Kunst

Bunt surrealistisches Film-Epos

"Am I staring?", sagt Ruby (Jena Malone) zum Auftakt dieses surrealistischen Mysto-Thrillers in Argento-Manier zu ihrer neuen Kollegin Jesse (Elle Fanning), die als gerade mal 16jährige noch neu im Model-Business ist. Ruby starrt Jesse tatsächlich an und durch die Reflektion der Spiegel wird ihr neidischer Blick auf die junge unverbrauchte Schönheit Jesses mehrmals gebrochen. Gekonnt setzt der Regisseur von "Drive" und "Only God Forgives" die Spiegelung der Kamera durch die Spiegelung der Spiegel außer Gefecht: wir sehen keine Reflektion der Wirklichkeit mehr, sondern die Realität selbst: ungeschminkt, ungekünstelt und wahrhaftig.

"Small girl, big dreams!"

Die Models unterhalten sich auf der Damentoilette, ein harmloseres Thema als Schönheit sind die Namen von Lippenstift, die die Hersteller ihren Produkten geben: sie haben immer mit Sex oder mit Essen zu tun. Nach mehreren Schönheitsoperationen fühlen sich die älteren Kolleginnen von Jesse als "bionic women" und Jesse fragt verunsichert, ob dies denn auch ein Kompliment sei?"If a young girl walks into town, everybody thinks how high can she climb...and is it higher than me?", erklärt eine Freundin Rubys der jungen, unbedarften Jesse. Cooler Sound, Neonlichter, 80er-Disco-Atmo, immer wieder Stille und dann plötzlich kommen wieder diese Bass-Beats, dann geht Jesse über eine Brücke und im Hintergrund sieht man Downtown L. A., das nicht nur einer Beton-Wüste ähnlich sieht, sondern ebenso einer tatsächlichen Wüste, so sandfarben und gelb ist seine Vegetation in jenem Moment als Jesse in das Agentur-Büro zu ihrem Termin eilt, wo ihr eine große, internationale Karriere im Model-Business vorhergesagt wird. "Small girl, big dreams! Always say: nineteen, nineteen" wird ihr von ihrer zukünftigen Vorgesetzten geraten, denn Jesse ist erst gute 16 und genau das zählt in diesem Business: immer lächeln und lügen. "People believe what they are told.", so die Agenturchefin.

Puma in Koma

Eine Stadtrundfahrt durch das nächtliche Los Angeles im Coupé eines Freundes führt Jesse in die Hollywood Hills, von wo aus man auf die Lichter der "L. A. Woman" hinabsehen kann. Es sind unzählige Lichter, beinahe so viele wie Sterne am Himmel. Aber der Weg zurück ist weniger luxuriös, denn Jesse wohnt in einem Hotel, wo ein besoffener Motelier - dargestellt von Keanu Reeves - ihr die Schuld gibt, dass sich ein Bergpuma in ihr Zimmer geschlichen hat. Die Außenwelt ist so feindlich wie die Model-Welt freundlich ist, aber ersteres ist wenigstens authentisch, da es auf keinen Profit oder Gewinn abzielt, nur dann bekommt man in dieser "Stadt der Träume" nämlich Ehrlichkeit. Die Autofahrten und Ausblicke auf die Stadt, die Swimming Pools und Villen in denen der Film gedreht wurde, erinnern stark an Mullholland Drive von David Lynch, aber die Dialoge fügen dem noch etwas Wesentliches hinzu. "I have no talent at all", sagt Jesse oben, in den Hollywood Hills mit Blick auf die City of Dreams, "but I am pretty and I can make money out of `pretty"."

Obsession "Schönheit"

Die Bilder, mit denen die "Obsession Schönheit" umgesetzt werden, arbeiten mit krassen Gegensätzen, aber auch Allegorien. So ähnelt der Fotograf Jack mit seinen Blicken stark dem Bergpuma in Jesse’s Motelroom und auch er stürzt sie vorerst in Dunkelheit, um sie dann zärtlich mit Goldfarbe zu übermalen. In einer anderen Einstellung zeigt Refn "L’Origine du monde" vor der beleuchteten Stadt der Engel, um dann aus der Dunkelheit wieder in die grellbunte Neonbeleuchtung des Fotostudios zu wechseln. Die Kleider von einer Designerin, mit denen man sich kaum bücken kann, spielen auch eine Rolle und schließlich erfährt am Ende von "Neon Demon" auch Bunuels Auge aus "chien andalou" eine Neuinterpretation. Ein buntes surrealistisches Film-Epos als Spektakel, Leckerbissen für alle Cineasten und die es noch werden wollen, aber ganz sicher nichts für Zartbesaitete.

The Neon Demon
Nikolas Winding Refn (Regie)

The Neon Demon


Koch Media 2016
Laufzeit: 118 Min.
EAN 4020628821609
verschiedene Ausführungen

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