ob nämlich Verantwortlichkeit und Willensfreiheit Sein oder Schein sind.“
Steinvorths Reise in die Philosophie beginnt – wie sollte es anders sein? – mit den griechischen Klassikern, mit Platon und Aristoteles. Philosophie sei damals ein gefährliches Unternehmen gewesen. Der bekannteste Fall: Sokrates wurde wegen Gottlosigkeit und als Verderber der Jugend zum Tode verurteilt und brachte sich schließlich selbst um. Steinvorth geht nicht weiter darauf ein, aber die Liste getöteter oder ermordeter Philosophen ließe sich noch um einige Namen erweitern: Boethius, Giordano Bruno oder Moritz Schlick zum Beispiel, der 1936 in Wien von seinem ehemaligen Doktoranden erschossen wurde.
Steinvorth beschreibt, wie sich die empirische Wissenschaft aus der Philosophie herauslöste und inwieweit Wissenschaft die Philosophie ersetzte. Mit dem Fokus auf die Vernunft und die individuelle Eigenständigkeit des Denkens entwickelte sich in der Epoche der Aufklärung eine große Skepsis gegenüber der Sinnfrage: Es sei gar nicht möglich, rationale Aussagen über den Sinn des Lebens und der Welt zu machen. Steinvorth erläutert mit nachvollziehbarer Klarheit, warum Ideologien wie etwa die von Karl Marx entstanden sind und warum heutige Ideologien sich vorwiegend nicht an der Wissenschaft, sondern an der Macht orientieren. Daher lassen sich diese Ideologien nach Steinvorth prinzipiell nicht mit philosophischen Wahrheitsklärungen vereinbaren. Allerdings müsse auch die Wissenschaft selbst von Politik und anderen Machteinflüssen ferngehalten werden, „um Wahrheit zu sichern“, wie Steinvorth ausführt. „Anders gesagt: Die Wissenschaften müssen unpolitisch sein.“
Um die Sinnfrage zu lösen, schlägt Steinvorth eine Bedingung vor, die er Autotelie nennt. Damit sei eine Eigenschaft von Handlungen und Erlebnissen gemeint, die „um ihrer selbst willen getan und erfahren“ werden, ohne einen Zweck oder ein Ziel zu verfolgen. Mit anderen Worten: Nur wenn es etwas gibt, das um seiner selbst willen getan oder erlebt wird, ist die Bedingung gegeben, unser Leben und die Welt als sinnvoll ansehen zu können. Die Autotelie-Bedingung schließe – zum Beispiel auf die Politik bezogen – totalitäre und nationalistische Lösungen aus, weil diese zweck- und zielgebunden sind: „Anhänger totalitärer Politik lassen autotelem Handeln keinen Platz, aber auch nationalistische Politik ist unvereinbar mit autotelem Handeln in Wertsphären.“ Wertsphären sind gesellschaftliche Institutionen wie Wissenschaft und Kunst oder auch Tätigkeitsbereiche. Die Akzeptanz von Autotelie verlange, schreibt Steinvorth, „Gesellschaften so zu organisieren, dass jeder diejenige Wertsphäre wählen kann, die seinen Neigungen und Talenten entspricht und ihm autoteles Handeln ermöglicht.“
Ulrich Steinvorth hat eine originelle, in weiten Teilen gut lesbare und nachdenkenswerte Einführung in die Philosophie geschrieben. Der Autor verbindet damit die Hoffnung, dass sie nicht nur ein philosophisches und wissenschaftliches Fachpublikum, sondern auch nichtphilosophische Leser erreicht. Das ist ihm zu wünschen! Aber an manchen Stellen wären dafür vielleicht eingängigere Formulierungen vorteilhaft gewesen. Dennoch ist das Buch für jeden Interessierten eine sehr empfehlenswerte Lektüre, um neue mentale Impulse für wichtige Grundfragen unseres Lebens zu bekommen.
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