The Rolling Stones

Rock’n’roll Urgestein

"Als die 60er begannen war es, als öffneten sich die Gefängnistore." (Waldemar Janusczak) Schon 1963 hatten die Rollenden Steine 60 Auftritte an 30 verschiedenen Orten im Vereinigten Königreich absolviert. Damals noch als Vorband (!) von Everly Brothers, Bo Diddley und Lil Richard. Aber 58 Jahre nach ihrer Gründung (12. Juli 1962 erster Auftritt) sind sie fast die einzigen Überlebenden von damals. Um nicht zu sagen die letzten Mohikaner.

Der Inbegriff von Rock'n'Roll

Zahllose visuelle Tropen und Klischees, die wir mit Rock’n’roll verbinden würden, wurden von den Stones erfunden oder zur Perfektion gebracht, schreibt Luc Sante in seinem Einführungsessay über die wohl beste aber sicherlich dienstälteste Band der Welt. "Den trotzigen Blick, die Abkehr vom abgestimmten Bandoutfit, das aggressiv dandyhafte Erscheinungsbild, die zu jeder Tag- oder Nachtzeit getragenen Sonnenbrillen, die bunten Seidenschals, ...". "Sie spielten sich selbst", schreibt Sante, "sie konstruierten eine kollektive Identität, eine fünfköpfige Romanfigur, die eine ebenso einzige künstlerische Leistung darstellt wie ihre Musik". Das Coverfoto auf der aktualisierten Ausgabe des Taschen-Verlages stammt aus der Zeit von Jumpin’ Jack Flash und zeigt wie sehr die Stones ihre Kunst beherrschten: "Die Vielzahl der Bilder schuf eine überzeugende Illusion von Intimität, auch wenn die gestellten Fotos den spontanen zahlenmäßig weit überlegen waren", konstatiert Sante.

Instant-Aristokratie des Glamours

Zweifellos waren die Stones nicht immer Herren ihres Schicksals, auch wenn sie nach den düsteren Zeiten der Redlands-Razzia alsbald in ein neugeschaffenes soziales Milieu der "Instant-Aristokratie des Glamours" aufstiegen. Wie auch ein Foto (Fur Hood, 1965) von David Bailey zeigt, auf dem Mick Jagger sich in einen Pelz hüllt und siegessicher in die Kamera blickt. Bald galt er als Protoyp des Narzissten, der die damalige restriktive englische Gesellschaft sogar im Kleidungsstil übertrumpfte. Andere Fotos von Fotograf Bob Bonis zeigen Brian Jones, der ein guter Schwimmer war, mit anderen Bandmitgliedern am Pool des Fort Harrison Hotel. Dort soll auch "I can’t get no (satisfaction)" entstanden sein. Von Norman Parkinson stammt die Fotoserie mit dem Model Nicole de Lamargé "How to kill 5 stones with one bird". Eine Fotostrecke der ganz besonderen Art.

Höhen und Tiefen

Auf Höhepunkte folgten immer wieder Niederlagen wie etwa das Konzert auf der Waldbühne Berlin im September 1965. Es wurde sogar als "Tiefstpunkt der Entertainmentgeschichte" bezeichnet, denn nach 20 Minuten wurde das Konzert aufgrund von Wurfgeschossen abgebrochen. Natürlich auch der Tod des guten Schwimmers Brian Jones in seinem Swimming Pool oder Altamont, beides 1969, waren schweren Stunden, die gut dokumentiert sind. Ein cooler Shot von Fotograf Jerry Schatzberg zeigt die Stones vor einem Promoauftritt in der Ed Sullivan Show in Frauenkleidern in der East 24th Street. Und das schon 1966: die Stones waren eben ihrer Zeit schon damals um Jahrzehnte voraus. Auch was die von den Medien gerne propagierte Bandrivalität betrifft, erfährt man von Keith Richards, sei nur eine Propagandamaschine gewesen. In Wirklichkeit vorabtelefonierten sich die Stones und Beatles vor Single-Erscheinungen oder besuchten sich gegenseitig im Studio. "Es gab Platz genug für beide", so Keith Richards lapidar. Michael Cooper hatte das Coverfoto von Sgt. Pepper gemacht und schoss auch "Their Satanic Majesties Request", auf dem sich Minibilder der Beatles - um die Stones in Tüll eingeflochten - erblicken lassen. Ein anderes Foto von Michael Cooper zeigt Brian in "voller psychedelischer Montur" im Juni 1967. Außer den Hosen ist eigentlich alles mit Glöckchen, Kreuzen und Krimskrams behängt oder mit Rüschen verziert.

Die Indianer aus England

David Dalton schreibt in seinem begleitenden Essay, dass "Aftermath" das erste Album mit lauter Eigenkompositionen gewesen sei. Die Faszination der Stones erklärt er mit folgenden Worten: "Nachkriegsengland war schäbig, farblos, dumpf und deprimierend. Den strahlenden Gegensatz zu dem heruntergekommenen Land bildete die Wunderwelt USA in Breitwand und Technicolor - Cowboys, Gangster, Filmstars, alle mit dem Boogie-Woogie-Virus des Rock'n'Roll infiziert." Die englischen Vorstadtjungs, die Stones, spielten den Chicago-Blues und R&B zurück ins Mutterland USA, wo es wiederum zu einer Neubewertung der eigenen Musik kam, so Dalton. "Englands Newest Hitmakers", "12x5", "The Rolling Stones, Now!", "Out of Our Heads" oder eben "Aftermath" waren allesamt eine geniale Neufassung des Blues, Country, Gospel und Soul. Keith hatte dazu einfach  die unterste (E)-Seite seiner Gitarre amputiert. Einer der ersten Songs, bei dem er die fünfsaitige offene G-Stimmung benutzte war "Jumpin’ Jack Flash", die Nummer der Wiedergeburt, die er als "wie Satisfaction, nur umgekehrt" beschrieb. Ein weiterer Vorteil: bei der offenen G-Stimmung kommt man im Grunde mit drei Noten aus.

Die Aristokratie der Fotografie zeigt die Stones

Weitere der mehr als 450 Fotos stammen von David Bailey, Annie Leibovitz, Cecil Beaton, Anton Corbijn, Herb Ritts, Albert Watson, Andy Warhol, David LaChapelle, Peter Beard, Helmut Newton, Bent Rej, Gered Mankowitz und Norman Parkinson. Essays von David Dalton, Waldemar Januszczak und Luc Sante begleiten die aufregende Bandgeschichte, die im Anhang mit einer ausführlichen Chronologie der Bandgeschichte und ihrer medialen Rezeption, einer Diskografie und Kurzbiografien der Fotografen. "Saxum volutum non obducitur musco" zitiert Waldemar Janusczak den altrömischen Autor Publius Syrus, der diesen Satz 50 v. Chr. schrieb. Ganz so alt sind die Stones zwar noch nicht, aber tatsächlich haben sie noch kein bisschen "musco" (Moos) in ihrer beinahe 60-jährigen Bandgeschichte angesetzt. Für Mick, Keith, Charlie und Ronnie ist dieses Buch das offizielle fotografische Archiv der Rolling Stones, der sie bestimmt noch viele Kapitel hinzufügen werden!

The Rolling Stones
Reuel Golden (Hrsg.)
The Rolling Stones
466 Seiten, gebunden
Taschen 2020
EAN 978-3836582056

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