Literatur

Eine Ehe auf Abwegen

"Audrey, wie wär’s wenn wir ein bisschen rausgehen, einen Spaziergang machen?"
"Bei dem Wetter?"
"Uns ein bisschen den Kopf durchpusten lassen", sagte ich, während ich mir die Schuhe anzog, und sie zuckte die Achseln und sagte: "Wieso nicht?"
Weil ich dich von der Scheißklippe stoßen werde, Audrey, deshalb nicht.

Die Ehe zwischen Al und Audrey liegt brach, seit Jahren schon. Als mit der gemeinsamen Tochter das letzte verbindende Element zwischen beiden das elterliche Haus verlies, ist das Augenscheinliche zum Offensichtlichen geworden. Audrey ist Al zu fett, zu langweilig, zu spießig, zu alt. Sein ganzes Leben mit Audrey, sein Taxifahrerdasein, sein Haus in der spießigen Bungalowsiedlung, Tür an Tür mit ebenso stinknormalen, langweiligen Nachbarn - all dies hat er satt. Einzig Miranda, offiziell die zwanzigjährige Tochter eines befreundeten Paares, inoffiziell aber das Resultat einer leidenschaftlichen Affäre zwischen Al und Iris und damit seine Tochter, gibt seinem Leben noch einen Sinn. Für Al gibt es nur eine Lösung aus dem eigenen Elend: Audrey muss sterben. Nach einem Streit folgt er ihr an einem verregneten Sonntag zur Klippe und gibt ihr scheinbar den finalen Stoß. In freudiger Erregung über seine neu gewonnene Freiheit geht er nach Hause und findet dort Audrey, sich verführerisch räkelnd vor dem Kamin. Wie ist das möglich? Er hatte sie doch gerade von der Klippe gestoßen. Sie trug doch den gelben Regenmantel, oder etwa nicht? Und wenn es nicht Audrey war, wer war es dann, dem er da gerade den finalen Abgang verschafft hat? Und wo war Audrey in der vergangenen Stunde? Al ist fassungslos.

Doch mit dem Unfassbaren bekommt die Ehe einen neuen Kick, für Al und Audrey beginnt ein neuer Frühling. Kaum beginnt ihm dieses neue Leben zu gefallen, legt sich ein neuer, viel dunklerer Schatten über sein Gewissen. Miranda ist nach einem Streit mit ihrem Vater verschwunden und keiner weiß wohin. Zuletzt trug sie einen gelben Regenmantel! Sollte Al das Schicksal wirklich derart übel mitspielen? Hat er in seinem Wahn tatsächlich seine eigene Tochter die Klippe hinuntergestürzt?

"Cliffhanger", so lautet der knappe Titel, dem Tim Binding seinem neuen Roman und auch seiner Hauptperson Al geliehen hat. Denn Al’s Schicksal hängt an einem dünnen Fädchen über der verheerenden Klippe, dessen Ende er selbst nicht in der Hand hat. Bindings neuer Roman ist eine erstklassige schwarze Satire, der es an Eigentümlichkeit, Witz, Spannung und Dramatik nicht fehlt. Binding, der selbst lange Jahre erfolgreich als Lektor gearbeitet hat, entschied erst vor knapp zwanzig Jahren, selbst zu schreiben. Sein letzter historischer Roman "Henry - Seefahrer" eroberte im Sturm die Feuilletons. James Joyce und John Updike wurden immer wieder als Bindings geistige Vorfahren genannt. Nun ist dem britischen Autor ein geschriebener Road-Movie der besonderen Art gelungen. Um das fragwürdige Traumpaar Al und Audrey, deren Geschichte nicht selten an eine absurde Version von Bonnie und Clyde denken lässt, versammelt Binding ein skurriles Personenkarussell. Da ist zum einen die bekiffte Nachbarin Alice, genannt Mrs. Schnüffelnase, die in ihren Erinnerungen an die wilden Zeiten mit Led Zeppelin und den Rolling Stones schwelgt und Al an dem regnerischen Nachmittag auf dem Weg zum Kliff gesehen haben will. Da sind Kim und Gaynor, die nachts, mit einem Strick verbunden, spazieren gehen und von denen Kim lange Jahre eine Affäre mit Miranda hatte. Oder der Major, der als Zahnarzt in der benachbarten Militäranlage arbeitet und in seiner Sporttasche Mirandas aufreizende Wäsche mit sich herumträgt. Und schließlich noch DI Rump, der ortsansässige Polizist, der Al’s Leidenschaft für Zierfische teilt, dafür aber mit seiner Ehe bezahlen musste. Dies alles ist deutlich mehr, als der ganz normale Wahnsinn des Alltags. Und wo fallen schließlich Menschen von Klippen wie Regentropfen vom Himmel? Und während sich die unterschiedlichen Geschichten des besagten Nachmittags vor dem Auge des Lesers auffächern, bleiben Audreys Erlebnisse an diesem regnerischen Sonntag im Dunkeln. Hat sie Al vielleicht sogar gesehen, wie er der Person im gelben Regenmantel, die sie hätte sein sollen, den Gnadenstoß in den Abgrund gegeben hat? Hat dieses Ereignis des Schreckens ihre emotionale und körperliche Wende herbeigeführt? Musste erst diese Katastrophe geschehen, dass sie und Al sich wieder näher kommen konnten?

Je länger Al selbst nach Antworten in diesem Verwirrspiel sucht, umso enger scheint sich die Schlinge um seinen Hals zu ziehen. In jeder Kleinigkeit meint er einen Zusammenhang zu Mirandas Verschwinden und seinem kaltblütigen Mord zu sehen und macht sich damit nur umso verdächtiger. Er versucht alles, um aus den strahlenden Scheinwerfern der Tat in den Schatten der Unschuld zu gelangen: er versucht, Augenzeugen zu beseitigen, erpresst Verdächtige und verprügelt Mirandas ehemaligen Geliebten. Wer mit wem hier sein verwegenes Spiel spielt, lässt Binding bis zuletzt im Dunkeln. Am Ende gibt mehr als eine Leiche, mehr als einen Täter, mehr als einen Mord.

"Cliffhanger" ist eine hervorragende Tragikomödie, geschrieben von einem Autor, der eine ganze Menge von seinem Metier versteht. Sprachlicher Tiefgang und Witz, Sinnlichkeit und Abgebrühtheit stehen ganz selbstverständlich nebeneinander und geben dem Roman die komische Note, die den bitterbösen britischen Humor auszeichnet. Dabei bleiben die Geschehnisse des besagten Sonntags geschickt im Ungefähren, so dass dabei auch noch ein erstklassiger Thriller entsteht, dessen Sog unwiderstehlich zum Weiterlesen animiert.

Cliffhanger
Tim Binding

Cliffhanger


Marebuchverlag 2008
350 Seiten, gebunden
EAN 978-3866480896
aus dem Englischen von Ulrike Timmermann und Klaus Wasel

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