Unerwünschte Töchter Ein deutsches Jahrhundert
Miriam Carbe verfolgt in der weiblichen Linie ihrer Familie vier oder eigentlich fünf Generationen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. In den Schicksalen spiegeln sich nicht nur die Werte der bürgerlichen Gesellschaft ihrer Zeit, sondern auch die politischen Entwicklungen, was die Geschichte besonders interessant macht.
Miriams Urgroßmutter Margarethe musste sich eine Tätigkeit als Kindergärtnerin aus dem Kopf schlagen, weil eine arbeitende Frau nicht in ihr wohlhabendes, standesbewusstes Milieu passte. Als sie sich in einen protestantischen Medizinstudenten jüdischer Abstammung verliebte, verboten die Eltern ihr allerdings auch diese Eheschließung. Als Ausgleich durfte sie wenigstens die Ausbildung zur Kindergärtnerin machen und nach dem Abschluss zwei Tage pro Woche ehrenamtlich aushelfen.
Lange blieb Margarethe ledig, bis Felix auftauchte, der aus dem I. Weltkrieg nicht zurückkehrte und sie als junge Witwe mit zwei Kindern hinterließ. Schon hier zeigte sich, wie bitter es für eine Frau ausgehen konnte, allein auf die Ehe festgelegt zu werden. Doch Margarethe arrangierte sich mit ihrer Situation, indem sie in Dresden eine große Wohnung mietete und gleichzeitig sieben Zimmer an „Heimchen“ untervermietete, junge Frauen, die eine Ausbildung machten und neben Kost und Logis von den Eltern auch unter Aufsicht gestellt werden sollten. Dieses Geschäftsmodell war so lange erfolgreich, bis Felix’ Bruder auftauchte und die beiden heirateten. Wieder musste Margarethe ihrer Tätigkeit aufgeben und sollte fortan mit dem schmalen Einkommen ihres erfolglosen zweiten Mannes auskommen.
Die eigene Erfahrung hinderte sie freilich nicht daran, ihre Tochter Marianne ein Jahr vor dem Abitur von der Schule zu nehmen, weil sie eine Hilfskraft im vom Stiefvater gepachteten Gasthof brauchte und das Mädchen ja eh bald heiraten würde.
Marianne hatte wenig Glück im Liebesleben. Verehrer tauchten wiederholt auf, doch keiner meinte es wirklich ernst mit ihr. Inzwischen war die Familie froh über jeden Esser weniger und erlaubte ihr eine Ausbildung zur Stenotypistin. Nun schon dreißig geworden, verliebte sie sich in Meiningen in ihren Chef bei der Wehrmacht, im Zivilberuf Staatsanwalt, von dem sie unverheiratet schwanger wurde. Kurz vor seinem Tod anerkannte der Staatsanwalt immerhin die Vaterschaft, so dass Marianne und Monika seinen Namen Carbe erhielten.
Dieses Kapitel, das in den 1930er und 40er Jahren spielt, ist das interessanteste des Buchs. Gnadenlos werden rassistische und nationalsozialistische Einstellungen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Familie aufgedeckt. Über die junge DDR hingegen erfährt man wenig. Auch die Gründe für die vor dem Mauerbau noch mögliche Ausreise in die BRD über Berlin liegen weitgehend im Dunkeln. Materielle Not jedenfalls verfolgt Marianne und die kleine Monika auch im Westen.
Interessanterweise hat Miriams Mutter Monika Carbe selbst ebenfalls einen Roman über diese Zeit und das Schicksal ihrer Mutter Marianne geschrieben, der sich zu lesen lohnt: Das Testament des Staatsanwalts. Monika wurde tatsächlich Schriftstellerin, wie sie sich das schon als Jugendliche wünschte, und zudem eine anerkannte Übersetzerin und Rezensentin.
Erschreckend wird an dieser Familiengeschichte deutlich, wie Probleme und auch Traumata über Generationen hinweg weitergegeben werden. Was eine Generation am eigenen Leib leidvoll erfährt, mutet sie der nächsten in ähnlicher Weise wieder zu.
Die Tagebucheinträge, die das Material zu dieser Familiengeschichte lieferten, müssen in neuerer Zeit ergiebiger gewesen sein, denn das Buch wird mit der fortschreitenden Zeit zunehmend spannender. Einige unnötige Längen gibt es vor allem bei den Geschichten über Marianne und Monika als Baby und Kleinkind sowie bei Monikas Teenie-Liebeskummer, der zudem als Auslöser ihrer seelischen Erkrankung wohl zu sehr in den Vordergrund gerückt wird. Dafür waren vermutlich die wiederholten kindlichen Trennungserfahrungen und die entsprechend unsichere Bindung ausschlaggebender.
Insgesamt aber liest man den Roman beinahe atemlos in einem Zug. Und das liegt nicht nur daran, dass ich Monika Carbe kannte.
Alle Rezensionen von Eva Lacour