Wirtschaft

Angestellt beim Discounter

Gesellschaftspolitische Taliban in Deutschland, wie beispielsweise der Vorsitzende der Mövenpickpartei FDP, Guido Westerwelle, versuchen mit ihrer sozialrassistisch-neoliberalen Ideologie die Lufthoheit über die kaviargedeckten Stammtische der Gutverdienenden zu gewinnen. Sie wiegeln nicht alleine gegen Bezieher des sogenannten Hartz IV auf, sondern greifen generell alle anderen Armen in der sich weiter entsozialstaatlichenden BRD in aggressivster Form an. Die Hetzmaschine des Herrn Ministers, der aktuell in Südamerika offensichtlich die Interessen seines Amtes mit den geschäftlichen Bedürfnissen sowohl seines Lebensgefährten als auch Bruders in bewährter Manier "liberaler" Politiker verquickt, läuft gleichermaßen geschmiert, wie seine Partei, die sich seitens des Mövenpick-Konzerns mit "bestechender" Logik von Steuers(ch)enkungen für gewisse Kreise hat überzeugen lassen.

Gleichzeitig herrschen im unterbezahlten Gewerbe der Discountmitarbeiter Zustände, die man sich nicht hätte vorstellen können, worüber der ehrenwerte Herr Interessenvertreter des Kapitals sich zu äußern bisher nicht bemühte. Blickt man einmal hinter die Kulissen und auf die Praktiken des Umgangs mit Mitarbeitern seitens der diversen Billigmärkte nur in der BRD, so kann man es nicht alleine psychisch und/oder physisch instabilen Menschen in keinster Weise übelnehmen, wenn sie solche Arbeitsbedingungen schlichtweg nicht durchzustehen vermögen.

Dankenswerter Weise hat sich Ulrike Schramm-de Robertis zusammen mit dem Frankfurter Journalisten Daniel Behruzi Zeit als auch Mut genommen und sich die Mühe gemacht, diverse Praktiken besagter Firmen aufzudecken. Sie veröffentlich, wie es den Mitarbeitern in deutschen Billig-Discountern ergeht. Schwerpunktmäßig erzählt die Autorin, die eine KiK-Filiale (Billigtextilien) leitete, bei PLUS arbeitete und nunmehr in der Lidl-Krake angelangt ist, über ihre Erfahrungen in letzterem Konzern. Dort ist sie nicht zuletzt aufgrund ihrer Beharrlichkeit eine von weniger als zehn (sic!) Betriebsräten in mehr als 3000 Filialen im Land der sogenannten "sozialen" Marktwirtschaft.

"Lidl lohnt sich" und "Lidl ist billig" sind die wohl bekanntesten Werbeslogans dieses Discounters. Für wen sich Lidl lohnt, ist zweifelsfrei erwiesen, nämlich für seinen Gründer Dieter Schwarz, welcher über ein geschätztes Vermögen von über zehn Milliarden Euro verfügt. Und wer für Lidl billig ist, muss auch nicht lange hinterfragt werden: Die Beschäftigten! Dabei will man nicht verschwiegen, dass der Konzern etwas über den üblichen Tarifen in dieser Branche zahlt, im Gegensatz beispielsweise zu den dreisten Ausbeutern der Drogeriekette Schlecker oder dem Textildiscounter KiK. Es geht bei Lidl vielmehr um unbezahlte Überstunden, Bespitzelung der Mitarbeiter, Psychoterror, Strategien von Vorgesetzten, die die Mitarbeiter dazu bringen, mehr zu arbeiten, als sie eigentlich müssten, Maßnahmen, die ausschließlich zur Verhinderung der Gründung von Betriebsräten dienen usw. usw. Im Zuge dessen muss man davon ausgehen, dass Lidl nicht die einzige negative Ausnahme ist, sondern dieses Vorgehen auch in anderen Konzernen System hat. Lieber senkt man einmal mehr die Preise im Konkurrenzkampf beispielsweise zwischen ALDI und Lidl, statt seinen Mitarbeitern vor Ort, also in den Filialen, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Der Mehrwert für die Herren Schwarz oder Albrecht muss ja irgendwo erzeugt werden.

Und wie sehen die Methoden der Konzerne konkret aus? Beispiel: ""Bei mir sind heute der Verkaufsleiter und zwei Leute von der Revision in den Laden gestürmt, haben die Conny geschnappt und sich mit ihr im Aufenthaltsraum eingeschlossen." … Sie sei beim Diebstahl erwischt worden, habe der Verkaufsleiter behauptet. … Während dieses Verhörs durfte sie nicht telefonieren und nicht weggehen. Schließlich sind sie mit ihr zu ihrer Wohnung gefahren und haben sie durchsucht, um Produkte von KiK bei ihr zu finden…" (S. 38). Kaum zu glauben, was sich diese Leute erlauben und mit welchen Mitteln sie sowohl Recht und Gesetz missachten als auch gleichzeitig die Menschenwürde der Mitarbeiter mit Füßen treten. Wem bekannt ist, wie schnell man im sozialen Abrissstaat Deutschland zu Hartz IV durchgereicht wird, der kann sich vorstellen, dass Kündigung seitens der Beschäftigten vielfach keine Lösung ist.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus dem Hause Lidl: Nachdem die Autorin von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr arbeitete, genehmigte sie sich eine Pause, worauf der Verkaufsleiter sie anschrie. Frau Schramm-de Robertis antwortete: ""Herr Dettmann, ich bin seit 8 Uhr ununterbrochen an der Kasse. … Ich habe nach vier Stunden Anrecht auf eine Pause. Es sind fünf Stunden rum, und deshalb nehme ich mir jetzt meine Pause." "Nein. Sie gehen jetzt sofort raus und putzen die Einkaufswagen." "Wie bitte?" Sie haben mich verstanden. Stehen Sie auf und putzen Sie die Einkaufswagen. Das ist eine Arbeitsanweisung."" (S. 172). Die mutige Angestellte setzte sich durch, sie blieb in diesem Fall und bleibt bis heute konsequent. Das ist bewundernswert! Die Frage, wieviele andere Mitarbeiter, die täglich bei Lidl, ALDI, PLUS, KiK oder sonst wo terrorisiert werden, nicht diese Kraft aufwenden können, bleibt unbeantwortet. Für alle, die in jener oder anderen Branchen tätig sind und ihre Rechte wahrzunehmen beabsichtigen oder einfach für den "normalen" Bürger, welcher sich über solche Praktiken der Discounter zu informieren gedenkt, ist das Buch mehr als lesenswert; es ist nur zu empfehlen! Oder wie schrieb Günter Wallraff: "Eine sympathische Frau, ein sympathisches Buch!"

Ihr kriegt mich nicht klein!
Ulrike Schramm-de Robertis

Ihr kriegt mich nicht klein!


Eine Discounter-Angestellte kämpft um ihre Rechte
Kiepenheuer & Witsch 2010
208 Seiten, broschiert
EAN 978-3462041859

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