Maria Lazar: Viermal ICH

Jeder Bleistift eine Waffe

„Jeder Bleistift, mit dem ich schreibe, soll eine Waffe sein.“ Bereits in 2. Auflage erzählt dieser Roman der Literaturentdeckung der Zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts die Geschichte von vier Freundinnen. Maria Lazar, die Autorin, schrieb sie in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde durch einen glücklichen Zufall wieder neu entdeckt: 100 Jahre später.

Sommer voll Segel

Grete, Ulla, Annette und die Fremde bewohnen diesen Roman der Ich-Erzählerin, die das Geschehen in Tagebuchform festhält. „Und wer hier schreibt bin ich. Jawohl ich! Ich allein!" Die Erzählerin kämpft mit Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber ihren Freundinnen und lebt in deren Leben ebenso mit, wie sie ihr eigenes durch das Schreiben auslebt. Im Spiegel, in Fenstern oder im Wasser begegnet sie immer wieder „der Fremden“ und versucht sich vor ihren Blicken zu schützen, denn nicht sie möchte beobachtet werden, sondern sie möchte beobachten. „Zuschaun ist überhaupt etwas Niederträchtiges. Wer hat das Recht, den andern zuzuschaun?" Aus ihren Backfischträumen vom Doktor Alexander, ihrem Lehrer, wacht sie jäh auf, als die anderen Mädchen sich beginnen für echte Männer zu interessieren. Denn sie kann nicht bloß zuschauen, sie lebt mit, mit jedem Käfer, will wissen, was der andere fühlt, leidet, wünscht … Als dann ein gewisser Axel ins Spiel kommt, wird die Erzählerin unweigerlich in das Leben der anderen hineingezogen, denn sie weiß sich nicht zu schützen. Als sie ihrer Unschuld beraubt wird, findet sie folgende Worte: „Oh ich hatte wahnsinnige Schmerzen. Mir war, als würde eine unsägliche Kostbarkeit weggeschenkt, verschleudert und vernichtet." Denn es war natürlich der Falsche, nicht der Angebetete, der Geliebte. Denn dieser bleibt unerreichbar. Bis zum Schluss. „Oh stilles Warten ohne Träume!“

Der „Flaum ihres Nackens“

Wunderbare sprachliche Bilder ergötzen das Leserinnenherz und machen Neugier auf mehr Lazar. Denn beeindruckend ist nicht nur die Sprache selbst, auch die Personenbeschreibungen faszinieren. „Ungeduldig war Ulla. Die blauen Eiswasserblicke flackerten. Vielleicht gab es Schnee darin, geschmolzene Schollen." Einmal, als sie sich kränklich fühlt, muss sie viel an „Pfirsiche und gelbe Getreidefelder denken“ oder entdeckt beim Friseur „einen roten Kunstseidevorhang mit Blumensträußen, die sich wanden wie Polypen“. Grete ist eine von den Frauen, die nie spricht: „sie haben eine heisere Stimme und vielleicht auch ein heiseres Herz“. Annette kommt erst gegen Schluss ins Spiel, sie graust sich am wenigsten, greift zu, „ihre Finger warn Polypen, rote, unschuldige Polypen“. Für den Verrat an Grete hasst sie sich so, dass sie alle Spiegel weghängen will, denn Spiegel seien „Bilder. Immer wieder andere, unerträglich neue Bilder". Aber andererseits weiß sie auch: „Ich habe die Fremde nicht lieb, ich habe Angst vor ihr. Aber ich sehne mich nach der Fremden. (…) Ich will nicht leben ohne die Fremde." Dann wieder will sie sich einem Zirkus anschließen, weit, weit weg. Für Axel kauft sie dann noch Grapefruits und Herzkirschen, die er so gerne mag. Die Grapefruit zuckert sie sogar für ihn. „Deshalb soll dieses Buch hinaus zu jenen, die einsam sind und ihrer Einsamkeit nicht gewachsen. Wir wissen ja so wenig voneinander. Viel zu wenig. Sonst wär es nicht gar so schwer, allein zu sein."

Happy End für das Werk: Nachlass gehoben!

Am Ende kommt es dann doch zu einem überraschenden Plot Twist. Aber ob man das als Happy End bezeichnen kann, das beantwortet u. a. das Nachwort von Verlagsgründer Albert C. Eibl, der das Glück hatte, den Nachlass von Maria Lazar „auszugraben“. Denn ein Großteil des schriftstellerischen Werks war tatsächlich „in zwei schwarzmetallenen Kisten“ unter einem großen Überwurf im Wohnzimmer der Familie der Enkelin in Northampton für über sechs Jahrzehnte verschwunden. Bis 2022! „An meinen unbekannten Leser“, ein Gedicht von Maria Lazar, ist im Anhang nachzulesen und zaubert einem heute noch einen kalten Schauer über den Rücken. Ein großes Verdienst, dass der Verlag Das Vergessene Buch DVB das schriftstellerische Werk von Maria Lazar endlich wieder lückenlos zugänglich macht. Weitere Werke der Autorin und Übersetzerin finden sich auf der Homepage des Verlages. Empfehlung!

Viermal ICH
Viermal ICH
224 Seiten, gebunden
DVB 2025
EAN 978-3903244269

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