Wirtschaft

Unternehmensführung in komplexen und dynamischen Situationen

Bei den meisten Publikationen zum Thema "Unternehmensführung" handelt es sich entweder um populäre Managementfibeln im amerikanischen Stil "How to…", welche ein einzigartiges Erfolgsrezept suggerieren, oder um Bücher, die auf einem in sich geschlossenen betriebswirtschaftlichen Managementkonzept basieren und den "one-best-way" postulieren. Von beiden Kategorien hebt sich das vorliegende Werk von Hans-Erich Müller, Professor für Unternehmensführung und Organisation an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, wohltuend ab. Der Verfasser verfolgt einen integrativen Ansatz, d. h. er geht davon aus, dass unternehmerische Entscheidungsträger heute integrierte Lösungen in komplexen und dynamischen Situationen entwickeln müssen. Deshalb werden Themen aus gegensätzlichen Perspektiven betrachtet, so dass der Leser ein realitätsnäheres Bild entwickeln, vertiefte analytische Kenntnisse gewinnen sowie in Alternativen und Handlungsspielräumen denken kann.

Die fünf Teile des Buches befassen sich mit den folgenden Schwerpunkten:

1. Grundlagen: zuerst werden die Unternehmensführung aus traditioneller Sicht und der Wandel der Managementlehre referiert. Danach wird aufgezeigt, wie sich agile Managementmethoden und der klassische Planungsansatz unterscheiden und weshalb es sinnvoll ist, unterschiedliche Strategieperspektiven wahrzunehmen und diese zu integrieren. Abschließend werden die Kunst der Führung sowie die Rahmenbedingungen für die Unternehmensführung (Unternehmensverfassung und Corporate Governance) thematisiert.

2. Ziele: nach einem Überblick über das Zielsystem der Unternehmung wird begründet, dass zum Zweck des Unternehmens in Marktwirtschaften nicht nur die Wertsteigerung, sondern auch die Mission, der Grundauftrag des Unternehmens für alle Stakeholder, gehören. In diesem Kontext werden deshalb die klassischen Größen zum Performance Management, u. a. DCF und EVA, sowie die Balanced Scorecard behandelt. Dabei zeigt sich, dass der Shareholder- und der Stakeholder-Ansatz zwar zwei sich diametral gegenüberstehende Perspektiven beschreiben, Gewinn und Verantwortung sich jedoch nicht ausschließen müssen, sondern sich sogar ergänzen können. Auch die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility) kann ein Mittel zur Wertsteigerung sein. Im abschließenden Kapitel "Strategie unter Unsicherheit" geht es um das oft vernachlässigte Thema der strategischen Risiken und des Risikomanagements.

3. Strategien: die Strategien werden auf den unterschiedlichen Ebenen entwickelt. Dementsprechend werden in diesem Teil Geschäftsstrategien, Unternehmensstrategien und Netzwerkstrategien näher behandelt. Es zeigt sich erneut, dass Paradoxien und gegensätzliche Perspektiven die Strategielehre dominieren. Wettbewerbsvorteile werden auf der Geschäftsfeldebene durch ein entsprechendes Geschäftsmodell erzielt, aber es macht einen Unterschied, ob dieses aus Ressourcen- oder aber aus Marktperspektive entwickelt wird. Bei der Konfiguration des Unternehmens geht es um die Frage, ob das Unternehmen als Portfolio von autonomen Geschäftseinheiten geführt oder mit einem starken Kern von gemeinsamen Ressourcen, Aktivitäten und Produktangeboten integriert sein sollte. Des Weiteren geht es um die Alternativen, ob man evolutionär wachsen oder mit der Tradition brechen, ob man diversifizieren oder sich auf das Kerngeschäft konzentrieren sollte. Auf Netzwerkebene schließlich kommt es darauf an, ob die Organisation durch distanzierte Marktbeziehungen geprägt wird oder eingebettet ist, etwa durch partnerschaftliche Lieferantenbeziehungen, strategische Allianzen, interaktive Wertschöpfung sowie Crowdsourcing. Die beiden weiteren Kapitel befassen sich mit der Problematik der Strategiebildung und der Geschäftsmodell-Innovation.

4. Organisationsgestaltung: die Unternehmensleistung hängt nicht nur von der Strategie ab, sondern auch von deren Umsetzung in der Organisation eines Unternehmens. Diese besteht aus der Struktur (Anatomie), den Prozessen (Physiologie) und der Kultur (Psychologie). Bei den Organisationsstrukturen hat die multidivisionale Struktur einen besonderen Stellenwert und gilt als Managementinnovation. Außerdem ist zu klären, ob im Konzern eher zentral oder dezentral geführt werden sollte. Danach wird die Rolle der Prozesse, Projekte, Menschen und nicht zuletzt der Organisationskultur näher untersucht. Die weiteren Kapitel widmen sich dem Innovationsmanagement, Veränderungsmanagement und der Herausforderung digitale Transformation. Der Verfasser unterstreicht hierbei auch die wachsende Bedeutung, welche der Einbeziehung von Mitarbeitern bzw. der Arbeitnehmervertreter in die Gestaltung der durch die Digitalisierung beschleunigten Veränderungsprozesse in Unternehmen zukommt.

5. Internationale Strategie und Organisation: in diesem abschließenden Teil geht es insbesondere um die folgenden Fragestellungen bzw. Erkenntnisse:
- wie Unternehmen Chancen und Risiken des internationalen Wachstums identifizieren können, welche Formen des Markteintritts möglich sind und wie die Risiken kontrolliert und Ergebnisse erzielt werden können;
- dass die beiden strategischen Perspektiven globale Integration versus lokale Reaktionsfähigkeit die wichtigsten Orientierungen für die internationale Strategie und Organisation sind;
- welche Organisation zu einer zugleich global als auch lokal orientierten Strategie passt;
- was den Wandel im internationalen Kontext antreibt und welchen Stellenwert darüber hinaus Managementprozesse und Landeskulturen haben und welche Herausforderungen sich daraus für das internationale Personalmanagement ergeben.

Inhaltlich ist das Buch nicht wenig anspruchsvoll, da vom Leser die Fähigkeit erwartet wird, unterschiedliche Perspektiven zur Unternehmensführung sowie daraus erwachsene Spannungen zu verstehen und Widersprüche nicht zu vernachlässigen. Dennoch ist es nicht abstrakt geschrieben, sondern bleibt durch viele Praxisbeispiele von Amazon bis Zalando anschaulich und gut verständlich. Die vorliegende neue Auflage wurde grundlegend überarbeitet und aktualisiert. Dabei wurde der zentralen Herausforderung "digitale Transformation" besonderes Gewicht verliehen und neue Kapitel, beispielsweise "Smarte Produkte", "Industrie 4.0", "Plattformstrategien" und "innovative Geschäftsmodelle", aufgenommen. Somit kann die Lektüre dieses Werkes sowohl Studierenden an Hochschulen und weiterbildenden Akademien als auch Praktikern des Managements bestens empfohlen werden.

Unternehmensführung
Hans-Erich Müller

Unternehmensführung


Strategie - Management - Praxis
De Gruyter Oldenbourg 2017
412 Seiten, broschiert
EAN 978-3110471489

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