Die Lüge als Konstante
Nach Jahren der Abwesenheit kehrt der erfolglose Drehbuchautor Nikolas Finck aus Berlin in das fränkische Dorf seiner Kindheit zurück, den Ort, an dem die Familie über Generationen lebte und der Ur-Ur-Großvater Ende des 19. Jahrhunderts aus einer einfachen Schreinerei eine florierende Fabrik für Schulmöbel aufbaute. Als die Firma 1933 vor dem Konkurs steht, kann der Großvater im Zuge der Arisierung die erfolgreichere Möbelfabrik des jüdischen Geschäftsmanns Stein, mit dem er zuvor befreundet war, beinahe umsonst übernehmen, womit sein Aufstieg beginnt und der Grundstein zu einer international tätigen Aktiengesellschaft gelegt ist.
Nikolas bleibt länger in seinem Elternhaus als ursprünglich geplant, zieht sich in das frühere Arbeitszimmer seines Großvaters zurück, stöbert in alten Fotos, schwelgt in seinen eigenen Erinnerungen und rekonstruiert die Geschichte seiner Familie. Das Thema „Lüge“ zieht sich durch die Jahrzehnte wie ein roter Faden. In beinahe jeder Generation findet sich ein lügender Junge, erst sein Urgroßvater, dann sein Großvater, zuletzt Nikolas selbst. Aber die kleinen Lügen der Kinder, unter denen sie selbst vielleicht am meisten leiden, werden von den Lügen der Erwachsenen in den Schatten gestellt, die Nikolas spürt, aber nicht entlarven kann, und woran er beinahe zerbricht. In der Familie herrscht das Narrativ, der Großvater habe durch den Kauf der Firma Stein ein gutes Werk getan, indem er der jüdischen Familie die Mittel für deren – gescheiterte – Emigration verschaffte. „Leider sind sie alle gestorben“, so die Version der Mutter. „Sie haben Auschwitz nicht überlebt“, so stellt Nikolas es wahrheitsgemäß dar. Erst viel später erfährt er, dass ein Neffe Steins sehr wohl überlebt hatte und erst 1951, noch nicht einmal 40-jährig, in den USA verstarb, doch das wird in der Familie totgeschwiegen.
Für Nikolas ist die Erkenntnis, dass das nationalsozialistische Unrecht nicht nur den bekannten, in den Nürnberger Prozessen gerichteten Größen anzulasten ist, sondern viele Täter in der Durchschnittsbevölkerung zu suchen sind, und dass sie sich unter den eigenen Großeltern und denen seiner früheren Schulkameraden befinden, ein schmerzlicher Prozess.
Der voluminöse und vielschichtige Roman erzählt in parallelen Strängen. Größtenteils liest er sich spannend, wenn es auch einige etwas lang geratene, historisierende und philosophierende Passagen z. B. über die Geschichte des Sitzens und über Luther gibt, die zwar den Erzählfluss stören, aber für sich genommen durchaus interessant und fundiert sind.
In dem Maße, wie sich die Geschichte der Familie über mehrere Generationen vor seinen Augen ausbreitet, versteht der Leser allmählich die Leiden und den erfolglosen, unentschiedenen Lebensweg des Nikolas. Die Kälte und der Erfolgsdruck des Elternhauses, in dem nicht die Mutter, sondern ausgerechnet der Großvater dem Jungen die Wärme und Zuneigung entgegenbringt, die ein Kind braucht, ist plastisch dargestellt und gut nachzuempfinden. Und alles wiederholt sich: Auch Nikolas’ Urgroßvater Jean wollte nicht in die ihm zugedachte Rolle passen und litt darunter …
Monika Zeiners Stil ist gegenüber ihrem Debütroman „Die Ordnung der Sterne über Como“ reifer geworden, sich aber treu geblieben. Melancholisch ist auch der zweite Roman; die Liebe zu leben erscheint auch hier als Unmöglichkeit, lediglich die (groß-)väterliche Liebe, auch in der Form einer Bindung zwischen Onkel und Neffe, blitzt als Möglichkeit auf.
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