Literatur

"Menschen wollen ihr normales Leben haben."

Aus Sibirien stammt Olga Martynova, geboren 1962 in der Nähe von Krasnojarsk. Sie studierte in St. Petersburg, damals noch Leningrad genannt, russische Sprache und Literatur. Seit 1991 lebt sie in Deutschland, publiziert Romane, Lyrik und Essays. 2012 erhielt die Schriftstellerin für ein Kapitel des Romans "Mörikes Schlüsselbein" den Ingeborg-Bachmann-Preis, im Jahr 2015 hatte sie die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der FU Berlin inne. Olga Martynova schreibt leise und ungeschmeidig, zugleich schnörkellos, nicht stilisiert oder ziseliert. Aus Klugheit übt sie Zurückhaltung. 2016 erschien ihr Roman "Der Engelherd", im Frühsommer der vorliegende Band mit Beobachtungen in Europa. Essayistisch erzählt die Autorin von Wahrnehmungen in Russland und Deutschland.

Olga Martynovas Texte bergen ungewohnte Unterscheidungen. Sie vertraut ihren Eindrücken, bleibt skeptisch gegenüber normierten Betrachtungsweisen. Die rüde Verachtung der Medien von Empörten behagt ihr so wenig wie die glanzlose Kunstsprache des "Mainstreams". Die Autorin verehrt also weder den russischen Präsidenten Wladimir Putin noch dessen Gegner, beispielsweise, und sie positioniert sich auch dann nicht, wenn ein bestimmter Standpunkt erwartet, nahezu eingefordert wird. Schreiben heißt beschreiben, nicht moralisch zu urteilen. Die Arbeit am Schreibtisch versteht sie als Handwerk. Die Autorin wehrt sich gegen Zuordnungen. Die gebürtige Russin, die seit fast dreißig Jahren in Deutschland lebt, in beiden Sprachen publiziert, schreibt über Russland und die Krim. Sie möchte aber weder als "Russlandkritiker" noch als "Russlandversteher" auftreten müssen, auch nicht als "Vermittler" zwischen beiden Gruppierungen fungieren. Ebenso wenig möchte sie sich künstlerisch wie ein auf höchst konventionelle Art gewollt unkonventioneller Flaneur bewegen. Olga Martynova muss nichts erklären, auch nicht sich selbst. Sie möchte nur schreiben. Das Recht auf Meinungsfreiheit erlaubt auch, auf voreilige und endgültige Schlüsse zu verzichten, vor allem gestattet es, frei von Meinungen zu sein.

Die Essaystin Martynova also weiß sich weder zur Richterin noch zur Henkerin bestellt. Sie beschreibt einfach, schreibt weder pathetisch feierlich noch mokant ironisch. Auch riskiert sie, nicht verstanden oder missverstanden zu werden. Martynova spricht etwa von der nutzlosen Scham, die mancher mit dem Bekenntnis verbinde, Deutscher oder Russe zu sein. Wer das sage, der versuche, "sich vor der Verantwortung zu drücken und auf bequeme Weise ein unlösbares Problem zu lösen": "Es geht im Leben sehr oft darum, mit einem unlösbaren Problem leben zu müssen."

Moskau erscheint Olga Martynova wie eine "sich amüsierende Handelsmetropole", nicht wie die "gravitätische Hauptstadt einer Weltmacht": "Moskau löst allmählich die sowjetische Maske ab von seinem Gesicht. Ich kenne keine Stadt, der die Straßenwerbung so gut steht. Auch die emsig verschnörkelten Springbrunnen, neuen Türme und Türmchen und heiligen George." Sie schildert studentische Heiterkeit, die beglückende Normalität des unpolitischen Alltags. In St. Petersburg seien zwar auch die "bronzenen Lenins" noch sichtbar, aber die ebenso monumentalen wie bedeutungslosen Denkmäler gehörten zum Stadtbild: "In Petersburg begrüßt dich der erste schon unweit vom Flughafen mit seiner (wohin nur?) weisenden Hand. Sie scheinen keinen zu stören. »A-a, der«, winkt man ab. »Egal. Lieber, sieh mal, was für ein widerwärtiges Haus sie hier gebaut haben!«" Junge Menschen hätten oft "nur vage Vorstellungen von der jüngsten Vergangenheit", wüssten vieles nicht. Etwa, dass ihre Eltern nicht ins Ausland reisen durften oder bei "staatseigenen Geschäften stundenlang Schlange stehen mussten, um etwas Essbares zu ergattern". Nie hätten sie gehört, "dass alles Gedruckte, sogar Bonbonpapier, zensiert wurde".

