Was ist Wahrheit?
Im 20. Jahrhundert beklagte der weithin bekannte Philosoph Karl Jaspers eine zunehmende Wissenschaftsgläubigkeit. Auch heute werden oft Fakten präsentiert, ob zur Corona-Pandemie oder zur Migration. Handelt es sich bei solchen Tatsachen aber um Imperative oder nur um Daten, die der Interpretation und Einordnung bedürfen? Peter Strohschneider, von Haus aus Literaturwissenschaftler, sieht in der postmodernen Wissenschaftsgläubigkeit eine Bedrohung der Demokratie.
Die prominente Umweltaktivistin Greta Thunberg etwa behaupte, so Strohschneider, dass die Klimaprotestbewegung der Wissenschaft folgen würde. Sie weise das Politische zurück und mache die „Physik zum Instrument einer Politik der Politik-Verdeckung“, denn wer andere Auffassungen vertritt, steht sogleich – so denkt man als Leser – außerhalb des Diskurses. Thunberg arbeite mit „kategorialen Unschärfen“, die Physik begrenze die Politik. Aber gibt es eine „streitenthobene Wahrheitsinstanz“? Beendet eine vermeintliche wissenschaftliche Klärung jegliche Debatten? Strohschneider formuliert deutlich: „Wenn aber wissenschaftlich zu »klären« wäre, was ansonsten politisch »diskutiert« werden müsste, dann würde das Mehrheitsprinzip als Legitimitätsgrund demokratischen Entscheidens letztlich durch die Wahrheit der Wissenschaft ersetzt.“
An dieser Stelle wird die Wissenschaft zugleich auch zu einem politischen Instrument. Sichtbar ist dies an Reformbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche auf dem sogenannten „Synodalen Weg“, wenn dann unter Berufung auf eine umstrittene Position in der Soziologie – die „Humanwissenschaften“ Michel Foucaults – Diskurse eingehegt und Lehrmeinungen abgeändert werden sollen. Man kann das sicherlich ärgerlich, putzig oder belanglos finden, worüber, dank der Alimentierung durch Steuergelder, heute noch debattiert und auch berichtet wird. Indessen aber treten Hierarchien zutage: Wer es mit einer beliebigen Meinung aus der Soziologie hält, gilt als fortschrittlich und wissenschaftsfreundlich, und wer das nicht tut, der gehört zu den Ewiggestrigen, die Fortschritt, Innovation und Gleichberechtigung blockieren. Andere Beispiele bietet die Politik, so haben etwa zu den Zeiten der – öffentlich erklärten – Corona-Pandemie Institutionen wie das RKI oder der Deutsche Ethikrat ein breites Forum in der Öffentlichkeit erhalten, um ihre Ansichten und wissenschaftsbasierten Meinungen vorzubringen, mit denen dann Politik gemacht wurde oder die die Grundlage für staatliche Verordnungen bildeten. War die nächtliche Ausgangssperre in Bayern etwa eine wissenschaftsbasierte Maßnahme zur Eindämmung des Corona-Virus? Entsprach das faktische Berufsverbot von nicht geimpften Pflegekräften dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit? Wie lassen sich die umfassenden Restriktionen für Besuche in Pflegeeinrichtungen – auch von Schwerstkranken und Sterbenden – in den Corona-Jahren begründen und rechtfertigen? Follow the Science?
Strohschneider fragt: „Doch was für ein Staats- und Demokratieverständnis liegt vor, wo Politik auf die exekutive Umsetzung wissenschaftlichen Wissens reduziert wird? Wo bleibt die Freiheit der Wahl zwischen verschiedenen Handlungsalternativen? Gibt es einen Ort, an dem der demokratische Souverän ins Spiel kommen könnte? Und mit ihm neben der Sachrichtigkeit und Wirksamkeit auch die Legitimität politischer Entscheidungen?“ Der Autor setzt hier voraus – er tut dies mit Blick auf die „Klimakatastrophe“ –, dass es tatsächlich eine erkannte, unverrückbare wissenschaftliche Wahrheit gibt. Indessen ist ihm gewiss, dass Politik nicht, unter keinen Umständen, durch Wissenschaft ersetzt werden darf. Er fragt auch, wie mit Bürgern umgegangen würde, „die dem Leitungswissen der Wissenschaft nicht oder zu zögerlich sich beugen wollten“. Naiv und gefährlich ist es, einen „Schutzschirm unbedingter wissenschaftlicher Wahrheit“ zu suchen und zu finden: „Politische Macht würde despotisch, indem sie sich als epistemische Autorität ausgäbe.“
Peter Strohschneider hat eine Streitschrift vorgelegt, in der die Frage von Wahrheit, Wissenschaft und Politik schneidig und pointiert aufgeworfen wird – ein Buch, das zugleich ein Korrektiv zu jeder Art von wissenschaftsgläubiger Politik ist und darüber hinaus deutlich macht, dass scheinbar wissenschaftsbasierte politische Entscheidungen nichts anderes sind oder sein könnten als eine autoritäre Machtpolitik, die sich demokratisch nennen könnte, aber deswegen nicht demokratisch sein muss.
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