Das Wirken des Wehrmachtgenerals Walter von Seydlitz-Kurzbach
Das Jahr 2006 scheint das Jahr der wissenschaftlichen Studien zur militärischen Führungsriege des Dritten Reichs zu sein. Nachdem bereits Johannes Hürter seine umfangreiche Studie über "Hitlers Heerführer" vorgelegt hat, liegt nun die überarbeitete Dissertation (eingereicht in Freiburg bei Wolfram Wette) von Julia Warth über Walter von Seydlitz-Kurzbach vor. In zehn Kapiteln wird das Leben und Wirken aber besonders die Rezeption des Wehrmachtgenerals in der Öffentlichkeit analysiert. Nachdem zunächst der Forschungsstand knapp und souverän geschildert wird, erläutert Warth ihr methodisches Vorgehen. Die Autorin legt ihrer Studie einen offenen, integralen Widerstandsbegriff zu Grunde, mit dessen Hilfe sich Seydlitz Handeln als Widerstand charakterisieren lässt (S. 23). Die integrale Widerstandsgeschichte wurde maßgeblich von Peter Steinbach geprägt, der Widerstand nicht qualitativ, sondern oppositionelle Handlungen und Ansichten in zeitlicher Entwicklung und gradueller Steigerung erfasst.
Die frühen Lebensjahre von Seydlitz werden auf besonders wenig Raum dargelegt, was der Studie keinen Abbruch tut, im Gegenteil: Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Rezeption von Seydlitz' Wirken in der DDR und in der Bundesrepublik. Ziel der Autorin ist die Entmythisierung der Seydlitz Bilder, die in den letzten 60 Jahren vom Wehrmachtsgeneral gezeichnet wurden. An diese Stelle setzt Warth ein objektives und wissenschaftlich nüchternes Urteil, frei von jeglicher Parteinahme.
Der Wehrmachtsgeneral Walther von Seydlitz-Kurzbach war Spross einer preußischen Offiziersfamilie und seine Kindheit und Jugend wurde vom Militär geprägt. Dahingehend unterschied er sich von seinen späteren Offizierskollegen kaum. Ebenso befürwortete er die expansionistische Militärpolitik des Nationalsozialismus und hatte das typische antidemokratische und antibolschewistische Weltbild der Offiziere der Reichswehr und Wehrmacht. Julia Warth kann überzeugend darstellen, dass "bis zur Schlacht von Stalingrad" Seydlitz "als Rädchen in der Kriegsmaschinerie Wehrmacht reibungslos" funktionierte (S. 316). Durch die Weitergabe und sogar Ergänzung des Kommissarbefehls machte sich Seydlitz zu einem Träger des Vernichtungskrieges. Erst in seiner Kriegsgefangenschaft begann die Läuterung, hier erkannte Seydlitz seine individuelle Schuld und wandte sich offen gegen den NS-Staat. Um weitere unnötige Verluste zu vermeiden, müsse das Dritten Reich "abgeschafft" werden. Mit dieser Haltung unterschied er sich von der Mehrheit des Offizierkorps. Auch gehörte von Seydlitz-Kurzbach nicht den Widerständlern des 20. Juli um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an, sondern bewegte sich im Kreis Nationalkomitee "Freies Deutschland", weswegen sein Stellenwert im Geschichtsbewusstsein des Wiedervereinigten Deutschland geringer ausfällt als bei den Männern des 20. Juli. Obwohl er mit der sowjetischen Führung zusammenarbeitete, wuchsen seine kritischen Ansichten über die Sowjetunion. Seydlitz selbst erklärte, dass die Zusammenarbeit mit den Russen ein reines Zweckbündnis war, um das Ziel des Kriegsendes schneller zu erreichen. Auch die sowjetische Führung wich von der einstmals in Aussicht gestellten Repatriierung ab und stellte Seydlitz sogar 1950 vor ein Militärgericht, das ihn zu 25 Jahren Haft verurteilte.
In Westdeutschland wurde Seydlitz als Verräter stigmatisiert, die Boulevardpresse gab ihm sogar die Schuld am Tod deutscher Überläufer. Erst mit dem langsam einsetzenden gesellschaftlichen Wandel innerhalb der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren änderte sich die Sichtweise auf die Leistungen von Seydlitz. Laut Julia Warth markierte 1968 den "Beginn des Paradigmenwechsels" (S. 323). Nun wurden Rufe laut, Seydlitz' Handeln als vorbildlich zu erkennen. Seit Ende des Kalten Krieges ist die Brisanz um Seydlitz deutlich abgeschwächt. Langfristig wird sich eine "Anerkennung seines Handelns als Widerstand durchsetzen" (S. 326).
Julia Warth hat eine exzellente Untersuchung zum widersprüchlichen und spannenden Leben Walter von Seydlitz-Kurzbachs vorgelegt. Durch die klug ausgewählte Methode konzentriert sich die Arbeit auf das Wesentlich und verliert sich nicht in Detailfragen. Auch Quellen- und Materialgrundlage wissen zu überzeugen. Es wundert nicht, dass diese Dissertation mit dem Gerhard Ritter-Preis ausgezeichnet worden ist.
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