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Die Phasen der Krisenbewältigung

14 Auflagen zwischen 1981 und 2018 sind in sich schon eine Erfolgsgeschichte, hinzu kommen Übersetzungen in 8 Sprachen. Damit hat die Autorin, Professorin für Bildungsforschung und Erwachsenenbildung an der Leibniz Universität Hannover, Trägerin des Literaturpreises, langjährige Abgeordnete im Deutschen Bundestag sowie Mitglied in verschiedenen Gremien des Weltkirchenrates und der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um Leiden und Behinderung und der entsprechenden Krisenbewältigung aus der Sicht der Betroffenen wie aus der der sie begleitenden Personen in der Gesellschaft geleistet. Sie hat dazu 6'000 Lebensgeschichten aus 4 Jahrhunderten, darunter über 2'000 aktuelle studiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass all diese Menschen – die Betroffenen wie die sie Begleitenden – die gleichen Phasen durchlaufen, die sich, wenn sie ihren Weg zu Ende gehen, als Spiralweg mit 8 Phasen darstellen lassen:

Unwissenheit (was ist eigentlich los...?)
Gewissheit (Ja, aber das kann doch nicht sein...?)
Aggression (warum gerade ich...?)
Verhandlung (Wenn... dann muss aber...?)
Depression (Wozu... alles ist sinnlos...?)
Annahme (Ich erkenne jetzt erst...!)
Aktivität (Ich tue das...!)
Solidarität (Wir handeln...!)

Dabei durchlaufen die betroffenen Personen diese Phasen in aufsteigender Linie von der Unwissenheit bis zur Solidarität, während die noch nicht betroffenen Dialogbereiten der Gesellschaft diesen Weg abwärts, d. h. in umgekehrter Reihenfolge gehen. (vgl. dazu S. 34)

Die Verbindung zwischen der aufsteigenden und der absteigenden Linie im Umgang mit dem Leid ist die Basis für die Komplementarität, die der eigentliche Kern der Analyse dieser Lebensgeschichten ist und im Laufe der einzelnen Auflagen des Buches bis zur nun vorliegenden 14. Auflage in all den Veränderungen und Erweiterungen immer stärker an Profil gewonnen hat, so dass nun die Botschaft unabweisbar eindeutig ist und sich folglich an alle in der Gesellschaft richtet.

Sicher verläuft dieses Phasenmodell im konkreten Leben nicht immer geradlinig, es kann und wird dabei auch Rückfälle in frühere Phasen ebenso geben wie deutliche Schübe nach vorne.

Die Autorin versteht sich bei alledem als Christin. Deshalb finden sich in dem Buch auch einige Beiträge zum Problemkreis "Begleitung und Glaube in Lebensgeschichten" (S. 63ff) wie Beiträge berühmter Theologen (z. B. Hans Küng, Dorothee Sölle oder Giesbert Greshake) über "Theologisches zu Leiden und Leidensfähigkeit" (S. 127ff). Als Religionswissenschaftler frage ich mich allerdings mit Blick auf den Komplementär-Spiralweg in 8 Phasen, der ja die Kernaussage des Buches bildet, ob es sich dabei um eine kulturunabhängige anthropologische Konstante handelt, wie das Buch sie suggeriert, oder ob nicht doch kulturell bedingte Umgangsformen mit Leiden und Leidensfähigkeit eine Rolle spielen. Diesbezüglich scheinen die mir bekannten Rezensionen zur japanischen und koreanischen Übersetzung des Buches eher die These von einer anthropologischen Konstante zu belegen. Es wird jedoch abzuwarten sein, ob dies wirklich für den buddhistischen, hinduistischen, islamischen und jüdischen Bereich generell gilt.

In diesem Sinne wünsche ich der 14. Auflage dieses Buches einen großen Erfolg für die Diskussion des Themas wie des vorgeschlagenen Lösungsweges in der Gesellschaft. Besonders aber wünsche ich mir eine Diskussion dieses Ansatzes im interreligiösen Dialog, um zu erfahren, ob und wenn ja welche Rolle die einzelnen Religionen bei der Bewältigung des Leidens spielen. Auf die Antwort darf man gespannt sein.


von Peter Antes - 23. Januar 2019
Warum gerade ich ...?
Erika Schuchardt

Warum gerade ich ...?


Leben lernen in Krisen
Vandenhoeck & Ruprecht 2018
368 Seiten, broschiert
EAN 978-3525620144

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