Gesellschaft

Türkische Frauen leben in der Türkei wesentlich freier als in Deutschland

Dieses Buch stellt die Dortmunder Dissertation von Sule Çankaya-Kilci dar. Etwa die Hälfte der Darstellung befasst sich mit der Geschichte der türkischen Frauenbewegung vom Osmanischen Reich bis zur Türkischen Republik. In Osmanischer Zeit kämpften Frauen kaum um ihre Rechte; dies begann allmählich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Obwohl sich Frauen dann aktiv am nationalen Befreiungskampf beteiligten, besonders 1919 in Izmir und Istanbul, wurde die erste politische Partei von Frauen erst 1923 gegründet, aber sogleich verboten. Çankaya-Kilci rückt die allgemein verbreitete Sichtweise zurecht, die türkischen Frauen hätten ihre heutige Freiheit "der Weisheit des Nationalhelden Atatürk" zu verdanken [und] dass Frauen ihre Grundrechte erhielten, ohne dass sie hätten kämpfen müssen. [...] Es ist vielmehr dem aktiven Kampf der Frauen für ihre Rechte als auch für die nationale Unabhängigkeit zu verdanken, dass der "Nationalheld" gezwungen war, sie mit ihren Forderungen wahrzunehmen." (S. 67) Nach Auffassung der Autorin war "die erste Welle der Frauenbewegung in der Türkei wenigstens in einigen Punkten ausgesprochen erfolgreich" (S. 68).

Anschließend widmet sich die Autorin der Situation türkischer Migrantinnen in Europa, insbesondere in Deutschland und gibt einen ausführlichen Überblick über bisherige Untersuchungen, die sie allerdings größtenteils wegen methodischer Mängel und vorgefasster Meinungen zurückweist. Sie beleuchtet Hintergründe, Formen und Folgen von Migration.

Die eigene Untersuchung der Autorin nimmt in diesem Buch eher geringen Raum ein. Es handelt sich um eine qualitative Studie, wobei die Kriterien, nach denen die Interviewpartnerinnen ausgewählt wurden, teilweise unklar und die Größe der Untersuchungsgruppe leider nicht genannt ist. Die Interviewten entstammen größtenteils dem Bekanntenkreis der Autorin, womit die Auswahl auf keinen Fall als repräsentativ für Frauen türkischer Herkunft in Deutschland zu bezeichnen ist. Alle sind zwischen 30 und 35 Jahren alt, der zweiten oder dritten Einwanderergeneration zuzurechnen und denken liberal. Aufgrund ihres eigenen biographischen Hintergrundes gilt das besondere Augenmerk der Autorin dem Leben in oder zwischen zwei teilweise sehr widersprüchlichen Kulturen, wobei sie selbst und auch einige Interviewpartnerinnen dies als Bereicherung empfinden. Wichtig ist dabei, dass Konflikte mit den Eltern oder der Herkunftsfamilie, Probleme oder Einschränkungen, denen manche Frauen türkischer Herkunft in Deutschland ausgesetzt sind, von der Autorin nicht auf kulturelle Unterschiede zwischen der deutschen und der türkischen Kultur zurückgeführt, sondern als Generationenkonflikte gewertet werden. "Konflikte entstehen nicht entlang nationaler Identität, sondern zwischen verschiedenen Generationen." (S.184)

Aufschlussreich ist die Typologie türkischer Familien in Deutschland; die Autorin identifiziert hier sechs unterscheidbare Typen, wohingegen Deutsche eher zu der Auffassung neigen, türkische Familien in Deutschland gehörten allesamt dem ersten, traditionellen Typus an, den Çankaya-Kilci zwar auch als den häufigsten, keineswegs aber den einzigen betrachtet. Dieser Familientyp brachte seine traditionellen Werte und Normen aus der Türkei mit und erhielt sie auch in Deutschland aufrecht aus Angst, "ihre eigene Kultur könnte in einem fremden Land untergehen." (S. 174) Besonders die Töchter werden dabei strengen Maßregeln unterworfen. Leider entstammte keine der Interviewpartnerinnen diesem Familientyp.

Interessant ist, dass in allen sechs ausführlich geschilderten Interviews zum Ausdruck kommt, dass die Frauen große Unterschiede zwischen dem Leben von Frauen türkischer Herkunft in Deutschland und in der Türkei sehen, und zwar derart, dass Frauen in der Türkei wesentlich freier und selbstbestimmter leben könnten als Migrantinnen in Deutschland, deren Familien ein wenig den Anschluss an die schnell fortschreitende Entwicklung in der Türkei verpasst hätten. Eine Interviewpartnerin äußert die Auffassung, Mädchen seien in der Türkei sehr schlau und würden aufgeschlossen erzogen, allerdings bezieht sich dieser Eindruck auf die eigene Schulzeit in Istanbul. Doch auch nach Auffassung der Autorin ist es "eine generelle Aussage von Migrantinnen, dass sie sich in der Türkei freier bewegen können als in Deutschland. Allgemein gilt, dass sie sich in der Türkei besser und sicherer aufgehoben fühlen. Damit bezeichnen sie die türkische Umgebung in Deutschland als sehr konservativ. Ausschlaggebend sind hier gesellschaftliche Normen und die Angst vor negativen Gerüchten." (S. 176)

Insgesamt handelt es sich um ein anerkennenswertes Buch; wenn immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund ihre Situation in Europa selbst einer fundierten Analyse unterziehen und die Ergebnisse ihrer Überlegungen der Öffentlichkeit zugänglich machen, wird dies langfristig auch die Sicht der Mehrheitsgesellschaft beeinflussen.

Selbstsein und Bildung
Sule Çankaya-Kilci

Selbstsein und Bildung


Türkische Frauen im Kampf um Selbstbestimmung
Tectum 2006
236 Seiten, broschiert
EAN 978-3828890602

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