Schneeweiße Trauer
„Unmöglicher Abschied“ thematisiert das Massaker, dem 1948 nach einem Aufstand linksgerichteter Rebellen auf der südkoreanischen Insel Jeju 30.000 Menschen zum Opfer fielen, überwiegend Zivilisten.
Details der von der Bevölkerung erlittenen Grausamkeiten schildert die Autorin in Form von Aussagen von Zeitzeugen, welche die Mutter einer der beiden Protagonistinnen im Zuge der Suche nach ihrem verschollenen Bruder sammelte, eine Sammlung, welche die Tochter Inseon später fortsetzt. Erst durch diese Aufarbeitung der Geschichte beginnt Inseon, ihre Mutter besser zu verstehen, und möchte schließlich mit einer monumentalen Installation aus Baumstämmen auf einem Acker dem Leiden ihres Volks ein Denkmal setzen. Die Idee für diese Installation entstammt allerdings einem wiederkehrenden Alptraum ihrer Freundin Gyeongha. Die beiden Frauen wirken sehr eng miteinander verbunden, obwohl Gyeongha nicht auf der Insel lebt, sondern in Seoul. Auch charakterlich ähneln beide sich stark.
Die Farbe dieses jüngsten Romans der koreanischen Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang ist die Trauerfarbe Weiß: vertreten durch den allgegenwärtigen Schnee, der sich federleicht und sanft, zugleich aber tödlich auf Mensch und Landschaft legt, durch zwei weiße Vögel und durch die weiße Haut von Inseons Vater.
Dass in Han Kangs Romanen Gewalt und traumatische Erfahrungen thematisiert werden, kennt man bereits aus „Die Vegetarierin“ und „Deine kalten Hände“, in denen es um individuell erlittene Gewalterfahrungen in der Familie geht. „Unmöglicher Abschied“ behandelt eine kollektive Gewalterfahrung, natürlich mit individuellen Schicksalen, die aber die Bevölkerung einer ganzen Insel prägt. Obwohl man eigentlich das Gegenteil erwarten würde, geht dieses neueste Buch dem Leser weniger unter die Haut als die beiden vorerwähnten.
Vielleicht liegt dies an der intensiven Verwendung des Schnees als Symbol, das der Leser bald als solches erkennt. Zwar ist der Tod allgegenwärtig, bedrohlich ist er jedoch nur in der Vergangenheit des Massakers. In der Gegenwart, in der die beiden geliebten Vögel sterben und sowohl Inseon als auch Gyeongha sich leichtfertig lebensbedrohlichen Situationen aussetzen, hat der Tod nichts Endgültiges. Der Schnee kann mit seiner Kälte dem Leben ein Ende setzen, ist aber sanft, leicht und locker, lädt ein, sich in ihm versinken zu lassen, er bedeckt mit „flauschigen Hauben“, erzeugt eine eigenartige Stille und hat etwas Erlösendes. „Der geschmolzene Schnee, der in meine Turnschuhe eindrang, war eisig. Doch das Gefühl, das davon ausging, war gleichzeitig unglaublich sanft, so dass ich nicht wusste, ob ich bei jedem Schritt Schmerz oder Freude empfinden sollte.“ (S. 243)
Es liegt wohl an dieser Schönheit, mit der die Autorin immer wieder den Schneefall beschreibt, an der dadurch bewirkten Distanzierung und Relativierung sowie am Spiel der beiden Protagonistinnen mit ihrem eigenen Tod, mit den Versuchungen des Kältetodes, dass die Erzählung des vergangenen Grauens den Leser nicht sonderlich beeindruckt. „Unmöglicher Abschied“ ist ein lesenswertes Buch, das jedoch dem gewählten Thema nicht wirklich gerecht wird.
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