Der Zauberer am Tegernsee
Acht Wochen lang verbrachte die Familie Mann im Sommer 1918 am Tegernsee. Kriegsbedingt war die Versorgung nicht einfach, und Thomas Mann haderte mit seinem weitläufigen Werk „Betrachtungen eines Unpolitischen“, das im Herbst, als Krieg und Monarchie endeten, erscheinen sollte. Das Bekenntnis zur „machtgeschützten Innerlichkeit“, wie er selbst sagte, erreichte wider Erwarten eine durchaus freundliche, wohlwollende Aufnahme, besonders unter Monarchisten, zu denen dann Mann bald selbst nicht mehr gehören wollte. Vorher aber verbrachte die Familie mit allen Kindern und Hund Bauschan einen Sommer am See.
Kerstin Holzer porträtiert auf höchst unkonventionelle Weise den Schriftsteller, mit Zitaten aus seinen Erzählungen, Romanen und Essays, setzt dezent und manchmal auch effektvoll Tagebucheinträge ein und skizziert mit großer Sympathie Ehefrau Katia, die sehr viel mehr für ihn tat als das marode, moribunde Kaiserreich. Sie hielt ihn schreib- und arbeitsfähig, denn ohne Schreibtisch war ein Leben für ihn nicht vorstellbar. Thomas Mann, von den Kindern später „der Zauberer“ genannt, spazierte am See, sah oft gelassen dem Spiel der Kinder zu, arbeitete strikt und diszipliniert weiter und entspannte sich auch literarisch. Man darf sich den Romancier als einen glücklichen Menschen vorstellen, wenn er mit dem geliebten Hund Bauschan unterwegs war und „Herr und Hund“ verfasste, die Erzählung, die nicht grundlos den Untertitel „Ein Idyll“ trägt. Ein „resoluter Sommerguss“ am Tegernsee tut dem keinen Abbruch. Ein „Gepäckgebirge“ hat die Manns in die Sommerfrische begleitet, auch die dunklen Nachrichten über den Krieg reisen mit. Holzer schreibt, Mann stecke in einer „handfesten Krise“.
An Gestaltungsfreude und Produktivität mangelte es ihm aber nie, auch wenn er die „katastrophale Ernährungslage“ tatsächlich bemerkt. Er denkt ansonsten nicht gern über Alltägliches nach. Katia beschützt ihn nach Möglichkeit vor Verdrießlichkeiten jeglicher Art. Die Verpflegung bringt Herausforderungen mit sich, Manns fünf Kinder sammeln Schnecken, die nicht besonders schmackhaft sind: „Thomas Mann wird dieser Fleischersatz allerdings nicht vorgesetzt.“ Katia findet noch immer Wege, bei Bauern in der Nähe etwas Nahrhaftes aufzutreiben. Inwendig bedrängt ist er von den bald erscheinenden „Betrachtungen eines Unpolitischen“, von denen er sich inwendig zu distanzieren beginnt, die ihm fremd zu werden scheinen. Anders gesagt: Thomas Mann entwickelt sich. Er wird wenige Jahre später zu einem der wortmächtigsten Verteidiger der ungeliebten Weimarer Republik und zu einem hellsichtigen Analytiker des kommenden nazistischen Ungeistes.
Thomas Mann fühlt sich frei in der Landschaft, Auge und Seele baden „in wilder Schönheit“, und er genießt in Gesellschaft seines Hundes beim Morgenspaziergang den See: „Gerade beim Gehen, findet er, laufen sich die Gedanken warm und finden neue Zusammenhänge. Die setzt er dann um, wenn er sich vormittags an den Schreibtisch setzt, für drei oder vier Stunden.“ Nachmittags empfängt er Besuch, auch korrespondiert er weiterhin. Kerstin Holzer schreibt: „Der Anblick des Wassers, ob des Meeres, eines Sees oder Baches, versetzt ihn in einen Zustand von Träumerei, Trance, Trost. Alles fließt. Es ist Sehnsuchtsort und Sinnbild des Lebens und rauscht immer wieder durch das Werk von Thomas Mann.“ Anders als in den „Buddenbrooks“, als er Schopenhauers Metaphysik bemühte, spiegeln sich im Tegernsee nicht ein inneres Drama, viel eher gelingt es dem Schriftsteller, ruhebedürftig, dort auch Ruhe zu finden. Der „zutiefst antiautoritäre Künstler“, ahnungslos mit Blick auf jede Art von Pädagogik, taugt nicht zum Erzieher, nicht mal eines Hundes. Er kann also kein „erwünschtes Verhalten“ vermitteln: „Das gilt für den Hund, womöglich fürs Personal, auf jeden Fall auch für die eigenen Kinder.“
Anschaulich und freundlich bettet Kerstin Holzer das Kennenlernen von Katia Pringsheim in die Geschichte ein, von der schönen, lebenslustigen jungen Frau ist er sehr angetan, auch wenn ihn seine Fantasien, die er nicht auslebte, allzu oft anderswo umherschweifen ließen. Sein ältester Sohn Klaus ließ seinem Begehren dann freien Lauf. Um Katia werbend, bemerkte die Familie Pringsheim weniger „Liebesglühen“ als „lauter Korrektheit“. Er war ihr aufrichtig und von Herzen zugetan, sein Leben lang: „Wenn stumme Verständigung durch Blicke, vor allem über etwas Komisches, kein gutes Zeichen für eine gelingende Ehe ist, dann weiß er auch nicht.“ Ob Mann in seinem Werk aber wirklich „die Masken fallen lässt“? Germanisten haben in den letzten Jahrzehnten sehr viel dazu geschrieben, dass der Familienvater, der sicher die „Qualen der Ambivalenz“ kannte und der hier als „Seelenkenner der Schwierigen“ beschrieben wird, Verlockungen und homoerotisches Begehren kannte und darüber auf seine Weise Auskunft gab. Wer Thomas Manns Werke liest, wird diese Nuance seiner Person aber niemals als Interpretationsschlüssel für seine Erzählungen und Romane nutzen wollen: „Katia fühlt sich von den Träumen ihres Gatten kein bisschen bedroht. Die Wirklichkeit bietet ihr keinen Grund dazu.“
Bedenkenswert sind die Bezüge, die Kerstin Holzer zwischen Mann und Adalbert Stifter entdeckt, wenn die „Naturbeobachtungen“ bedacht werden, die „Schönheit des Einfachen“ und die Pracht der Alpen, und der Zauberer stellt fest, dass er sich bei Stifter wie zu Hause fühle. Die sanfte Porträtistin erweist sich zudem als humorvolle Erzählerin, und auch Thomas Mann hätte wohl gelächelt, wenn er diese Passage hätte lesen dürfen: „Da kommen sie angriffslustig. Pünktlich zum September sind sie da, die bayerischen Wespen. Knabbern im Gebüsch an Brombeerrispen, umsummen Hagebutten, drängen durch die geöffneten Sprossenfenster ins Haus, auf Jagd nach Fleischresten. Die finden sie nur selten. Wenn schon mal Braten serviert wird in den Ferien der Familie Mann, bleibt garantiert nichts übrig.“
Dieser schmale Band über die Zeit, die Thomas Mann und die Seinen in der Sommerfrische verbringen, ist ein wahrer Lesegenuss – nicht nur für die Urlaubszeit. Kerstin Holzer ist zu danken für ein kostbares Buch über die Familie Mann.
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