Olga Martynova berichtet, dass der Zerfall der Sowjetunion, von Schriftstellerin wie Joseph Brodsky etwa enthusiastisch gefeiert, auch zur "Befreiung gefährlicher Nationalegoismen" geführt habe. Sie denkt über die Ukraine und ihre Präsidenten wie über den "Völkerbefreiungsromantismus des 20. Jahrhunderts" nach, auch über den Geist der "moralischen Überlegenheit". Das "Lesen von Gedichten" könne helfen, "die Wahrnehmung der Welt zu verfeinern": "Ich beobachte oft, wie Menschen, die seit ihrer frühen Kindheit in einem anderen Land als der Heimat ihrer Eltern leben und die Sprache dieses Landes besser als ihre eigene Muttersprache sprechen, sich nicht daran gewöhnen können, dass ihre Mitbürger sie als Fremde empfinden, ganz egal, ob das fremdenfreundlich oder -feindlich gemeint ist. … Ich habe Russland als erwachsener Mensch verlassen und hege, obwohl ich mich in beiden Welten zu Hause fühle, keine Ansprüche auf bedingungslose Zugehörigkeit zu einer der Welten und vertrete nur mich selbst. Die Frage, die mich jedoch interessiert: Ist das eine Illusion?"

Oft werde eine Kohärenz behauptet. Auch Geschichtsphilosophen wie Hegel und Marx sahen beständig verborgene Zusammenhänge und notwendige Abfolgen von Ereignissen. Wichtiger sei, so Martynova, ein "offengelegter Widerspruch". Die bestehenden Erklärungsmodelle zeigen eher die Unfähigkeit zu beobachten, und "zu oft werden zeitkritische Schriften zu einer Kohärenz um der Kohärenz willen gebracht, auf Kosten der Klarheit im Hinblick auf das jeweils beschriebene Problem, das manchmal keine Lösung hat". Zu viele Menschen heute glaubten, "über alles gleich gut Bescheid zu wissen". Das sei in der NS-Zeit gefährlich gewesen, auch heute könne das "Zeitalter des kollektiven Denkens" neu beginnen. Die "Filter der Medien" verführten dazu. Olga Martynova berichtet anschaulich von einer Podiumsdiskussion, an der sie beteiligt war, gemeinsam mit "Männern mit Vergangenheit", die Europa retten wollten. Uncharmant traten sie auf, meinten nicht Europa, sondern schienen, arrogant und selbstgewiss, die EU zu lieben: "Sie erzählen zum Beispiel, dass es zum ersten Mal in der Geschichte keine Visen zwischen den europäischen Ländern gebe und dass diese Tatsache Hoffnung auf Frieden verspreche. Wenn ich sage, dass es vor dem Ersten Weltkrieg ebenso keine Visen innerhalb Westeuropas gab, antworten sie, dass das etwas ganz anderes sei, ohne zu erklären, warum. … Und wenn ich sage, dass »wir« Europa im Sprachgebrauch nicht mit der EU gleichsetzen sollten, um das weitere Auseinanderdriften der ehemaligen Kaltekriegsländer wenigstens zu verlangsamen, fragt mich der Moderator gönnerhaft, »was wir im Westen tun können, damit wir Russland auf den Weg helfen, auf dem es die Bedingungen erfüllt, die uns erlauben, es in Europa aufzunehmen«." Insbesondere aber Dichter verfügten über die Begabung, der "Dummheit der Stunde" zu widerstehen, denn sie würden – anders als Platon behaupte – nicht "wie begeisterte Vögel ohne Verstand zwitschern", sondern könnten die Sprache präzisieren. Außerdem besäßen einige die "Frechheit", die "allgemeingültigen Vorstellungen und Forderungen nicht zu berücksichtigen": "Das ehrliche Denken ist widersprüchlich." Aktualität sei eine "tückische Sache", sie ändere sich ständig: "Keiner sieht die Gegenwart. Wir alle bekommen vom medialen Feld verschiedene Bilder, aus denen wir das auswählen, was unseren Vorstellungen entspricht. Aber im Unterschied zu Journalisten und Politikern können sich Künstler den Luxus leisten, diese Bilder zu ignorieren. Ob sie sich diesen Luxus nehmen, ist eine andere Frage."

