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Eva Maaser: Tango finale

Falsche Fährten

Steinfurt im Münsterland, Februar, Fastnachtszeit. Man findet die Leiche einer jungen Frau, noch im Tod eine Schönheit. Der Fund ist bizarr, denn die Leiche, bekleidet nur mit einem Unterkleid, steht gegen einen Baum gelehnt, Hand- und Fußstellung als würde sie Tango tanzen. Verletzungen sind keine sichtbar, doch ist der Körper von Eis überzogen und gefroren. Wer ist die Tote? Zunächst glauben Kommissar Rohleff und seine Mitarbeiter, dass es sich bei dem Fund um eine junge Türkin handelt, wird sie doch auch durch die Mutter identifiziert. Aber dann kommen den Ermittlern Zweifel.

Kriminalromane mit lokalem Bezug sind allseits beliebt und sprechen für eine Verbundenheit von Leser und Autor zur geografischen Region. Doch auch Ortsfremde lassen sich gern zu einer Lektüre verführen, läßt diese im besten Fall eine Kopfreise zu dem beschriebenen Ort zu. Eva Maaser stammt aus Westfalen und siedelte auch ihre beiden Krimis - sie eröffnete die Reihe mit dem 2000 erschienenen Roman "Das Puppenkind" - dort an. Neben dem Kriminalgenre ist Maaser noch im Feld des historischen Romans tätig, darunter ihr Debüt von 1999 "Der Moorkönig".

In "Tango Finale" beschränkt sich der regionale Bezug mehr oder weniger auf ein "name dropping" und führt Leser und Ermittler denn auch für das letzte Drittel nach Berlin. Hier allerdings ist Ortskenntnis und/oder eine gute Recherche ersichtlich und macht aus dem Münsterländer Krimi fast ein Berlin Buch. Nur die Fahrpreise der öffentlichen Verkehrsmittel lassen erkennen, dass das Manuskript schon länger vorlag, denn die Berliner Verkehrsbetriebe scheinen die Preise mit alljährlicher Regelmäßigkeit zu erhöhen.

Interessant sind die Charaktere der Ermittler, der Roman kann hier als eine Verhaltensstudie gelesen werden, was ihm gut bekommt. Näher ausgestaltet sind Kommissar Rohleff und Harry Groß. Rohleff muss sich mit seinen späten Vaterfreuden auseinandersetzen. Die Gefühle zum Sohn sind noch gespalten, denn im Vorfeld der Schwangerschaft seiner jungen Frau musste Rohleff einige ärztliche Prozeduren über sich ergehen lassen, da "die Qualität seines Spermas zu wünschen übrigließ". Seine Unausgegorenheit wirkt sich auch im Verhältnis zu dem Kollegen Groß von der Spurensicherung aus. Seit Rohleff mit einem weiteren Kollegen Harry Groß zu Hause aufsuchte, gärt die Gerüchteküche: "Harry Groß benutzte Taschentücher mit eingesticktem Monogramm, keine Papiertücher wie gewöhnliche Leute, das paßte zu einem Mann mit einer Vorliebe für englischen oder schottischen Tweed, aber paßte es zu einem, der sich zu Hause ausschweifend in schwere Seide hüllte, auf der ein rotgoldener Drache prangte? Rohleff wunderte sich im stillen, allerdings kannte er sich mit Männer von Harrys sexueller Fraktion wenig aus." Wer hier, schon zu Beginn des Romans, entlarvt wird, ist Rohleff und nicht Harry Groß. Rohleff versteht nur den Einheitsmenschen, aber nicht den, der aus dem allgemeinen Schema herausfällt. Harry Groß ist ein Kulturmensch mit Sinn für Ästhetik, für die schönen Dinge im Leben. Dies reicht aus Rohleff zu verunsichern und in Groß einen Homosexuellen zu sehen. Den Vorurteilen sind Tür und Tor geöffnet.

Zu Rohleffs und seiner Kollegen vagen Entschuldigung kann angemerkt werden, dass Groß sich in dem Fall der schönen Toten merkwürdig verhält und damit Rohleffs Haltung bestärkt. Harry Groß kannte die Tote, war ihrer Anziehung erlegen, plagt sich aber mit Erinnerungslücken betreffend den Nachmittag an dem er sie aufsuchte. Die Verwicklung ist ihm peinlich und am liebsten würde er den Fall schnell alleine klären, er weiß auch, er würde zu den Verdächtigen zählen, wenn er jetzt seine Bekanntschaft mit der Toten öffentlich machte.

So agieren Rohleff und Groß nebeneinander, schleichen umeinander herum wie zwei kampfbereite Raubkatzen, von Verdächtigungen, Vorurteilen und Verletzungen geplagt. Erst nachdem der Fall gelöst und der Vorgesetzte mit sich im Reinen ist, kommen die beiden Ermittler sich wieder näher und man kann annehmen, dass beide etwas über sich und den anderen erfahren haben, was die zukünftige gemeinsame Arbeit positiv beeinflussen wird.


von Eva Magin-Pelich - 01. Januar 2003
Tango finale
Eva Maaser

Tango finale


Aufbau 2002
228 Seiten, broschiert
EAN 978-3746618166