Traumnovelle Doppelmoral überall
„Nachtigall, Nachtigall, was singst du da für ein Lied?" Skopophilie, die Liebe zum Betrachten, gemeinhin auch als Voyeurismus bezeichnet, steht im Mittelpunkt dieser vor genau 100 Jahren erstmals publizierten Novelle des österreichischen Arztes und Schriftstellers Arthur Schnitzler. Als einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Moderne verknüpft die Traumnovelle geschickt Psychoanalyse, Kriminologie und Erotik.
Odyssee einer Wiener Nacht
Nach dem Reigen (1900) war Arthur Schnitzler als Skandalautor quasi schon etabliert. Aber Die Traumnovelle ging vielleicht sogar noch einen Schritt weiter, da sie unverhüllt die Vorlieben einer bestimmten bürgerlichen Klasse zeigt, die sich über die allgemein gültigen moralischen Gesetze hinwegsetzt. Fridolin und Albertine, ein scheinbar glückliches Paar mit bürgerlichen Sicherheiten und einer herzigen Tochter, sind Mitte der Dreißiger schon am Ende ihrer erotischen Beziehung angekommen. Albertine gesteht ihm einen Traum von einem dänischen Liebhaber und Fridolin gerät darob so außer Fassung, dass eine nächtliche Odyssee durch das Wien der Jahrhundertwende zu einer Bestandsprobe ihrer Ehe wird. Albertine träumt nur vom Betrug, aber Fridolin will ihn – aus Rache – auch realisieren, jedoch hält ihn innerlich irgendetwas davon ab. Er bekommt in dieser Nacht einige Angebote: da wäre Marianne, die Tochter des Hofrats, die ihn bekniet, dann die Mizzi, eine Straßenhure und schließlich die Baronin Dubieski, die ihn auf einer dubiosen Party am Galitzinberg von Wien vor einer geheimnisvollen Gesellschaft rettet. Ein Studienkollege, Nachtigall, der sich durch das Klavierspielen über Wasser hält, nimmt ihn, nicht ganz freiwillig, in jene Villa am Galitzinberg mit, die sein weiteres Schicksal und seine Ehe prägen wird.
Das „nekrophile désir"
Geschickt verwendet Arthur Schnitzler Sujets wie Verkleidung und Maske, „Larve", um die Doppelmoral des Bürgertums zu charakterisieren. Die Gewissenskonflikte, das Dilemma Fridolins wird authentisch beschrieben, etwa wenn er die Frauen auf der Party als Dirnen bezeichnet und gleichzeitig daran zweifelt. Oder sich Gedanken dazu macht, dass man(n) sein Leben nicht immer nur aus „Pflicht und Opfermut", sondern auch aus „Laune und Leidenschaft oder einfach nur um sich mit dem Schicksal zu messen" aufs Spiel setzen könne. An Albertine will er sich auch in Zukunft durch diese Art von „Doppelleben" rächen, denn er hält sie für eine ebensolche Dirne, wie die nackten tanzenden Frauen auf dem Feste.
Arthur Schnitzler entlarvt (sic!) nicht nur die Hypokrisie der Männer, sondern auch die einer bürgerlichen Gesellschaft, die Erotik in den luetischen Untergrund verdrängt, während die Ehe als heilige Institution gefeiert wird. „Das weibliche Idealbild, das der bürgerliche Mann in sich trägt", schreibt W. G. Sebald im Nachwort, „wird als das einer bis in den Tod treuen, aber nur für ihn käuflichen Frau" umrissen. Ein „nekrophiles désir" mache die Ehefrau zum Objekt einer von Grauen unterlaufenen Schaulust, der oben angesprochenen Skopophilie, die wisse, „dass sie sich nur an einem toten Objekt ungestört betätigen kann", so Sebald. Ein wirkliches Glanzstück der Literatur, das man sich in vorliegender, neuer Ausgabe, auch aufgrund des 1985 verfassten Nachworts von W. G. Sebald nicht entgehen lassen sollte.
Alle Rezensionen von Juergen Weber