Intellektuelle bezeugten ihre Ratlosigkeit durch banale Betrachtungen, die unreflektiert wiederholt würden, in westlichen wie in russischen Medien. Die "emotionale Eskalation" führe nur selten zu einem "Erkenntnisgewinn". Charakteristisch sei die "prinzipielle Beliebigkeit" solcher Äußerungen. Die "Stilistik der Propaganda" sei gefährlich: "Menschen sind auf keinen Fall verpflichtet, über russische Dinge Bescheid zu wissen. Es gibt vieles, was nicht weniger aufregend und wissenswert ist. Aber fast alle glauben, über Russland Bescheid zu wissen, und urteilen so kategorisch, wie sie das über zum Beispiel Malaysia nie machen würden." Gegenwärtig mündeten alle Gespräche in politische Themen, das sei eine "Neuheit": "Eine oft übersehene Lehre aus der Geschichte ist, dass es unlösbare Probleme gibt und dass es vielleicht am besten wäre, mit ihnen zu leben, ohne eine Lösung zu forcieren." Diese Bemerkung, dass die Geschehnisse nur Geschehnisse sind, für die es oft keine taugliche Lösung gäbe, zeigt das analytische Vermögen der Autorin. Sie vermag wahrzunehmen, was sie sieht, ohne nebulöse Erklärungsmodelle zu entwerfen oder gar Konzepte vorzulegen. Kausalitäten werden oft nur konstruiert: "Menschen werden von falschen Zusammenhängen in Denkfallen gelockt." Die "momentane Verblödung der Welt" – "auch meine eigene" –, so folgert die Autorin, sei in Verbindung mit der "zunehmenden Politisierung des Alltags zu verstehen". Versonnen indessen denkt sie an den Ossip Mandelstam und Heidelberg. Ihre essayistischen Reflexionen verwandeln sich dann in Poesie. Martynova beschreibt die Stadt am Neckar so liebevoll wie zärtlich: "Nur ist alles klein hier, nicht furchterregend, verhält sich zu Petersburg wie ein Puppenhaus zu einem wirklichen. Anders ist einzig das Schloss über der Stadt: die am Ende des 17. Jahrhunderts zum Stillstand gezwungene Zeit. Herbstliche Berghänge laufen von der Stadt in den Himmel. Oder sie strömen vom Himmel in den Neckar." Wer wollte nicht, so denkt der Leser, sein Herz in Heidelberg verlieren? Indessen, Poesie bewahrt Reisende heutzutage nicht davor, in dieser kleinen Stadt mitunter die Orientierung zu verlieren, inmitten von Touristenströmen und kulturell interessierten Reisegruppen aus aller Welt.

Olga Martynova versteht den Leser als "unverhofften Entdecker der Flaschenpost", der auch wisse, dass die "Probleme der Gegenwart" nicht Kunst mit gelöst werden könnten, denn: "Wir sehen die Gegenwart gar nicht." Wird von ihr berichtet? Martynova besucht die Krim und sieht die Verwüstungen des postsowjetischen Zeitalters. Ihr Fahrer erzählt resigniert, dass die "Stromversorgung" von "ukrainischen und krimtatarischen nationalistischen Organisationen gekappt" worden sei: "Kein Licht, keine Heizung, keine Verbindung zur Außenwelt, nicht einmal telefonieren sei möglich gewesen. Er habe seine Kinder zu den Großeltern bringen können, die auf dem Land in einem Haus wohnten und einen Heizofen hatten." Ohne moralische Gewissheit und ohne politische Ambitionen beschreibt die Autorin anschaulich, was sie sieht und hört. Gegenwärtig sind ihr die Debatten, die fern der Krim geführt werden – als ob ein medialer Gerichtshof beständig tagen würde: "Oft geht es Menschen, die über die Krim reden, gar nicht um die Krim." Der "Apfel der Zwietracht" sei gegenwärtig. Gehört die Krim zu Russland? "Auf der Krim leben Menschen, die nicht deshalb so gestimmt haben, weil sie russische Nationalisten wären, sondern weil sie sich als Teil Russlands empfinden, was wiederum nicht bedeutet, dass sie alles gut finden, was in Russland passiert. Sie wollen teilhaben, auch an den Protesten gegen das, was ihnen in Russland nicht gefällt, wollen sie teilnehmen. Auch als Opposition tätig sein. Diese Menschen scheinen niemanden zu interessieren." Die Kluft in der Gesellschaft wächst und weitet sich, nicht nur in Russland, sondern in ganz Europa. Die Wahrnehmungsverluste nehmen zu. Ein Taxifahrer berichtet über Donezk, Arbeit gebe es dort nicht: "Wenn man in die Ukraine käme, würde man dort gleich in die ukrainische Armee eingezogen und mit tödlicher Waffe in den Händen zurückgeschickt. Niemand will Bürgerkrieg. Auf keiner der Seiten. Menschen wollen ihr normales Leben haben. Aber wo willst du es finden, das normale Leben." Nichts mehr als ein einfaches, friedvolles und normales Leben, so scheint es, wünschen sich Menschen in ganz Europa. Dürfen wir noch darauf hoffen? Olga Martynova gibt redlicherweise keine Antwort. Sie beschreibt nur die Probleme, die sie sieht. Auch darum sind ihrem Buch viele einsichtige Leser zu wünschen, in ganz Europa und nicht nur in der EU.

Über die Dummheit der Stunde
Olga Martynova

Über die Dummheit der Stunde


Fischer 2018
304 Seiten, gebunden
EAN 978-3100024336

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