Reisen

Island von innen

Die allgemeine Island-Euphorie, die sich im vergangenen Herbst um die Buchmesse und den Ehrengast aus dem hohen Norden ergeben hat, ist mittlerweile abgeebbt. Vermutlich ist es in unseren Breitengraden im Moment kalt genug, so dass wir uns nicht nach eisigen Polarnächten sehen müssen. Vor wenigen Jahren im Sommer hat die Journalistin Tina Bauer allerdings diese Sehnsucht gepackt, und sie ist gemeinsam mit einer Freundin mit der Autofähre an den nördlichen Rand Europas vorgedrungen und hat ein Jahr auf der Insel verbracht. Ihre Erlebnisse hat sie in einem Buch verarbeitet.

Island ist eine lebensfreudige und freundliche Insel, auch wenn man es dem kalten Klima nicht zutrauen würde. Die beeindruckende Natur, die interessanterweise von vielen Isländern als nicht so besonders eindrucksvoll erlebt wird. schildert sie in ihren Veränderungen im Jahresverlauf. Da wechseln sich helle nordische Sommernächte mit den scheinbar nicht enden wollenden Winternächten ab, so dass ein Bild entsteht, das lebendiger nicht sein könnte. Vor dem inneren Auge des Lesers werden Assoziationen mit einem fremden und doch so nahen Land wach, dessen Natur ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Oftmals ist es das Wetter, das das Leben auf der Insel bestimmt. Bei strahlendem Sonnenschein werden exzessive Feste im Freien gefeiert und bei Kälte und Dunkelheit sind die Straßen in Reykjavik, wo Bauer eine Arbeitsstelle in einem Museum gefunden hat, wie leer gefegt. Wenn in Sommer gutes Wetter herrscht, scheint die ganze isländische Nation mit ihren knapp 400'000 Einwohnern auf den Beinen zu sein und die Sonne spüren zu wollen.

Spannend zu sehen ist das Bild, das sich aus den Erlebnissen von Bauer ergibt. So bekommt der Leser durch die Augen der Autorin ein Bild des modernen Islands vermittelt, dass in Zeiten der Krise zusammensteht. Dieses Zusammenstehen ist allerdings kein bloßes geistiges Einnisten in den Grenzen des eigenen Horizonts. Die Isländer, von denen Bauer berichtet, nutzen die Krise und wecken ihre kreativen Kräfte bei dem Versuch, mit kooperativ betriebenen Design-Läden ein Gegenmodell zum lange vorherrschenden Finanzkapitalismus zu etablieren. Ganz unbemerkt von dem prädominanten Islandbild der vergangenen Jahre, mit seinen abgedrehten Musikerinnen und einem scheinbar ungebrochenen Glauben an Elfen und germanische Götter hebt Bauer aus dem persönlichen Bericht Island als eine moderne Nation hervor, die in ihren Einzelteilen genauso kontrovers und Gegensätzlich sein kann wie jede andere westliche Gemeinschaft.

Vor gut 80 Jahren bereiste der deutsche Diplomat Ulrich von Hassel die Insel und berichtete in seinem Tagebuch von seinen Erlebnissen. Auf dem Pferderücken erkundete er die nähere Umgebung von Reykjavik und berichtete von seinen Begegnungen mit Menschen, die eigensinniger nicht sein könnten. Vielleicht sind diese Berichte immer von der Kultur eines Landes geprägt. Gut möglich, dass von Hassel die Berichte und Erzählungen von der dickköpfigen Landbevölkerung kannte und diese kulturellen Zeugnisse genauso in den Bericht einfließen ließ wie später meisterhaft Laxness. Tina Bauer ist in ihrem Bericht stärker von modernen kulturellen Einflüssen geprägt, die vermutlich eher auf dem Selbstverständnis der Isländer der 90er Jahre und des folgenden Jahrzehnts basieren. Gut möglich, dass das aber auch die Auswirkungen der vermeintlich mythischen Kräfte sind, die viele Besucher der Insel bis heute in ihren Bann ziehen.

Ein Jahr in Island
Tina Bauer

Ein Jahr in Island


Reise in den Alltag
Herder 2011
192 Seiten, broschiert
EAN 978-3451061394

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