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Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

Sexuelles Schlaraffenland Sozialismus

75 Prozent der Frauen und 74 Prozent der Männer in der DDR gegenüber 84 Prozent der Männer und nur 46 Prozent der Frauen bejahten, befriedigende sexuelle Begegnungen in ihrem Leben gehabt zu haben. Einige Studien, die nach dem Mauerfall veröffentlicht wurden, bestätigen das, was die Autorin im Titel dieser Essaysammlung so provokant und treffend formuliert hat. Die weibliche Orgasmusfähigkeit des Ostens dürfte auch 30 Jahre nach dem Ende des Kommunismus mehr nukleare Sprengkraft für unsere Gesellschaft beinhalten als der gesamte Kalte Krieg.

Feministisches Schlaraffenland Staatssozialismus

Feministische Kapitalismuskritik aus dem "Herzen der Bestie" (the belly of the beast, Jack Henry Abbott), den USA, das hätte man im neuen Millenium wohl kaum mehr für möglich gehalten. Aber die amerikanische Ethnographin und Professorin an der University of Pennsylvania zieht alle Register, ihr aufsehenerregendes Buch an die Spitze der Sachbuchbestsellerlisten zu katapultieren. Denn das Thema war und ist brisant: die Unterdrückung von 50% der Bevölkerung aufgrund ihres Geschlechts. Dreißig Jahre nach dem Ende des Staatssozialismus kann man wieder einmal bilanzieren, dass gerade der Teil der Bevölkerung am meisten verloren hat, der am meisten arbeitet. Denn Frauen leiden nicht nur unter der Doppelbelastung Beruf und Familie, sondern auch unter der Diskriminierung durch schlechtere Löhne u. ä. Aber wie war das im Staatssozialismus eigentlich? Stimmt das gängige Vorurteil, dass es den Frauen dort damals besser ging, tatsächlich?

Die ökonomische Unabhängigkeit und der Sex

Tatsächlich hätten zahlreiche sozialistische Länder ihren Bürgerinnen durch die Integration in den Arbeitsmarkt, Lohngleichheit und eine aktive Sozial- und Familienpolitik ein hohes Maß an ökonomischer Unabhängigkeit garantiert. Dadurch konnten sich viele Frauen, ihre Partner nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Absicherung auswählen, sondern eben auch aufgrund von Sympathie, Zuneigung, und Liebe. Allein die finanzielle Unabhängigkeit ist ja schon eine Verbesserung, die für bessere Partnerschaften - und dementsprechenden Sex - sorgen würde. Als Zeitzeugin des Mauerfalls (Jahrgang 1970) unterscheidet die Autorin drei Typen von Erinnerungen: historische, intellektuelle und emotionale. In ihrem 2017 erschienen Buch "Red Hangover. Legacies of Twentieth-Century Communism" prägte sie auch den Begriff des GDO statt GDP: Gross Domestic Orgasm. Zum damaligen 100. Geburtstag der Oktoberrevolution resümierte sie, dass die Achtung der Rechte der Frauen eines ihrer zentralen Vermächtnisse für die Welt von heute sei.

Liebe statt Hiebe

Ghodsee beansprucht nicht, eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben zu haben, dennoch bedient sie sich einer verständlichen akademischen Sprache und macht auch klare Einschränkungen, etwa wenn sie betont, in ihren in vorliegendem Band versammelten Essays grundsätzlich von Cis- und nicht Transfrauen zu schreiben. Zwischen den einzelnen Kapiteln/Essays werden immer wieder Porträts von Männern und Frauen, die sich für die Frauenrechte stark gemacht haben, mit einem Porträtfoto eingeschoben, was den Text auflockert. Alles in allem eine sehr interessante Abhandlung, die zum Perspektivenwechsel beiträgt und neue Ideen zur Diskussion beiträgt. Ein wirklich lesenswertes Buch und ein wertvoller Beitrag zur aktuellen Debatte.


von Juergen Weber - 26. Januar 2020
Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben
Kristen Ghodsee
Ursel Schäfer (Übersetzung)
Richard Barth (Übersetzung)

Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben


Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit
Suhrkamp 2020
277 Seiten, broschiert
EAN 978-3518075142

USA



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