Norbert Elias: Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen

Gefühlsresonanz und Einsamkeit im Angesicht des Todes

Den Umgang mit Sterbenskranken scheuen viele Menschen heutzutage in der sogenannten zivilisierten Welt, selbst nächste Angehörige. Den Tod, nach Ansicht des Soziologen Norbert Elias wie alle Religionen und ihre Hoffnungen auf die Ewigkeit längst entzaubert, umgibt kein Geheimnis mehr. Aber das Phänomen des Todes weckt Ängste, Berührungsängste und erinnert an die eigene Sterblichkeit. Warum fürchten sich Menschen davor? 

Norbert Elias (1897-1990) reiht sich in die Denker der Aufklärung ein, huldigt aber nicht einer rationalistisch getönten Herzlosigkeit. Er beschreibt in diesem Buch, das erstmals 1982 erschienen ist, die Verdrängungsmuster der Endlichkeit und die innere Weigerung, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, eben mit ihm in Berührung zu kommen. Die Furcht vor dem Abschiednehmen besteht fort, auch für strikt säkular denkende Menschen. Zu anderen Zeiten war der Tod mit nicht therapierbaren Schmerzen und Formen existenzieller Grausamkeit verbunden: „Seuchen fegten über die Erde, Tausende starben in Qual und Schmutz, ohne Hilfe und Trost.“ Dazu trat die „Angst um das Seelenheil“ dazu. Das Leben in der letzten Phase war peinvoll, die Furcht vor der Hölle konkret greifbar.

Die Lebenswirklichkeit dieser Zeit ist uns heute im Letzten nicht vorstellbar. In der modernen Welt – und 1982 sicher nicht anders als 2025 – stellt Norbert Elias die Scheu und Unfähigkeit fest, starken Emotionen einen adäquaten Ausdruck zu geben. Sogar bei Beisetzungen wird oft nicht mehr die Farbe der Traurigkeit gewünscht. Der „Gebrauch ritueller Floskeln“ in Krisensituationen sei vielen Menschen „peinlich“ geworden, „unbefangenes Sprechen“ mit oder zu Sterbenden werde schwierig, aber die Sterbenden bedürften der Zuwendung und der Nähe: „Nur die institutionalisierten Routinen der Krankenhäuser geben der Sterbesituation eine gesellschaftliche Gestalt. Sie sind gefühlsarm und tragen viel zur Vereinsamung der Sterbenden bei.“

Die Leserschaft mag auch daran denken, wie selten viele Bewohner von Pflegeheimen Besucher empfangen. Sie vereinsamen still auf der letzten Wegstrecke. Die „Sterbesituation“ sei ein „weißer Fleck auf der sozialen Landkarte“. Viele ziehen sich von den Sterbenden zurück. Der Soziologe schreibt: „Dabei ist, wie bei jedem Abschied von vertrauten Menschen, deren Geste unverminderter Zuneigung für die endgültig Scheidenden vielleicht die größte Hilfe, abgesehen von der Linderung der physischen Schmerzen, die die Zurückbleibenden ihnen geben können.“

Auch der Existenzialismus, der unentwegt die Sinnfrage gestellt und die Kreation eines subjektiven Sinns betont hat, prägt den Geist der Zeit. Die Selbstverwirklichungswünsche enden, aber das Leben bleibt trotzdem lebenswert. Der Begriff Lebensqualität drängt sich auf, und flehentliche Blicke treten vor Augen von kranken Menschen, die noch nicht sterben möchten. Manche artikulieren dies. Andere fürchten sich vor der Ohnmacht, darauf nicht angemessen reagieren zu können. 

Die „gefühlsneutrale“ Atmosphäre eines Krankenhauses oder einer Intensivstation führt zur völligen Einsamkeit. Wir sterben hygienisch perfekt – eine schöne oder eine schreckliche Vorstellung? Norbert Elias schreibt über den „älteren Typ“ der Sterbebegleitung: „Die Familienmitglieder drängen sich um den Schwerkranken, bringen Essen, geben Medizin, säubern und waschen den Patienten, bringen vielleicht etwas Schmutz von der Straße ins Krankenhaus, pflegen den Patienten mit ungewaschenen Händen. Möglicherweise beschleunigen sie das Ende des Sterbens, denn das ist alles nicht besonders hygienisch. Möglicherweise verlängert ihre Gegenwart das Sterben, denn es kann ja für Sterbende eine der letzten großen Freuden ihres Lebens sein, daß sich die Familienmitglieder und Freunde um sie kümmern. Ein letzter Liebesbeweis, ein letzter Beweis für Sterbende, daß sie anderen Menschen etwas bedeuten. Und das ist eine der wichtigsten Stützen der menschlichen Existenz – eine Gefühlsresonanz bei anderen Menschen zu finden, für die man selbst Liebe oder Zuneigung empfindet, deren Dasein, deren Gegenwart ein warmes Gefühl der Verbundenheit in einem selbst auslöst.“ Schön ist die Zuneigung, die bis zum Ende währt. Auch an Ärzte denkt der Soziologe und wünscht sich freundliche, gütige Worte, darauf hoffend, dass die „Fürsorge für die Menschen“ im Abschied von der Welt größer ist als die „Fürsorge für die einzelnen Organe“.

Norbert Elias hat ein kluges, berührendes Buch geschrieben, lebensklug und sehr ernst. Es verdiente eine einsichtige Leserschaft im Jahr 1982, es hat auch heute eine solche Leserschaft verdient. Wir wissen alle: Niemand möchte einsam sterben. Das gilt für religiöse Menschen, die, warum auch immer, an ein ewiges Leben glauben, ebenso wie für diejenigen, die zu wissen meinen, dass mit dem Tod alles vorbei ist. Die „Gefühlsresonanz“, von der Norbert Elias schreibt, wird sich jeder Leser wünschen, im Leben und im Sterben.

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen
Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen
112 Seiten, broschiert
Suhrkamp 2025
EAN 978-3518588376

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