Zähflüssiges Orange
Der jüngste Roman des türkischen Autors Behçet Çelik kommt nachdenklich, langsam, unaufgeregt daher.
Eine Frau, Arzu, sucht ihre Farbe und ihre Freiheit: Gelb oder Orange. Und sie erinnert sich an Kindheitssituationen: „An einer Stelle des dicken Baumstamms war die Rinde abgeschürft. […] Diese Stelle ohne Rinde erinnerte an ihre Schulbank, in der Mitte waren Sprünge. Hinter der Baumrinde sah es also so aus: nackt. […] Am unteren Ende der Wunde hatte sich ein honigfarbener Tropfen gebildet, noch vor dem Abtropfen erstarrt.“ (S. 25)
Als sie eines regnerischen Abends eiligen Schritts, aber ziellos durch die Stadt streift, begegnet sie einem Mann, Kenan. Er sitzt allein vor einem Café, sie setzt sich zu ihm. Zunächst schweigen sie einander an, dann schreibt sie ihm Dinge zu, zuletzt entspinnt sich ein Dialog und anschließend tauchen wieder Erinnerungen auf – diesmal aber seine. Eine schwierige Beziehung nimmt ihren Lauf, die beiden streiten sich über Poesie und Prosa-Literatur, sie diskutieren in einer Gruppe und sind meist geteilter Meinung … Und irgendwann, Arzu versteht nicht, warum, ist die Beziehung zu Ende. Kenan und seine Gruppe kommen nicht mehr ins Café … Arzu war sich nie sicher, aber nun vermisst sie ihn doch.
Wieder erinnert sich Arzu: an ihren früheren Freund, an ihre ältere Schwester. „Irgendwo hatte sie gelesen, eine Geschichte beginne immer mit dem Abschied von zu Hause, doch manche meinten auch, die eigentliche Geschichte beginne mit der Rückkehr – warum sollte nicht beides richtig sein! Sie überlegte, dass ihre eigene Geschichte mit dem Abschied angefangen hatte, aber mit einem Unterschied: Sie hatte sich verabschiedet, als ihr Körper noch zu Hause war. War sie überhaupt jemals zu Hause? Vielleicht. Als sie noch sehr klein war. War die Frage womöglich falsch gestellt? War ihr Zuhause ihr je ein Heim gewesen?“ (S. 70)
Und als Dritte ist da noch die Ich-Erzählerstimme, die viel von Arzu, aber wenig von sich selbst berichtet. Manchmal, aber nur manchmal ist sie der Autor selbst. Sie reflektiert über Arzus Kindheit – da ist sie teilweise Arzus ältere Schwester –, ihre eigenartige Beziehung zu Kenan – teils ist sie Kenan – und über Arzus Leben insgesamt – teils ist sie Arzu selbst. Die Erzählerstimme umkreist gleichsam die Protagonistin und beleuchtet sie aus verschiedenen Perspektiven, beschreibt Konflikte am Arbeitsplatz – nun wiederum ist sie eine Arbeitskollegin –, erzählt von zerbrochenen Schulfreundschaften. So zeichnet der Autor nach und nach das Bild einer eigenwilligen, unabhängigen, schwer einzuordnenden Frau.
„Ich erzähle nicht von Fragen, deren Antwort ich von Anfang an kenne. Mich reizt es, wenn die Antworten sich beim Schreiben herauskristallisieren. Besser gesagt, das ist es, was mich zum Schreiben treibt“, sagte Behçet Çelik 2024 in einem Interview auf der türkischen Literaturseite K24.
Er schreibt in einer beeindruckend ausgefeilten Sprache, die die Lektüre zum Genuss macht, aber auch Ansprüche an den Leser stellt.
Auf Deutsch erschien 2021 eine Sammlung ausgewählter Erzählungen des mehrfach preisgekrönten Autors im Verlag auf dem Ruffel unter dem Titel „Glück Allein“. „Turuncunun Kıvamı“ ist sein vierter Roman.
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